Text: gregor wilderman aus De:Bug 15

Push Button Objects Unterwegs auf elektronischen Zebrastreifen in Miami Gregor Wildermann gregorw@berlin.snafu.de Es darf bezweifelt werden, daß irgendjemand in Miami noch diese EINE Serie sehen kann, in denen Flamingos, Speedboote und zwei Detektive in Zuhälterwagen die Hauptrolle spielten. Eine Serie, in der das Happy-End abgeschafft wurde, und Lokalkolorit sowie Palmenrealität ein Trostpflaster waren. Obwohl Türkisfarben nun mit dem 80er-Revival erbrochen wurden, hat Edgar Farinas aka Push Button Objects damit rein garnichts zu tun. Auch wenn sein Name irgendwie nach einem windigen Informanten klingt … Edgar ist eher der Typ eines sympathischen und extrem gelassenen Amerikaners, wobei seine tiefe, fast schüchternde Stimme mit klassisch ausgeprägtem Bubbelgum-Akzent in einer Überdosis beinahe jeden Joint ersetzen kann. Edgar gibt sich ganz als Meister der langsamen Gangart und genauso klingen auch seine Platten, die nun mehr und mehr das Licht des Technics erblicken. Edgar half anfänglich beim Betrieb des Schematik-Labels, gründete dann jedoch seine eigene Firma Chocolate Industries und verblüffte in den letzten Monaten die internationalen Geschmackskontrolllen mit zwei prägnante EPs von Funkstörung (alias Chris de Luca & M. Fakesch) und Gescom (Autechre in wechselnder Besetzung). Die übliche “bunch of kids”, wie Edgar es in diesem Fall beschreibt. Auch sein Track auf der überproportional limitierten MASK 004 erklärt einiges im Puzzle der Spurensuche, die durch ein offensichtliches Warp-Signing noch erweitert wird. Edgar hat also noch eine Menge Pläne, aber auch eine Menge Zeit, und genau die nutzen wir, während er im Vorprogramm zur letzten Autechre-Tour in Berlin weilte. Ein Wort gibt das andere, und weil sich Worte so gerne haben, kuscheln sie bei Edgar in Wortkürzeln wie “…and stuff” oder wahlweise mit der Satzendung “you know”. HipHop steckt diesem Mann in Mark und Bein, um so erfreulicher, daß er in seiner musikalischen Laufbahn einen elektronischen Zebrastreifen kreuzte. ”Ich war schon immer ein Musikjunkie und DJ seit meinem 12. Lebensjahr. Mit dem Produzieren von Musik fing ich an, als ich auf dem hiesigen College in Miami Musikstunden hatte und dort an erste Synthesizer rankam. Ich machte dann HipHop, aber einen eher elektronischen HipHop im Verhältnis zu dem, was man in Europa unter HipHop versteht, you know! Ich bin da wirklich nicht so definiert. Sicherlich gibt es im HipHop einige Grundelemente, aber darüber hinaus sollte alles möglich sein.” Seine Soundvorstellungen setzt Edgar mittels des klassischen Waffenarsenals eines modernen B-Boy um: ein EMU-Sampler, ein simpler Mittleklasse Macintosh, Akai MPC 3000 Workstation und/oder Arbeit mit Logic oder Cubase. “Ich habe mich von eher auf Sampels basierendem Grundmaterial zu den Texturen von Sounds und einer Menge einzelner Programmierungen vorgearbeitet, und das hat letzten Endes zu meinem jetzigen Sound geführt. But I am just having fun, you know!” Bei seinem Berliner Auftritt versinkt er fast in der Dunkelheit des Konzertsaals der Akademie der Künste und sein gemischtes Live/DJ-Set bleibt abstrakt distanziert. Dennoch: Seine nähere Umgebung geht nicht so einfach an Edgar vorbei. “Deutschland ist sehr schön und gleichzeitig sehr modern und zukunftsorientiert. Wir Amerikaner sind das zwar auch, aber es ist uns nicht so bewußt! Das Fehlen jeglicher Geschichte ist im Kontrast schon sehr auffallend, und wenn man dann durch eine Stadt wie Berlin geht und bei manchen Denkmälern sogar noch Einschußlöcher aus dem 2. Weltkrieg sehen kann, dann ist das schon sehr beeindruckend. Miami ist eine sehr junge Stadt, und das prägt so jemanden wie mich natürlich ungemein.” Immerhin bot die Gegend von South Beach und Coconut Grove den Nährboden für Stilrichtungen wie Miami-Bass und eben auch solche Stilblüten wie das Label Schematik mit Acts wie Takeshi oder Jeswa. Edgar grenzt aber bei möglichen Verweisen aüf Soundverwandschaft vehement ab. ”Schematik ist sehr auf elektronische Musik fixiert, wir aber wollen mit Chocolate Industries einfach gute Musik rausbringen. Demnächst werden wir auf einem Tochterlabel sogar richtige HipHop-Platten veröffentlichen. Das Label heißt … nein, ich werde das besser geheim halten. Wichtig ist ja nur, daß wir uns nicht festlegen werden. Es sollte einfach generell cool sein. Die nächste Chocolate Industries ist eine Platte von Chris de Luca, und danach kommt vielleicht etwas von Richard Devine.” Zusammen mit dem Ninja Tune-Label bringt Edgar als nächstes großes Projekt die Neuauflage bzw. eine Remix-Offensive des East Flatbush Project-Klassikers “Tried by 12”, das erst kürzlich durch die Berliner Formation Terranova und ihren DJ-Kicks (Studio K7) in Erinnerung gebracht worden war. Die Remixe kommen dann von Autechre, Funkstörung, Freeform, Bisk, The Herbalisers, Squarepusher, Boards of Canada, und Edgar tritt zusammen mit Turntabalist DJ Craze auf, wobei sie sich dann hinter dem Pseudonym Correct Techniques verstecken. Und wie würde Edgar einen Remix von Madonnas “Ray of Light” klingen lassen? “It would sound like Cannibal Corps smoking crack! You know!” In diesem Moment höre ich Harald Faltermeyer, sehe wieder Speedboote, Flamingos and stuff. You know!! ZITAT: HipHop steckt diesem Mann in Mark und Bein, um so erfreulicher, daß er in seiner musikalischen Laufbahn einen elektronischen Zebrastreifen kreuzte.

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Elektronische Lebensaspekte.