Peter Armster verlässt den Raum und verdichtet alles auf den Punkt. Der ehemalige Raum...Musik-Miteigner sucht auf seinem Label Punkt Music die prägnante Offenheit zwischen Dub und Minimal. Inklusive eines neuen Katalogs malerischer Neologismen von Anett Frank.
Text: Anett Frank aus De:Bug 54

Hall im Herbst
Punkt Music

We need some time tonight
Jungs und Mädels, dürfte ich um eure Aufmerksamkeit bitten. Ich darf heute etwas ganz Besonderes vorstellen – Punkt – Und? Punkt Music. Das Label, das eigentlich schon im April 2000 unter Eigeninitiative von Peter Armster als Kopfgeburt in die Welt gedacht wurde. Die handfeste Abkoppelung von Olaf Zern, dem Mitlabelinhaber von Raum Musik, mit dem Peter formals noch kollaborierte, vollzog sich dann ein halbes Jahr später im Herbst letzten Jahres. Damals flossen Ideen und Energien noch zusammen in das Offenbacher Raum Musik Label, das seit 1997 Musik der minimal-gedubbten Techno/House-Art verbreitet und dies auch immer noch und selbständig unter Zernscher Obhut tut.

Schlussstrich meets Standpunkt
Doch heute und hier möchte alles um das Offenbacher Elektronik Label Punkt Music, seinen Schöpfer und Arrangeur, seinen Protagonisten und natürlich und vor allem um das musikalischen Output kreisen, der seit einem guten Jahr, ohne einem Genre oder einer Szene verpflichtet zu sein, Reflexionen ausstößt, die meine Verehrung rechtfertigen. Will sagen, dieses Label hat sich nicht umsonst diesen seinen Namen zugelegt. Ähnlich eines Tupfers, der sich von seiner Umgebung abhebt und damit aufmerksamen Freunden elektronisch-wohltemperierter Musik nicht entgangen sein dürfte, ist Punkt Music als Elektronik Label anschaulich fassbar und doch uneindeutig abgrenzbar. Ein reizvoll gefächertes Spektrum voller Ausfransungen und Offenheit. Es ist erstaunlich, was Punkt Music vom Zeitpunkt seines Aufscheinens am elektronischen Firmament an bis in den Spätherbst des neuen Jahrtausends so alles an den Start gebracht hat und dabei ganz locker seinen deklarierten Stil nebenbei mitentwickelt.

Spaziergang mit Gleichgesinnten
Der Zeitpunkt des Einstiegs ins eigenständige Labeldasein ist für Peter Armster im nachhinein gesehen ein Schritt hin zur makroskopisch konkreten und mikroskopisch offenen, diffusen, unbegrenzbaren Stelle, die als Elaborat Punkt Music einen exquisiten Künstlerkreis zusammengeführt hat. Selbst die allererste Veröffentlichung lässt sich als eine EP fokussieren, die schon mal das gesamte Labelkonzept in die “Spot-an”-Ecke schiebt und die die Philosophie von Punkt Musik beleuchtet. “In your eyes” ist ein atmosphärisch dunkler Track von Brian Sanhaji, der durch zwei Remixe von Dirk Diggler (Andreas Mügge) und den Lazy Boned Brothers (LBB – Mügge trifft auf Armster in kombinierter Verbrüderung) Rückendeckung bekommt. Mit dem Diggler als “all time favourite” in üblich typischer Manier, der den Clubgedanken der Musik gern veräußert, und den LBB, die den Schuss Relaxtheit clubstimmig transportieren und trotz aller downgepitchten Tempi das Gefühl für eine coole Party nie verlieren. Damit hat das Label einen Auftakt hingelegt, der vielversprechend schien und sein Versprechen auch hält. So geht man lässig seinen Weg jenseits ausgelatschter Genre-Trampelpfade und nimmt nebenher gerne Freunde und Bekannte zum Spaziergang mit, die eher ungewöhnliche clubtaugliche Musik produzieren wollen. Lass uns noch ein bisschen hier bleiben, es ist grad so schön. Attlia Jahanvash, der schon “Eine Kleine Nachtmusik” auf Z Schallplatten komponierte, verweist per smoothem Fingerzeig auf “Morning Glory” (Punkt 01), denn “it’s always a pleasure to see the rising sun”. Atmosphärisch dicht und mit rhythmusbetonter Flächendauer formt er die Dubeffekte heraus und schafft es folgend, einen zarten, in den Raum hallenden Tiefgang zu beweisen. Jan Joswig nennt so was romantische Akuratesse. In “communication with him” pocht die sanfte Bassdrum. Seine Auftakt-EP hat er mit zwei endlos warmen Tracks wunderschön minimaldubbiger Perfektion auf den Punkt gebracht. Weiteres folgt, doch zunächst stößt der Berliner Alex Krüger alias Dub Taylor dem ausgelassenen Flanieren hinzu und stellt per “Retrotronic”-Zuschnitt ein dichtes, rundum tönendes Fluidum mit Groove-Appeal und vielen akzentuierten Effekten her. Noch tiefer als sein “walk on while suicide” (punkt 02) geht’s fast nicht und selbst die verwöhnten Harmonien fühlen sich von Echos und Chords geschmeichelt. Dieser Retrotronic-Track aus dem Punkt Repertoire wurde übrigens von Richie Hawtin für sein “Closer to the Edit” Projekt lizensiert. Und es hört nicht auf. Es folgt Attila. In hypnotischer Sehnsucht überfällt ihn das deepe Minimalhousemonster mit “I can’t stop” (punkt 03). Gedreht und gewendet wartet dann der Süßstoff – die Fläche strömt und läßt es knacken. In Folge releast der Diggler also known as Andreas Mügge (Releases bei Force-Tracks, Konfekt und Resident bei Raum Musik) und überschwemmt mit 6 Tracks seiner Metro Doppel-EP (punkt 04) den Dancefloor mit dunklem Technoid-Bolz. Steigt aber dann doch wieder auf sein Steckenpferd Dubtech auf, um begleitet von hallenden Vocals davonzureiten.

Sinnierte Verschnaufpause
Nach mittlerweile fünf Veröffentlichungen unterschiedlicher Couleur ist die erste Bestandsaufnahme angesagt: “Coming closer” (punkt 05) transferiert die geliebte Tanzmusik ins Wohnzimmer und schwabbt einen Schuss Dub aus dem ordentlich gemischten Cocktail auf die Couch. Die Ingredienzen der CD setzen sich aus minmalem und deepem House und Techno zusammen. Neben bekannten gesellen sich vier unveröffentlichte Tracks dazu, bspw. Dribs, der den Einstieg wagt und eigentlich zur Nusound/Audionaut Crew in Schweden gehört, oder Rest (Dietmar Pier) mit einem fettestem Dub-Tech-Track. Auf der sechsten Punkt teilen sich Jahanvash und Rest splitmaximäßig das Vinyl. “Happy Boy” meets “Unlucky Girl”. Jahanvash zelebriert einen sexy minimal drückenden Houseschuber mit dreckigem Vokalsample. Außerdem ist hier auch der von der CD bekannte “Rest”-Track “Sauerstoff” auf Vinyl einzusaugen. Auf Punkt 07 gesellen sich “Mesmerites” hinzu. Erik Möllers (Unai) neues Projekt zusammen mit Herrn Berglöf schafft ein süßes Houseambiente mit trippigen Delays und der Bass grummelt hüpfend im Widerhall. Bevor jedoch Herr Flisch seine zweite Doppel-LP auf Punkt vorstellt, landen wir noch auf Planet “Timlin”. Jazzschlagzeuger Marco Timlin hat sein Handwerk gelernt und setzt seiner Musik keine Grenzen. Die achte Punkt verwischt und collagiert die Genres ganz in labelphilosophischer Manier und lässt nach Dub, Jazz und gebreakten Beats lauschen. Schließlich, wie bereits erwähnt: Holger Flisch. Auf “Collapsing New People” (Punkt 09). haben sich hier launische Technohits mit süßen Housetunes verabredet. Flinsch präsentiert eine ganze Palette seiner Fähigkeiten und Vorlieben auf doppeltem Vinyl.

Diverse Punktrichter raunten bei ihren Rezensionen in den höchsten Tönen von den Punkt (auf dem i) Music Veröffentlichungen. Und pünktlich oder nicht – “we need some time tonight”; es war Zeit für dieses kleine Labelportrait. Die T-shirts mit dem feststellenden Aufdruck in Gänsefüßchen kommen dann im Januar. Punktum!

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Elektronische Lebensaspekte.