Überraschung. Hier kommt ein MC aus Berlin, die lieber ein blaues Auge statt limitierter Sneakers trägt. Zu den Beats von Antye Greie rappt und singt Quio auf ihrem ersten Album jenseits aller Genre-Zwänge.
Text: Clara Völker aus De:Bug 97

2-Step vorwärts

Hypes können ganz schön überflüssig sein. Insbesondere, wenn sie in England entstehen, hierher rüberschwappen und dann das Nonplusultra werden – und man immer wieder erklären muss, ob das, was man macht, zum Beispiel Grime ist. Langweilig. Für Quio geht es nicht um Kategorien, sondern um Musik. Gerade hat sie ihr Debutalbum zusammen mit AGF auf deren Label AGFProducktions veröffentlicht. Es nennt sich “Like Oooh” und ist eine Mischung aus Beats, Sounds, Rap und Gesang. Kein Grime. Auch wenn Quio Grime super findet und lange Zeit die Grime-Sendung “Underground Essentials” auf dem Berliner Miniradiosender TwenFM gehostet hat. “Ich finde an Grime vor allem die Sounds cool, die ja oft total cheap sind und sonst verboten gewesen wären, hier aber eingesetzt werden dürfen. Für eine Grime-Funky-Sparte wäre allerdings auch noch Platz … ” Mit AGF teilt sie insbesondere eine Vorliebe für 2-Step, die beiden haben sich bei einem Auftritt kennen gelernt, ihre gemeinsame musikalische Wellenlänge entdeckt und sich irgendwann an ein paar Tracks gesetzt. Früher war Quio als MC Looney Tunes auf Drum-and-Bass-Partys unterwegs, mittlerweile ist sie seit fast zwei Dekaden musikalisch aktiv: “Ich habe Ende der 80er Rave aufgelegt, dann in einer Gitarrenband gesungen und 1997 angefangen, Drum-and-Bass-MC zu sein, im Rahmen des Frauenkollektivs G-Point. Mit den DJs Christine Lang und G-Serve haben wir dann die Partyreihe ‘On Bass Tracks’ gegründet, eine Radioshow bei TwenFm angefangen und uns zu 2-Step weiterentwickelt. G-Serve hat dann zu Gunsten des Produzierens eine lange Auflegepause gemacht und jetzt mit Grime wieder angefangen.” Auch wenn Quio neuen Musikrichtungen gegenüber tendenziell aufgeschlossen ist, sieht sie die hiesigen England-Adaptionen mit gespaltenem Blick: “Weil es so etwas Übernommenes ist, werden Variationen weniger toleriert. Von den Vorgaben abzuweichen, wird schnell als uncool betrachtet.” Überhaupt scheint die englandlastige Musikszene in Berlin etwas steif zu sein: “Ich glaube, Grime und Drum and Bass sind hier aus demselben Grund gut angekommen: Es sind beides Jungsdinger. 2-Step ist deswegen nicht angekommen, weil die Jungs hier nicht verstanden haben, dass man auch sexy Frauenstimmen cool finden kann.” Aus einem ähnlichen Grund werden viele wohl auch nicht wissen, was sie von Quio und AGFs Album halten sollen, denn konventionell ist “Like Oooh” so gar nicht, weder musikalisch noch textlich: “Ich versuche immer, eine interessante Sprache zu verwenden, die Zusammensetzung der Wörter muss stimmen, es muss immer unterhaltsam bleiben und nicht voraussehbar werden”, wobei es natürlich auch um Inhalte und Erfahrungen geht. Schon das Cover, auf dem Quio mit zugeschwollenem Auge rund 70 Prozent jünger aussieht, als sie eigentlich ist, stößt nicht überall auf Begeisterung: “Die männliche Reaktion auf das Cover war: In Wirklichkeit siehst du ja viel besser aus. Bei ODB hat das bestimmt keine Sau gesagt!” Quios größter Bonus ist, dass sie, wahrscheinlich aufgrund ihrer jahrelangen Übung als Live-MC, nahezu jeden Beat bereichern kann. Und die Beats, die ihr Antye Greie gebaut hat, können sich hören lassen, so wie auch die Gastfeatures, zu denen die 15-jährige Sängerin Lise gehört. “Like Oooh” ist hausgemachte Musik aus Berlin für das 21. Jahrhundert.

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Elektronische Lebensaspekte.