Punk-Roc mogelt neben Funk-, Elektro-, HipHop und Breakbeat unverhohlen auch Rock auf den Plattenteller. Live lädt er gerne Pyrotechniker auf die Bühne. Das ganze Zirkusprogramm eben, denn das Publikum will die Peitsche knallen hören.
Text: Michael Krumbein aus De:Bug 40

Barrierenbrechen für Unterhaltungsmechanismen
Deejay Punk-Roc

Die Auseinandersetzung mit Deejay Punk-Roc macht schnell deutlich: auf der Suche nach der tanzenden Avantgarde (wie Mercedes Bunz sie in De:Bug #38 fordert) wird man bei Deejay Punk-Roc nicht fündig werden. Denn für ihn zählen zu den wichtigen Dingen in seiner Musik auch Unterhaltungsmechanismen aus dem Rockbereich. Das geht so weit, dass Punk-Roc sogar Rammstein für ihre Show verehrt, ohne sich um alle damit verbundenen Fragen zu interessieren. Vielleicht macht man es sich aber zu leicht, würde man Deejay Punk-Roc deshalb, wegen seines wilden Genrehoppings oder wegen eines Verdachts des mangelnden Tiefgangs vorschnell verdammen.
Es gibt keine Grenzen. Dies im Gespräch zu betonen, wird Deejay Punk-Roc nicht müde. Dass er sich darum nicht schert, kann man an seiner musikalischen Arbeit hören. Seine DJ Sets sind völlig unberechenbare Angelegenheiten, die einem nicht nur körperlich einiges abverlangen. Punk-Roc mogelt beispielsweise neben Funk-, Elektro-, HipHop und Breakbeat auch Rockscheiben auf den Plattenteller. Schließlich gehe es beim Auflegen einfach ums Feiern, darum, dass Leute, die ja schließlich Eintritt bezahlt haben, sich amüsieren. Außerdem habe er selber genug von Veranstaltungen, die dogmatisch nur in eine bestimmte Richtung gehen und wolle dieser Entwicklung bewusst und mit allen Konsequenzen entgegenwirken. Darum der Versuch, Barrieren zwischen allen Genres aufzubrechen.

Gleichberechtigung

Punk-Roc hat bei der Überwindung von Gegebenheiten nicht nur durchweg positive Erfahrungen gemacht. Mit16 hat er, nach der Ermordung eines Freundes, das vom HipHop geprägte Brooklyner Umfeld verlassen. Dort hat Punk-Roc mit seinen Parties den Grundstein für seine heutige DJ-Reputation gelegt. Es folgte ein schneller Absprung: eine Verpflichtung bei der U.S. Army, einer Institution, die für Toleranz und Offenheit ja nicht gerade bekannt ist. Erneut schaffte Punk-Roc den Ausstieg, um letzten Endes in Liverpool zu landen. Dort war das Airdog Label durch den Punk-Roc Track “My Beatbox” hellhörig geworden. Schon zu dem Zeitpunkt war deutlich, wohin es musikalisch gehen würde: eine zeitgemäße Fortführung dessen, was Bootsy Collins und George Clinton einerseits und Grandmaster Flash und Afrika Bambaataa andererseits einmal begonnen hatten. Punk-Rocs Anliegen war es, den Funk zu revitalisieren – und dabei grenzüberschreitend auch neuere Einflüsse aus House und HipHop einzuarbeiten. Die Rezeption des ersten Punk-Roc Albums “Chicken” zeigte, dass Punk-Rocs Rechnung aufging, denn seine DJ- und Remixdienste wurden gleich von völlig unterschiedlichen Fraktionen beansprucht: Fünf Sterne Deluxe lassen sich inzwischen regelmäßig von ihm bearbeiten, Korn und The Prodigy nahmen ihn zu ihren Touren immer wieder gerne mit. Für ihn, und da kann und will Punk-Roc auch nur für sich sprechen, sei dieses Flirten mit allen möglichen Stilen durchweg zuträglich. Und genau diese Erfahrung gelte es für ihn zu vermitteln.
Womit wir wieder beim Anlass dieser Abhandlung angelangt wären: der neuen Punk-Roc Platte. Darauf übt sich der Herr erneut darin, sich alles unter den Nagel zu reissen, was ihm gefällt, und schafft es so, sich einer Einordnung und Vereinnahmung elegant zu entziehen. “Spoiling It For Everybody”, sozusagen – nur nicht für den unvoreingenommenen Hörer. Der bekommt eine rasante Mischung aus Altem und ganz Neuem. Elektrofunk und R’n’B, HipHop und 2Step – auf seiner Platte lebt alles gleichberechtigt nebeneinander, womit Punk-Roc auf der Platte sein selbstgestecktes Ziel erreicht. Nun geht es ihm darum, das Ganze live umzusetzen. Und zwar live! mit Ausrufezeichen – samt den Erfahrungen, die er während seiner Tourneen gesammelt hat. Feuerwerk könne er sich gut vorstellen, Live-Musiker und eine richtige Show – den Leuten das geben, wofür sie bezahlt haben. Die Gefahr, dabei wie Bon Jovi zu enden, sieht er nicht. Außerdem gebe es für ihn sowieso keinen Unterschied zwischen Scratch- und Gitarrensolo, sagt Punk-Roc.

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Elektronische Lebensaspekte.