Kinderwagen müssen aufgepimpt werden für den neuen gebährfreudigen Mittelstand. Henrik Vibskov macht einen Superjob für Quinny.
Text: Jan Joswig aus De:Bug 126


Lange Zeit waren Kinder und Köter das exklusive Attribut von Unterschicht und Oberschicht. Der Mittelstand setzte lieber auf Double Income No Kids. Der drohende soziale Abstieg machte egoistisch. Eine Topfpflanze war das Ultimum, das man sich für seinen Gefühlshaushalt leistete. Aber der Trend hat sich umgekehrt. Deutschland, du karnickelst. Die Akademiker in der Kreativbranche leisten sich wieder Kinder. Denen kann man im neuen Wohlstand ja auch eine Ralph-Lauren-Bermudas und Kickers-Schuhe und diese niedlichen Burberry-Miniatur-Mäntel anziehen. Das macht auf Dauer mehr her als das ewige Louis-Vuitton-Halsband für den Hund. Auch Henrik Vibskov will diese Eltern nicht allein lassen. Für Quinny, den weltgrößten Hersteller für Kinderwagen und Autositze aus Kanada, hat er eine 15-teilige Kollektion entworfen, ”Quinny by Henrik Vibskov“, die vom Kinderwagen bis zur Windeltasche und zur Sonnenbrille für Mutti oder Vati reicht. Spitzenteil auch für Nicht-Eltern: der Regen-Poncho für Radler.
Und er hat sich so musikalisch, farbenprächtig und mit Freibeuter-Humor an die Aufgabe gemacht, wie man es von dem dänischen Designer erwartet, der skandinavische Mode im Handstreich vom Ruch befreit hat, nur schwarze Neoklassik für Bohnenstangen zu produzieren. Aber ob man Kindern einen Gefallen damit tut, sie in einen Buggy für 1.000 Euro zu stecken? Oder geht’s nur um die Eitelkeit der Eltern? Ästhetische Erziehung ist das eine, aber frühe Bindung an Luxus-Artikel ist etwas völlig anderes.

Debug: Ist es nicht ein Beleg für eine verkommene, degenerierte Welt, wenn Kinder in Designer-Produkte gesteckt werden?

Vibskov: Das ist der Stand der Dinge – seit 50 Jahren. Aber Kids haben den unverdorbensten, ehrlichsten und direktesten Zugang. Sie geben einen Scheiß auf Namen, auf Who is Who. Die Eltern haben das Geld, aber wichtiger ist, dass die Kids es mögen. Viele Hersteller benutzen sehr synthetische, funktionale Materialien. Die Produkte sehen aus wie vom Kitesurfen. Ich wollte natürlichere, lebendigere Materialien zurückholen, Holz, Leder.

Ein neo-traditioneller Weg, um Kinder ins Leben einzuführen …

Aber ich habe eine Menge bunter Farben eingesetzt.

Die coolste Karre geht leider nicht in Produktion, Din-Normen verhindern es. Vibskov hat den Felgen eines Buggys Kegel aus verschiedenfarbigen Holzringen aufgesetzt, die spitz seitlich herausragen. So bekam der Buggy einen unverkennbaren Hauch von dem Kampfwagen bei Ben Hur, an dessen Felgen Messerklingen angebracht waren, um den gegnerischen Pferden die Waden aufzuschlitzen. Das ist doch mal ein Subtext für einen Kinderwagen. Genau das Richtige für die Hipster-Eltern, die ihre Kinder im Kampf ums soziale Prestige beim Flanieren vor sich herschieben. Du hast ein Kind? 1:0. Und du hast einen Wagen von ”Quinny by Henrik Vibskov“? 2:0.

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Elektronische Lebensaspekte.