Gadgets sind in Hardware formulierte Geistesblitze. Im besten Fall weisen Gadgets einem den Weg in die Zukunft, im schlimmsten geben sie Auskunft über die Abgründe unserer technischen Verfasstheit.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 121


Grüne Gadgets sind eine besondere Spezies. Im Normalfall schlucken sie wie alles andere Strom und sind daher prinzipiell so umweltschonend wie ein elektrischer Bulle. Nicht selten füttert man sie obendrein mit halbwegs ungenießbaren (in ökologischer Sicht) Batterien. Es ist also viel zu tun. Gedanklich wie beim Design.

Wenn eine Technologiemesse wie die CeBIT schon darbt und als Wachstumsfeld eine Grüne Halle vorzuweisen hat, dann ist Zeit für das Orakel, dass Gordon E. Moore (aka Moores Law) irgendwann Bütikofer ersetzen wird. Es mag zwar mittlerweile zum Allgemeingut gehören, dass man aus einer Badewanne voll egal was (im Zweifelsfall immer Raps-Müll) in ein paar Jahren einen duften Quantencomputer frickeln kann, der jede Google-Farm mit links an die Wand spielt.

Aber wer liefert die Energie dafür? Der Schritt zu Matrix als Wahlprogramm der Grünen (“Du bist die Bio-Batterie für das Technouniversum”) ist dennoch kleiner, als man denkt. Und das ist längst kein reines EU-Thema mehr. RoHS und Lohas, kein Kain und Abel, sondern eher Statler und Waldorf. Elektrische Biozahnbürsten, damit wir auch morgen noch kräftig zubeißen können. Denkt man ein wenig über grüne Technologie und grüne Gadgets nach, fühlt man sich schnell wie in einem Virginair-Biodiesel-PromoAd, in dem Branson auf Koyaniskatsi-Länge Kokosdaikiris für den Weltfrieden kippt.

Im Februar war in New York Greener Gadgets-Konferenz. Immerhin, der Name war passend. Nicht grün, grüner. Das ist Technophilosophie vom Feinsten. Mehr, aber auch weniger. Die Gewinner? Selbst gebasteltes Weckglas mit Stromverbrauchanzeige zum Zwischenschalten. Ein Parasit also, der uns eins vermittelt: Die Uhr tickt (und ja, die LEDs fressen noch mal extra). Weitere Gewinner: MP3-Player mit Dynamo-artigem Aufladegerät (der Selbstgedrehte ist wieder in!) und die Zimmerleuchte, die nur funktioniert, wenn man im Sanduhrprinzip die Gewichte hochgewuchtet hat, und natürlich standardisierte grüne Batterien mit Recycle-Ablass für missratene Wegwerfer.

Bioenergie, Parasiten, Monokultur. Die Zukunft will wieder im Schweiße unseres Angesichts verdient werden. Selbst Windgeneratoren für die Hosentasche sind auf einmal nicht mehr undenkbar (Pupsen für die Flatrate!). Beim OLPC noch belächelt, kann man heute schon fast davon ausgehen, dass das Aufladen per Hand oder, abgezweigt von Exoskelett, beim Endoskelett während des Spaziergangs oder, Opportunistenmodell, beim Kopfnicken nachhaltig unsere Gadgetwelt bestimmen wird.

Drei Varianten Grün
Strukturelle (Welt verbessern durch Vereinheitlichung und Reduktion der umweltschädlichen Ingredienzen), parasitäre (Abzweigung von überschüssigen Energien, ein echter Teenager-Markt) und informationelle, die Bewusstsein schaffen. Alles kommt mit diversen Fragezeichen. Die technologischen Hintergründe der jeweiligen Ökobilanz sind rein rechnerisch nicht selten unüberschaubar komplex, häufig auch, je mehr gerechnet wird, um- bis zerstritten.

Sind die bengalischen Bananen, die ich esse, um die Batterie für mein Handy am Laufen zu halten, wirklich “besser” für die Welt als eine Ecke Atomstrom (womit ich nicht den galaktische Atomstrom meine, der gemeinhin als Solarenergie verkauft wird)? Wer weiß schon, welche Energieprozesse letztendlich dazu geführt haben. Die Welt, in der die Dinge uns dank ununterbrochener RFID-Kette und Datenbankvernetzung, kurz gesagt dank Internet, ihre Geschichte erzählen, wird vermutlich andere, aber kaum weniger Fragezeichen aufwerfen.

Keine Frage aber: Der Konsument, der auch morgen noch konsumieren will, muss dafür strampeln. Wobei der Willensausdruck im Kapitalismus eigentlich das Kaufen ist, was obigen Satz etwas tautologisch erscheinen lässt. Aber warum auf einmal?

Prämisse #1. Die Welt wird immer kleiner. Was früher mal als Chaostheorie nicht weit entfernt von Esoterik war, ist heute blanke technologische Realität. Steckt sich heute irgendein schwedisches Kind Lakritz unter die Augenlider, weil dann geil grünes Goo rauskommt, macht das morgen von den Falklandinseln bis nach Togo jeder. Prämisse #1 führt unweigerlich zu Prämisse #2. Phänomene in der kleinen vernetzten Welt neigen zum Exponentiellen. Woraus folgt: Das Chaos steht vor der Haustür (das war eigentlich schon immer so) und klingelt jetzt auch permanent (das ist neu). Unangenehmer Gedanke. Solange das Klingeln keine Kasse ist.

Grüne Technologie mag noch als eine Frage des besseren Bewusstseins gedacht werden, letztendlich ist es aber eher eine globale Unfähigkeit, ausblenden zu können. Auf der anderen Seite stehen natürlich die scheinbar moralischen Zwänge wie Greenpeace-Orden, die z.B. Apple im letzten Jahr dazu gebracht haben, flugs Öko-Laptops herzustellen. Die Technologie der Gadgets ist definitiv bestens gerüstet, aus einem sozial-globalen Gruppenzwang ein Geschäftsmodell abzuzweigen, das Wachstum auch da verspricht, wo man die exponentielle Zählerei (hey, Festplatten werden für den gleichen Preis jedes Jahr doppelt so groß) schon fast wie Schicksal hinnimmt.

Man mag sich bei den meisten Errungenschaften Grüner Gadgets denken, klar, warum war das eigentlich nicht schon immer so, aber die Tendenz geht eher dahin, den Firmen abzukaufen (jetzt etwas teurer), dass sie ihr ökologisches Gewissen erst jetzt entdecken konnten, ja man ist schon fast dankbar für jedes bisschen grünen Stromfresser, weil er technologisch orientierten Menschen das warme grüne Gefühl vermittelt, ohne mit dem Style-Hammer der Zukunftsverächter daherzukommen.

Wer Verwandte in den ländlichen Gebieten der Republik hat, kennt das vielleicht. Der Hass der Naturalisten auf die (hochgesponsorten) Windmühlen. Ein paar Technorotoren in der Landschaft waren vielen Bäuerlichkeiten ein echter Dorn im Auge. Mittlerweile stehen in den Küchen der gleichen Höfe solarbetriebene Cappucino-Schäumer. Und selbst im Designumfeld ist klar: Arts & Crafts ist wieder wer. Kein Wunder, dass selbst O’Reilly nach dem Make-Zine ein Craft-Zine aus dem Boden gestampft hat. Hacker und Stricker sind längst ein überlappendes Genre.

DIY ist die Quintessenz. Grüne Gadgets schöpfen genau da ab. Die Grenze zwischen Technologie und Bodenständigkeit verschwimmt in den Grünen Gadgets immer weiter. Wie weit man sie mit der eigenen Biosuppe verschmelzen will, ob man sie aus dem persönlichen Energiehaushalt speist oder ob sie in Kürze wirklich so untrennbar mit dem Körper verbunden sind, dass das Grün in Gadgets eher schweinchenfarben wird. wird sich noch zeigen müssen. Bis dahin lesen wir weiter in der Grüne-Gadgets-Hölle nach den Untiefen unserer Seele.
http://de.wikipedia.org/wiki/RoHS

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Elektronische Lebensaspekte.