Filzklumpen rund um die Politiker verstopfen unsere Ohren mit unerträglichem Einheitsbrei. Radio kann man kaum mehr hören. Die Freien Radios könnten zeigen, dass es auch anders geht, aber man macht es ihnen nicht leicht. Doch die Quoten der herkömmlichen Radiomacher brechen ein - und eben da liegt neue Hoffnung. Bianca Ludewig guckt sich das Szenario mal genauer an.
Text: Bianca Ludewig aus De:Bug 80

Hört auf, Radio zu hören!
Einmal herum, um den Einheitsbrei

Man weiß zwar nie genau, was mit der unberechenbaren Masse so willenstechnisch los ist, aber kann es wirklich sein, dass die Masse ein Radioprogramm will, in dem alles komplett gleich klingt? Die Intendanten und ihre Pendants im Privatfunk nebst Anteilshaltern wollen uns Glauben machen, das Angebot ergibt sich automatisch aus der Nachfrage der Hörer. Aber wie ist dann zu erklären, dass eigentlich niemand so richtig glücklich ist mit dem Radioprogramm, dass die Quoten zurückgehen und das Internet dem klassischen Funk den Rang abläuft?
Die Antwort darauf ist so unspektakulär wie das Hörfunkprogramm selbst: In Wirklichkeit regulieren natürlich nicht die Hörer, sondern die Nachfragen aus Wirtschaft und Parteien das Angebot. Und die müssen noch nicht einmal mit viel Druck erfolgen, da sie in der Regel nicht auf große Widerstände stoßen.
Filz und Lobbyarbeit in den Aufsichtsgremien, Rundfunkräten, Medienanstalten, Partnerschaften, Produktionsgesellschaften und Kooperationen fördern eine Unübersichtlichkeit, durch die der Hörfunk zu einem beliebten Aktionsfeld geworden ist. Durch verminderte staatliche Kontrolle (und jenseits einer freiwilligen Selbstkontrolle) ist der Rundfunk ein Monopolyspiel geworden, bei der die Devise einfach nur stumpf ”Weitermachen” heißt. Jedes Mal wenn man über Los kommt, kann man direkt oder über ausgelagerte Produktionsfirmen schön viele Euros aus dem Rundfunkgebührentopf einsammeln, baut ein paar Medien-Elite-Akademien oder wartet auf gute Ereigniskarten, um “Freundschaftsbande” zu schaffen oder erneut zu stärken. Deshalb ist das Radioprogramm auch so schlecht: Der Inzest hinterlässt auf Dauer Spuren. Nur wer die richtigen Kontakte hat und die richtige Haltung bewahrt, kommt zum Zug und bleibt im Spiel.

Es wird anders
Aber es gibt schon erste Anzeichen, dass das Hoch der auf Fastfood programmierten Filzkraake vorbei ist: Die Quoten brechen langsam ein, Sender, die etwas Ungewöhnliches abseits der ausgetrampelten Pfade wagen, werden von ihren Hörern belohnt (so zum Beispiel Radio Eins in Berlin) und darüber hinaus bietet das Internet Ausflucht aus dem Hörfunkloch: Übers Internet kommt man kostengünstig an – auch von Parteien unbeeinflusste – Information und Musik, die man im Radio nicht oder nur zu später Stunde hört.
Und dann ist da schließlich noch die “dritte Säule” des Rundfunks: die Freien Radios und die offenen Kanälen – die so genannten Nicht-Kommerziellen-Radios (NKR). Wenn es die in eurer Stadt oder Bundesland gibt, könnt ihr entweder selber aktiv werden oder sie durch Spenden bzw. Fördermitgliedsbeiträge unterstützen, insoweit das nicht die GEZ tut. Das ist nicht selbstverständlich: Offene Kanäle sind in den Landesmediengesetzen nämlich nur eine Kann-Bestimmung. So hat man auch gerade in Hamburg mal kurzerhand die Gelder vom Offenen Kanal auf die Elite-Medienschule HamburgMediaSchool umgeleitet.
Dennoch sollte man für die Existenz der freien Radios kämpfen. Sie sind kostbare, anschauliche Entwürfe dafür, wie Radio anders sein und klingen kann. Hier kann noch musikalisch und thematisch und in den Darstellungformen experimentiert werden, ohne direkt von einer Quote abhängig zu sein. Sie manifestieren das Recht der freien Meinungsäußerung für all diejenigen, deren Interessen sonst nicht im Hörfunk zum Tragen kommen. Auch der Funk ist öffentlicher Raum, und über Freie Radios findet noch (Rück-)Aneignung dieses Raumes statt.

Der Kampf der Freien Radios
Freie Radios können nur hoffen, dass ihre immer wieder notwendigen Lizens-Verträge und -Verlängerungen weiterhin durchkommen. Aus der Sicht der Politik sind sie unlukrative Auslaufmodelle in Zeiten der wirtschaftlichen Liberalisierung. Es muss gespart werden und diese Radios kosten Geld – weiter wird nicht gedacht. Es bleibt abzuwarten, ob sich die Freien Radios auch ohne staatliche Fördergelder – durch Selbstausbeutung – weiter über Wasser halten können. Neue alternative Radioprojekte haben kaum Aussicht auf eine Frequenz, da diese endliche Ressource allerorts hart umkämpft ist und die geforderten Auflagen, wie finanzielle Absicherung, von ihnen meist nicht erfüllt werden können. Oder nur durch fragwürdige Zusammenarbeit mit Unternehmern, die dann in der Regel da endet, wo auch KISS FM in Berlin geendet ist: in unhörbarem Einheitsbrei.
Berlin, die Stadt mit der größten subkulturellen Vielfalt unserer Republik, kämpft seit Jahren für eine Frequenz / Lizenz für ein NKR. Doch in Berlin war ein solches Projekt von Anfang an unerwünscht und wurde im Medienstaatsvertrag zwischen Berlin und Brandenburg wohlweislich ausgeschlossen. Auf die Frage an die Medien-Anstalt Berlin-Brandenburg, warum es in Berlin trotz der großen Nachfrage ein nicht-kommerzielles Radio nicht gäbe, heißt es knapp und klar: “Weil die Politik es nicht will”! Also: Meldet eure Radios ab, rüstet eure Computer auf oder drängt eure Verwandten und Bekannten mit Kapital und Charakterstärke dazu, Anteilshalter, Spender oder Sponsor bei einem NKR oder alternativem Radioprojekt in eurer Stadt zu werden. Gegen Homogenisierung hilft nur, den Einheitsbrei wieder auszuspucken.

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Elektronische Lebensaspekte.