Auch vor dem Energy Flash gab’s schon Energy Flashs. Simon Reynolds entdeckt in seinem neuen Buch “Rip it up and start again” die Postpunk-Phase.
Text: Felix Denk aus De:Bug 93

Punk nach dem Schock-Imperativ
Simon Reynolds: Rip it up and Start again

Was hinterlässt eigentlich tiefere Spuren? Etwas erlebt oder etwas verpasst zu haben? Den Musikjournalisten Simon Reynolds prägte offenbar beides. Punk spielte in seinem Provinz-Kinderzimmer im englischen Hertfortshire keine Rolle. Als er 1978 die Sex Pistols entdeckte, war Punk schon eine müde Persiflage seiner selbst. Revolution verpennt? Im Gegenteil, argumentiert Reynolds nun 500 Seiten lang. Laut ”Rip it up and Start again“ wurde es nämlich 1978 erst richtig spannend. Die Schockwellen können viel interessanter sein als die eigentliche Detonation. Man muss nur genau hinsehen.

Post-Punk. Die Phase zwischen 1978 und 1984. Die Pop-Peripherie drängte in den Vordergrund: Manchester, Sheffield, Cleveland und Düsseldorf waren genauso wichtig wie New York und London. Die heißen Bands hießen PIL, Joy Division, Talking Heads und Throbbing Gristle. Synthesizer und Noise-Experimente wurden schick und die Fühler zu Dubreggae und Disko ausgestreckt. Sogar Tanzen ging dank No Wave, Punk-Funk und Mutant Disco plötzlich als subversive Angelegenheit durch.

Hippie-Quatsch, schnöseliges “Artschool“-Getue, elitärer Prog-Rock-Aufguss – die Vorwürfe aus dem orthodoxen Punk-Lager waren zahlreich – Hardcore und Oi die Alternative. Post-Punk konservierte die Energie von Punk, verließ sich aber weniger auf alles Laute, Rohe und Vulgäre. Stattdessen blickte Post-Punk nach vorne und bastelte an jener Zukunft, die Punk mit einem lauten Rülpser negierte.

Die stilistische Verschiedenheit der beteiligten Bands und einzelnen Szenen in Europa und Amerika lässt ahnen, wie befreiend es gewesen sein muss, den Schock-Imperativ des Punk über Bord zu werfen. Erst jetzt entfaltete die von Punk losgetretene Do-it-yourself-Idee ihr volles Potential. Auch um die Musik herum. Musikmagazine, Indie-Labels, Plattenläden und -vertriebe schossen aus dem Boden und bildeten eine Mikroökonomie, die eine Enklave inmitten des allgemeinen politischen Rechtsrucks bot.

Reynolds feiert Post-Punk als “golden age of newness and nowness“. Die Gegenwart war viel zu aufregend, als dass man sich mit der Vergangenheit beschäftigen wollte. Jeder wollte immer wissen, wie es weitergeht. Alte Platten kaufte niemand – auch, weil nicht so viele alte Platten in den Läden standen. Mit seinem Kompendium zur derzeitigen Hip-Musikperiode ist Reynolds nun selbst Teil der Retro-Industrie geworden. ”Rip it up and Start Again“ unterfüttert all die Compilations, Reissues, Bootlegs, Haarschnitte und Laufsteg-Trends (Raf, Hedi Slimane), die sich aktuell auf diese Phase beziehen, mit akribisch recherchiertem und spannend dargestelltem Faktenmaterial. Punk mag Reynolds verpasst haben. Mit seiner Post-Punk-Historisierung aber kommt er genau im richtigen Moment.

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Elektronische Lebensaspekte.