Text: anton waldt aus De:Bug 04

Punk Anderson

Anton Waldt

So ist das mit Punk Anderson: zuerst glaubst du nicht mal, dass es ihn gibt, dann denkst du dir: DAS sind also die 90er ! und zuletzt wird dir klar, dass beides gleichzeitig stimmt & dass es immer schon so gewesen ist. Klingt wirr? Ist wirr und fängt so an: Laut Presse-Info ist Punk Anderson in Houston, Texas als Sohn des Öl-Milliardärs Jack Fairlight und des schwedischen Models Tanne Anderson geboren und aufgewachsen. Und genauso hahnebüchend ist auch der Rest der Geschichte. Gross geworden in einem Privat-Disneyland, die Rabeneltern natürlich nie da, kommt Punk, wie soll er auch anders mit dem Namen, auf die schiefste verfügbare Bahn & am Ende rettet ihn eine Kraftwerkplatte. Er ist dann gleich in die alte Welt gejeanst, Transeuropa-Express & so & dann wird Art Vega, der Manager des Techno-Kleinlabels Pomelo, sein bester Freund & bringt Punks erste Produktion “shave that pussy” raus & dann kommt sofort die Industrie angehechelt & Art Vega macht einen Deal mit Jive (Rough Trade) & so wird Punk Label-Mate der Back Street Boys & der Pussy-Shaver wird ein Hit & Single of the month im NME. Uff! Mit dieser Legende ist also der Sound -äh- belastet, der den amtlichen Disco-Four-To-The-Floor ’97 repräsentiert. Grund genug, sich bei Art Vega um ein Interview mit dem selbsternannten Superstar zu bemühen. Zwei Termine platzen, der erste im Wiener Techno-Cafe scheitert am Karnevalstrubel, in dessen Mittelpunkt Punk Anderson den Kostüm-Contest moderiert. Punk macht den Fun-Diktator mit Hitlerfrisur und Bart in Silber, dazu Schäferhundplastik-Anhäger & Uniform mit allem Pipapo… Der zweite Termin soll nach einer Punk Anderson Show in einer Gross-House-Disco stattfinden, auf der Bühne gibt es massiven 70s Glitter: neben Punk im Zuhälter-Look, zwei GoGo-Tänzerinnen in neongrünen Schlauchkleidern und ein debil wippender Keyboarder namens Lenny Berger. Die Show rockt gehörig das Haus, aber statt eines Interviews kriege ich jede Menge Ärger mit der Security und statt Backstage komme ich ganz schnell wieder auf die Strasse. Art Vega tut das alles sehr leid und er verspricht mir, dass diesmal alles klappt. Ich soll einfach ins Hotel InterConti an die Bar kommen, da wohnt Punk nämlich, wenn er nicht in seinem Studio in Texas ist…Das InterConti in Wien ist eines dieser Hotels mit geräuschabsorbierenden Teppichen und allen anderen Accesscoirs nach denen Platinkreditkarteninhaber verlangen & ich rechne schon mit dem nächsten Rauswurf, als mich der Grüssaugust in Sgt. Pepper Uniform mit ” Sie wollen zu Punk? Die Bar ist hinten links.” begrüsst. Das gibt dem Track “My name is Mr Anderson but you can call me Punk” echte Sinnhaftigkeit: Der Punk und der Butler… Die Bar ist durch eine Art Kronleuchter-Cluster dominiert und der einzige Gast ist Lenny Berger, der Keyboarder, der mir versichert, dass Punk bestimmt gleich kommt. Der Barkeeper stellt mir ungefragt ein protziges Kristall-Whiskey-Glas vor die Nase, das eine russische Menge Spezial-Whiskey enthält. Lenny erklärt mir, dass Punks Vater eine komplette Destillerie in Schottland gekauft hat, um sie samt Personal nach Texas zu verschiffen und dort orginalgetreu wieder aufzubauen & der Stoff hiesse Good Old Mountain Gold & er sei ganz vorzüglich, was er, Lenny, ganz bestimmt wisse, weil er seit seinem Engagement in der Punk Anderson People Band jeden Abend hier sei, schliesslich sei er ein alter Hase im Musik-Business & vor Freidrinks sei er noch nie geflüchtet & hähähä. In dem Stil sabbelt er noch ungezählte Drinks lang weiter und so erfahre ich alles über Punks Band, aber fast nichts über Punk, ausser dass er ein prima Kumpel sei und so grosszügig und mit Groupies reich gesegnet. Anfangs bemüht Lenny sich noch den seriösen Mucker raushängen zu lassen, aber nachdem er zum zweiten Mal die Geschichte zum besten gegeben hat, wie er einmal FAST Keyboarder bei Level 42 geworden wäre, verliert er alle Hemmungen & das ganze Elend eines verkannten Musikers, der sich mit Gigs auf Hochzeiten und in Skihütten in der österreichischen Provinz durchgeschlagen hat, breitet sich vor mir aus. Ich denke an Art Vegas Worte am Telefon von ” Echt nur Topleute, echt ey!” und Lenny muss wohl trotz seines persönlichen Alk- und Selbstmitleid-Nebels merken, was läuft und so fängt er prompt an den Rest der Truppe runterzumachen. Bei den GoGo-Tänzerinnen scheint er einfach zu oft abgeblitzt zu sein und Art Vega sei ja eigentlich auch ein armes Schwein, jetzt mit dem Kind am Hals und dann gibt es da noch diese hartnäckigen Gerüchte, in denen von der Verwechslung grösserer Mengen Aspirin und Ecstasy die Rede ist… Das alles ist natürlich hochgradig deprimierend & ich spreche dem Good Old Mountain Gold ordentlich zu und überlege, wie ich da wieder weg komme, als Punk doch noch aufläuft. Er hat wirklich diese graumelierte Haar von den Presse-Photos, trägt einen Anzug aus einer High-Tech-Faser (“Helmut Lang is my man!”) und die verspiegelte Pilotenbrille wird er den ganzen Abend nicht absetzen. Ich hatte einen hysterischen Ami erwartet & werde positiv überrascht: Punk schwingt sich Bond-Like auf einen Barhocker, lächelt fast unmerklich, nippt an seinem Drink – und strahlt eine Souveränität aus, die das Barpersonal noch geschmeidiger agieren lässt. Mein schlechtes Gefühl ist abgeschaltet und sogar Lenny gewinnt eine gewisse Würde zurück. Punk entschuldigt sich für seine Verspätung, er sei auf seinem Zimmer aufgehalten worden… Ich packe das Thema beim Schopf und Frage nach dem Hintergrund des Pussy-Shavers: Punk versteht den Track als ernsthafte Anmahnung zivilisatorischer Standards! Meine weiteren Fragen beantwortet er knapp, oft nur mit einem “well ya know..” wozu er sein Lächeln einen Moment intensiviert – das war’s! Auf dem Tape hört sich das etwas mager an, die meiste Zeit ist nur das Geklapper des Eises in den Drinks & der Barpianist zu hören, aber so ist das wohl mit echten POPSTARS! Punk ist ein Alien, der mit kleineren Clubs vielleicht etwas anfangen kann, zu seinem Mayday Auftritt fällt ihm aber nur ein “pretty much people” ein. Nicht dass er Underground-Dünkel hätte, er hat halt bloss 1996 zum ersten Mal einen Technoclub betreten, kurz davor seine Initialzündung mit Kraftwerk gehabt & dann innerhalb kürzester Zeit 20 Jahre elektronische Musikgeschichte entdeckt. So erklärt sich auch sein Desinteresse an Jungle, aber wenn er in dem Tempo weitermacht, kommt da noch Einiges auf uns zu und ob wir den Knall überleben, wenn Punk die Schallmauer der Gegenwart auf seiner verzerrten Zeitschiene durchbricht, ist zweifelhaft. Nur einmal im Laufe des Gespräches erfüllt er alle Erwartungen an paranoider Beschränktheit, die man an Amis stellt, als er von diesem “really oldfashioned weird vibe” spricht, den er in Wien spüre. Dem folgt ein längeres Lamento über Freud, Hitler und Sissi, das zum Glück sein Ende findet, als der Barpianist seinen weissen Flügel verlässt. Mit den Worten “and now something real!” schwingt er sich auf den Klavierhocker & spielt Lenny, dem Barmann und mir ein halbstündiges Kraftwerk-Medley – ab und zu mit verhaltenen Vocals:
“Radioaktivitet fur dik unt mik im al entstäet”. Sogar den Barkeeper summt und wippt mit und die Frage wieviel seiner Legende wahr ist, spielt spätestens jetzt keine Rolle mehr, entweder er ist ein Kunstprodukt, das sich jemand ausgedacht hat oder er ist ein Kunstprodukt das aus texanischem Öl gewonnen wurde. Wen kümmert’s ?

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.