Mit Mario ins Zwei-Screen-Land. Die ehemalige Kinder-Konsolen-Schmiede wird mit ihrer augeklügelten Konsole im Handheld-Format langsam erwachsen.
Text: Heiko Gogolin aus De:Bug 91

Pusten und Griffeln
Nintendo DS

Dieses Frühjahr strömt endlich mal wieder eine steife Brise in den windstillen Spielehandheld-Markt: Nintendos Double-Screen (DS) und die PlayStation Portable (PSP) streben an, unser Verständnis von mobiler Unterhaltung neu zu definieren. Während Sonys Flaggschiff eine technisch potente Lifestyle-Applikation mit Mehrwert darstellt, begibt sich der bisherige Quasi-Monopolist Nintendo mit einem speziell auf Games zugeschnittenen Interfacekonzept auf die Suche nach frischen Spielideen. Die PSP lässt leider noch ein wenig auf sich warten, dafür steht das DS bereits seit kurzem in den Läden. Vorhang auf!

Das schwarzsilbrige Design des Startmodells sieht recht schmuck aus, wirkt aber leider dezent klobig und dadurch nicht ganz so abgehangen und stylo, wie es hätte sein können. Trotzdem erscheint das Gerät für eine Spielkonsole relativ “erwachsen”. Wer es lieber unseriöser mag, wartet noch ein paar Monate auf fruchtigere Farbvariationen. Namengebend für das DS sind die beiden übereinander angeordneten TFT-LCD-Monitore. Während der obere allein zur Darstellung genutzt wird, bildet der untere Bildschirm das Herzstück des Geräts: Der Touchscreen dient zur primären Steuerung, entweder mit einem von PDAs bekannten Griffel oder gleich mit unseren Wurstfingern. Einige Titel kombinieren gar beide Bildschirme, um die Illusion einer großen Mattscheibe zu erzeugen. Eigentlich hätte das Gerät viel eher Nintendo TS heißen sollen, denn die ungemein direkte Rückkopplung durch den Touchscreen ist der Kern der DS-Erfahrung. Man fühlt sich auf eine ganz neue und fabulös-intuitive Art mit dem Spielgeschehen verbunden. Der Launchtitel Super Mario 64 DS bietet neben dem mobilen Remix eines der einflussreichsten Videospiele der 90er Jahre eine ganze Armada an kickenden Minispielen, welche die DS-Idee in purer Form kommunizieren: Ziehe mit dem Griffel eine Schleuder, um fliegende Bomben abzuwehren! Rolle einen Schneeball mittels Hochgeschwindigkeits-Rubbeln durch einen Hindernisparcours! Zeichne Trampoline in die Luft, um quietschfidel hüpfende Marios zum Ausgang zu jonglieren!

Neben dem Touchscreen stehen freilich auch traditionelle Eingabemöglichkeiten zur Verfügung: Auf der rechten Seite befinden sich die vier Hauptknöpfe, auf der linken Seite ein Steuerkreuz. Zwei Schultertasten sind ebenfalls an Bord. Die Elemente sind symmetrisch zueinander angeordnet, um das Gerät linkshänderkompatibel zu gestalten – eine große Gruppe von Spielern, die bei der Schnittstellenkonzeption leider oft vernachlässigt wird. Als zusätzlicher Input steht ein kleines Mikrophon zur Verfügung, das sowohl auf Atemgeräusche reagiert als auch konkrete Spracheingaben verarbeitet. Ein meschugges Minispiel aus dem Titel Project Rub von Sega’s Sonic Team verlangt es z.B., diverse Kerzen auf Zeit auszublasen. Dafür hustet und prustet man ins Mic, dass es eine wahre Freude (und in der Öffentlichkeit ein ziemlicher Augenfänger) ist.

Das DS erlaubt drahtlose Multiplayerduelle für bis zu 16 Spieler im lokalen Netzwerk. Besondere Latenzzeiten waren bei den ersten Feldversuchen nicht zu spüren. Ein DS im Standby aktiviert sich automatisch, sobald die Sensoren ein anderes Exemplar seiner Spezies und somit auch einen potentiellen Mitspieler wahrnehmen. Dieser ist sogar in der Lage, sich das jeweilige Game vom eigenen Gerät zu saugen. Die Zeiten, in denen sich jeder Spieler ein Exemplar zulegen musste, um gegeneinander anzutreten, scheinen also endlich passé. Der Musiktitel Jam with the Band erlaubt so mit nur einer Gamecard ein Musizieren mit bis zu acht Freunden. Die Sounds genügen zwar nicht gehobenen Standards, rocken tut ein spontaner Jam in der U-Bahn jedoch allemal. Bereits fest in das Gerät eingebaut ist PictoChat, eine spielerische Chatumgebung für bis zu 16 Personen. Mittels Buchstabeneingabe oder lustigen Zeichnungen darf im Hörsaal oder Klassenzimmer fröhlich miteinander kommunizieren werden.

Jedem Gerät liegt eine Ein- und Mehrspieler-Demoversion des Shooters Metriod Prime Hunters bei. Die Action spielt sich hier allein auf dem oberen Screen ab. Unten erscheint eine Karte, an dessen Rand die unterschiedlichen Wummen per Berührung gewechselt werden können. Mittels des Stifts justiert man den Blickwinkel und bewegt sich zugleich mit dem Steuerkreuz – ein Handling nicht unähnlich der Mouse-Steuerung eines Ego-Shooters. Ein Doppelklick lässt die Protagonistin springen, während ihre Inkarnation als rollende Kugel brillant übers Touchpad kontrolliert wird. Dies funktioniert selbst in der Hitze von Deathmatches mit mehreren Spielern wesentlich besser, als es sich jetzt anhören mag. Wie so oft beim DS gilt: Man muss es halt selber gespielt haben. Ebenfalls ein Chef ist die neue Episode von Wario Ware namens Wario Ware Touched! Wie schon in den anderen Versionen offeriert das Spiel ein Destillat aus 30 Jahren Videospielgeschichte. Innerhalb eines immer schnelleren Stakkato-Rhythmus gilt es Miniaufgaben zu erledigen, die meist aus einer einzigen Aktion bestehen. Das DS legt noch ein gutes Pfund Wahnwitz obendrauf: japanische Schriftzeichen mit dem Griffel ausmalen, im richtigen Winkel mit einer an einem Seil hängenden griechischen Statue ein Feuer auspinkeln, durch Rubbeln an einer Streichholzschachtel ein Zündholz entflammen oder auf Zeit eine Toilettenpapierrolle abrollen.

Das Nintendo DS ist ein äußerst innovatives Gerät, das in der Praxis tadellos funktioniert. Wie groß sein Potenzial jenseits des ersten Aha-Effekts ist, hängt letztlich von der Software ab. Hier lässt sich beobachten, dass viele der ersten Spiele die Schnittstelle oftmals eher als Zusatz oder im Bereich von Minispielen nutzen – ein Tribut an die sehr kurze Zeit zwischen der ersten Vorstellung und dem Launch der Hardware. Die anrollende zweite Welle integriert dagegen die neuartigen Steuerungsmöglichkeiten bereits konstitutiv ins eigentliche Spielkonzept. Das geniale Catch! Touch! Yoshi! wird z.B. komplett mit dem Griffel gesteuert: Während der Knuddeldino von selbst immer weiter von links nach rechts läuft, bringen wir ihn durch einen Tap auf die Figur zum Hüpfen, ein zweiter Tap löst das charakteristische Yoshi-Schweben aus. Zusätzlich können Eier geschleudert oder Linien gezeichnet werden, die Abgründe überwindbar machen – eine leicht zu erlernende, aber schwierig zu meisternde Technik, die vor Eleganz nur so strotzt. Durch seine Kombination aus Intuition und Komplexität schafft es das Nintendo DS, sowohl Hardcore-Gamer als auch Gelegenheitsspieler zu begeistern. Uns eingeschlossen.

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Elektronische Lebensaspekte.