Der Kapitalismus hat einen neuen Feind, und der ärgert sich: Matthew Herbert nimmt es in seiner Radio-Boy-Show "The Mechanics Of Destruction" mit den Teufeln der Globalisierung auf. Beats Against The Machine.
Text: Uh-Young Kim aus De:Bug 65

“Congratulations, Stoiber lost!” Die Zeichen standen gut für Matthew Herberts Auftritt als Radio Boy auf der Wahl-Party eines in Köln ansässigen Umsonst-Magazins. Das Konzept von “The Mechanics Of Destruction” versprach nicht weniger als das “erste auf die Bühne gebrachte Statement eines elektronischen Musikers” zur Globalisierungsdebatte. In der Bedarfsanmeldung der Show standen allerlei böse Dinge aus der Welt des Kapitalismus, aus deren Zerstörung der Radio Boy Musik generieren wollte. In Paris soll er sich sogar die Stirn blutig gehauen haben.

Matthew Herbert – einstiger Minimal-House-Held, dann scheinbar engstirniger Dogmatiker, immer ästhetische Reibefläche und Extrawurst – jetzt als Globalisierungsgegner. Es geht los: Der ganz in schwarzgekleidete Radio Boy haut die Kellogstüte gegen ein Mikro, Smacks rieseln aufs Kaoss-Pad, Beats krachen, glitschen und kollidieren im Herbert-Funk wie bei einem Squarepusher mit Kultur-Auftrag. Ratsch – Radio Boy entzweit die Bild-Zeitung! Clonk – Radio Boy terminiert eine Cola-Dose! Bamm – Radio Boy drischt mit einem Hammer auf einen Fernseher ein! Fetz – Radio Boy reißt Textilien auseinander und posiert mit über den Kopf gezogener Gap-Tüte in Victory-Pose! Das in allen Farben der Markenwelt schillernde Publikum ist vom wirbelnden Clash zwischen Kunst und Politik begeistert. Als er den Big Mac auspackt, höre ich hinter mir: “Oh, wie lecker.” Ernsthaft. Aber da kann ja der Radio Boy nix für. Platsch – er wirft den Burger mit Schmackes gegen eine unschuldige Leinwand. Bis zur vierten Zugabe sollten noch einige Symbole transnationalen Ausbeutertums der Wut Matthew Herberts zum Opfer fallen.

DEBUG:
Erinnerst du dich noch an deinen letzten Big Mac?
HERBERT:
Ja, sicher. Das ist Teil des Projektes. Es geht um meine eigene Reise. Früher aß ich bei McDonalds, ich trug Nike-Schuhe und trank Kaffee bei Starbucks. Irgendwann aber fühlte ich mich komplett verarscht. Ich will diesen Sachen auch nicht ihre Daseinsberechtigung absprechen. Aber das Problem mit McDonalds ist, dass es lokale Strukturen verdrängt, und die Leute in Asien immer fetter werden.

DEBUG:
Was haben Sounds aus deiner Küche und Sounds kapitalistischer Produkte gemeinsam?
HERBERT:
Es geht um meine Umwelt, die Organisation von Krach in Musik. Vor ein paar Jahren waren meine Freunde und mein Haus das Wichtigste in meinem Leben. Ich schuf eine Welt für mich selbst. Heute ist Politik das Wichtigste in meinem Leben. Musik ist ein Luxus. Als ich älter wurde, merkte ich, dass ich meine Welt auf Kosten von Leuten in Vietnam oder Malaysia erschaffe.

DEBUG:
Fühlst du dich manchmal wie ein Rädchen im großen Räderwerk?
HERBERT:
Ja. Indem ich Steuern bezahle, mit denen Tony Blair in einen Krieg gegen den Irak zieht. Indem ich mit Vinyl zu tun habe, das aus dem Öl, um das es bei diesem Krieg geht, hergestellt wird. Andererseits fühle ich mich als Teil eines Netzwerks von unabhängigen Labels und Musikern.

DEBUG:
Ist Gewalt ein legitimes Mittel des Protests?
HERBERT:
Nein. Das ist, was ich an der Show am meisten hasse und auch der Grund, warum ich damit aufhöre. Ich habe zu viele Gap-Hosen zerstört, die 12-jährige Mädchen in Thailand für sehr wenig Geld genäht haben. Es geht mir um zwei Sachen. Erstens: Meine Wut über diese Situation auszudrücken. Zweitens: Die Gewalt unter diesen Objekten bloß zu stellen. Ihr ganzer Subtext der Produktion ist gewalttätig. Ich hasse es, dass die Show gewalttätig ist, aber für mich ist es ein ehrlicher Ausdruck.

Er möchte nicht arrogant klingen, aber auf Kritik, die sagt, er zeige keine Alternativen, reagiert Herbert äußerst empfindlich (“Bullshit”). Schließlich sei er “der erste und einzige” elektronische Musiker, der die Ideen um “No Logo” (“nicht das beste, aber ein interessantes Buch”) und “Empire” (“?”) in seiner Musik thematisert. Die politische Erweckung von Matthew Herbert hat erst angefangen. Sein nächstes Projekt soll im 20-köpfigen Bigband-Jazzgewand zu “bedeutungsgeladenen” Texten von Chomsky und anderen führen. “The Mechanics Of Construction” ist ebenfalls in Arbeit. Um andere Köpfe zu wecken, war die “Destruction” jedoch politisch nicht provokativ genug, und als Konzept-Kunst zu unausgereift. Den ein oder anderen Arsch hat er mit der “Destruction” dennoch bewegt. Der Geist meinte, schon gefolgt zu sein. Wer weiß, vielleicht wird es irgendwann sogar etwas ändern.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.