Seine Freunde halten Techno für "so 90er". Davon lässt sich der Rosenheimer Produzent Quietpoint aber nicht beirren und schraubt sich in 90-Minuten-Sitzungen seine Tracks live zusammen.
Text: Sven von Thülen aus De:Bug 118

quietpoion.jpg

Quietpoint
Live aus Rosenheim

In Zeiten, in denen der Rechner bei den meisten Produzenten der unbestreitbare Mittelpunkt des Produktionsprozesses ist und über Tage oder Wochen in akribischer Detailarbeit am perfekten Sounddesign und am perfekten Arrangement gefeilt wird, geht mit dieser Arbeitsweise nicht selten die Spontanität und die Magie des Moments flöten. Eben weil der Moment nicht nur ein Moment ist und das Ergebnis einer Nacht immer wieder modifiziert wird. Aber nicht jeder kann den Vorzügen und Eingriffsmöglichkeiten, die die technologische Entwicklung im Feld der Musikproduktionssoftware in den letzten zehn Jahren hervorgebracht hat, so viel abgewinnen.

Quietpoint kommt aus Rosenheim und seit er 1984 an seinem C64 zum ersten Mal Klänge aus seinem Rechner zauberte, um sich dann langsam aber sicher einen Maschinenpark aus analogen Synths, Drummachines und anderer Hardware zuzulegen, stand für ihn der Live-Moment elektronischer Musik immer im Vordergrund. ”Das war schon immer meine Vision von Techno. Für die musste ich ja auch schon genug Häme einstecken. Damit habe ich auch kein Problem, aber dass durch die Demokratisierung der Produktionsmittel Techno so schnell redundant und austauschbar geworden ist, hätte ich mir nicht träumen lassen. Da stehen den Kids alle Möglichkeiten offen und jeder will klingen wie der andere. Da ist doch was richtig schief gelaufen.”

Polierte Seelenlosigkeit wirft Quietpoint vielen aktuellen Produktionen vor. Aber wie kommt der Soul seiner Meinung nach in die Musik? Ist das wirklich eine Frage der Arbeitsweise? ”Leider geht das alles nicht ohne Übung und Erfahrung. Gerade das Mixen ist ja ein langwieriger Lernprozess. Ich mach auch selbst heut noch immer nach fünf Stunden die Geräte einfach aus. Wenn bis dahin der Track nicht im Kasten ist, dann war die Idee einfach zu schwach. Die meisten Tracks auf den drei Quietpoint-Platten waren jeweils in nicht mal anderthalb Stunden auf DAT. Ich speichere auch keine Patterns oder Sounds ab. Jedes Stück wird neu angefangen. Monatelang an einem Track feilen, das wäre mit Sicherheit nicht mein Fall. Respekt an alle, die so arbeiten können. Ich würde ja mal gerne wissen, wie z.B. Convextion arbeitet. DX100 und Laptop und trotzdem deep wie kein anderer. Ich freue mich ja immer, auf Platten kleine Fehlerchen oder Unzulänglichkeiten rauszuhören, die sich live nicht vermeiden lassen. Das macht ja auch den Flair von vielen Platten aus. Was wäre z.B. Drexciya, wenn sie alles am Rechner ausproduziert hätten. Ich muss aber privat nicht immer Jus-Ed beim Improvisieren zuhören. Als neulich irgendwo mal der polierte Minimal von Plastikmans “Closer”-Album als Musiktapete vor sich hin plätscherte, fand ich das auch prima.”

Und während der Weg von den ersten begeisterten Reason-Schraubereien zur ersten Veröffentlichung auf Vinyl oder auch digital mittlerweile meist auf eine sehr überschaubare Entfernung zusammengeschrumpft ist, stapeln sich in Quietpoints Studio die DAT-Tapes aus den letzten knapp zehn Jahren. Die drei von ihm erwähnten Maxis für das wiederbelebte Münchner Label Pastamusik, die in diesem Jahr herauskamen und Freunde von psychedelischem, Chords geschwängertem Techno in nervöse Aufregung versetzt haben, waren die ersten eigenen Veröffentlichungen seit Jahren. “Ich fand die Idee, dass meine Musik nur für den Augenblick existiert, immer sehr faszinierend. Ich bin aber auch leidenschaftlicher Plattensammler, sicher kam da auch mal der Punkt, an dem ich gerne das eine oder andere Stück von mir auf Vinyl gehabt hätte. Nach zwei erfolglosen Anläufen mit kleinen Labels aus der Region habe ich das aber wieder bleiben lassen. Auch mein Freundeskreis war immer weniger an meiner Musik interessiert. Techno war “so 90er“. Irgendwann hatte ich mich damit abgefunden, meine Tracks nur noch für mich zu machen. Aber jetzt habe ich ja wieder den einen oder anderen neuen Fan. Denen in Zukunft hin und wieder mal eine CD in die Hand zu drücken, reicht mir völlig.”

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.