Ein gutes Radioprogramm hat es schwer. Hervorragende Qualität, wie sie etwa Freie Radios bieten, haben oft wenige Hörer. Das ganze übers Internet allen, zumindest vielen zugänglich zu machen und so eine breite Hörerschaft zu gewinnen, erfordert dagegen eine technische und finanzielle Investition. Die Lösung hier: Ein Zusammenschluss. Pit Schultz erklärt, wie es gehen könnte.
Text: Pit Schulz aus De:Bug 80

Radio neustarten
Zwischen dem Horror der Realität und dem schwarzen Loch des Internets

Auf der Website unserer wichtigsten Kulturklause, dem Goethe-Institut, konnte man den Text “Radio in der Bundesrepublik Deutschland” lesen. Da stand: “Rein statistisch ist Radio nach wie vor das Medium, das am intensivsten in Deutschland genutzt wird. Über 200 Minuten täglich verbrachten die Bundesbürger im Durchschnitt im Jahr 2002 insgesamt mit dem Radio, das damit seinen Spitzenplatz vor dem Fernsehen (185 Minuten pro Tag) und der Zeitungslektüre (30 Minuten täglich) verteidigte.” Das ist überraschend, nicht? Das Radio gehört nach wie vor zu den Medien Nummer 1, aber die jungen und aufmerksamen Nutzer nehmen ab, die Werbeeinahmen auch. Da heißt es, Hörer zurückholen. Leider geht das bei alten Medien wie dem Rundfunk nicht so einfach, denn das Radio sitzt zwischen dem Filz der Öffentlich-Rechtlichen und dem Internet in keiner einfachen Position.

Freies Radio
Doch Hilfe naht. Denn zu jeder Geschichte vom Aufstieg und Niedergang eines Reiches gehören die guten alten Grassroot-Barbaren, die in diesem Fall im Internet zusammenkommen und ihre Medienbürgerrechte einfordern. Wäre da nicht noch etwas Platz zwischen den Monopolsendern für unbezahlten Lokalfunk? Wäre es technisch nicht sinnvoll, flächendeckend auf etwas WLANartiges wie IP-Broadcast umzusteigen? Muss das Betreiben von Piratensendern mit Gefängnis bestraft werden, wenn daraus wie in London ganze Musikzweige entstehen? Warum sollte es nicht erlaubt sein, einen kleinen Communitysender zu installieren und von hier aus die Revolution voranzutreiben?
Auch in Deutschland gibt es mittlerweile in jeder größeren Stadt ein freies Radio, und zwar nichtkommerziell, lokal und unterfinanziert. Außerdem gibt es als Gegenpfand der Privatisierung der 80er so genannte offene Kanäle, die als wackelige dritte Säule zwischen Privatfunk und öffentlich-rechtlicher Informationsversorgung stehen und beim drohenden Umkippen der einen zur anderen Seite, hilfreich im Weg stehen könnten. Das ist das Gute.

Im Netz des Lokalen
Jetzt die Schwierigkeiten: Das Problem an diesen so genannten Freien Radios beim Aufhalten der großen, bösen Monopolisierung ist weniger das fehlende Businessmodell, sondern die Festschreibung auf das Medium Radio und das Lokale an sich. Bis auf einige Großstädte (FSK, Hamburg, RadioX Frankfurt etc.) fehlt es den bundesdeutschen freien Radios oft an Kräften und Inhalten, um ein Vollprogramm ohne Verschleißerscheinungen durchzuhalten. Zwar findet man hier Reservate von widerständiger Kultur aus den letzten Jahrzehnten, dennoch kommt bei der Fokussierung auf die Mikropolitiken der jeweils lokalen Belange leicht die Weltoffenheit gegenüber neuen Themen, Techniken und Musikstilen abhanden. Oft ist es dem heroischen Engagement von einzelnen anzurechnen, dass bestimmte Musikstile überhaupt den regionalen Äther erreichen (etwa Radiopets, Nürnberg; Vinylizer, Hamburg).
Was liegt also näher als Internationalität mit Lokalität zu verbinden und das Radio mit dem Internet zu verkoppeln? Das, was die großen Radiokanäle technisch können, nämlich 1. durch Einsatz von Playlist-Software den Radio-DJ zu ersetzen und 2. durch die zentrale Verwaltung dieser Playlists ganze Radiostationen bis auf die Sendeanlagen wegzurationalisieren, ließe sich zu anderen Zwecken nutzen, indem man die Sendezentrale durch das Internet selbst ersetzt und die dazu notwendige, freie Software entwickelt.

Internetradios
Internetradios gibt es seit Mitte der 90er Jahre, technisch allerdings haben sie nicht viel mit Rundfunk gemeinsam. Für jeden Empfänger (Client) wird eine eigene Verbindung aufgebaut und ein eigener Stream gesendet. Die Kosten auf Seite der Sender (Server) steigen bei entsprechend wachsenden Hörerzahlen linear an. Beim Radio hören alle auf derselben Frequenz, also bleiben die Sendekosten gleich, egal ob 10 oder 10.000 im Sendegebiet zuhören. Solange Bandbreite nicht umsonst ist, findet das also eher im kleinen Rahmen oder verteilt auf Filesharing-Netzwerken statt. Hinzu kommen als zweites Problem unverschämt hohe Urheberrechtsgebühren für Webcasting, die mit der Zahl der Hörer in keinem Verhältnis stehen. Eine durchschnittliche Dudelfunk-Station in einer Stadt wie Berlin hat – muss man dazu wissen – ebenso viele Hörer wie die ganze Top 10 der Webcaster der Welt zusammen.

Mergen! Konvergieren! All das!
Das Ziel jetzt liegt deshalb darin, das Radio mit dem Internet zu verkoppeln: Zunächst geht es 1. darum, den Soundkulturen, Labels, Clubs, lokalen Stilen und musikalischen und akustischen Aktivitäten in einer Stadt möglichst direkt den entsprechenden Raum im Radio zu geben. 2. muss man dann genau diese lokalen Sounds so verbinden, dass sich auf der Ebene des Internets international das weiterentwickelt, was durch Clubs, Labels, tourende DJs und internationale Plattenvertriebe längst möglich und Fakt ist. Radio heißt durch diese Verbindung dann nicht wie bisher, jeden für sich, sondern alle zusammen anzubeamen. Wenn das lokale Radio durch die internationale Plattform Internet ergänzt wird, kann sich eine große Summe von ‘Extremhörern’ zusammenfinden, Extremhörer, die in heutigen Formatradios keinen Platz finden. Und die sind auch für das Überleben der Musikindustrie nicht ganz unwichtig.

Das Modell
Deshalb: Es braucht ein Lizenzmodell für nichtkommerzielle Radiodistribution, um die verteilten Kanäle kleiner, nichtkommerzieller, lokaler Radiostationen für Independent-Produktionen zu öffnen. In diesem Fall geht es nicht um Filesharing für alle, sondern um Internet als ‘Backend’ zwischen lokalen kleinen Labels und Produzenten, zwischen nichtkommerziellen Radiostationen, vielleicht auch weltweit.
Der entscheidende Vorteil von Radio ist, dass der Zugriff darauf unverschämt einfach und günstig ist. Statt nun Radio durchzudigitalisieren, würde das Neue darin bestehen, die in Stagnation befindlichen etablierten Formen des Radios mit neuen Methoden (Linux, OpenSource, Creativecommons, Filesharing, Dezentralisierung) so zu verknüpfen, dass nicht bloß eine weitere mehr oder weniger stumpfe bezahl/nichtbezahl-Downloadplattform daraus wird, sondern ein Zusammenhang. Kultur eben.

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Elektronische Lebensaspekte.