Was haben Soullegende Bobby Womack, Reggaelegende The Congos und Brasillegende Tania Maria gemeinsam? Sie singen auf Rae & Christians neuem Album, der Legende des UK Hip Hop. Wie man zu dem Status kommt? Schlafwandeln und nicht länger als einen Monat am Album produzieren.
Text: ekrem aydin aus De:Bug 45

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International Songwriter Hop
Rae & Christian

Etwas mehr als zwei Jahre ist es nun her, dass die damals so lethargisch wirkende Musik aus England einen erfrischenden Durchzug erfuhr. Zwei Produzenten hatten eine Schar an Leuten um sich versammelt, um ihre Musik in die Welt zu tragen. Die Rede ist von Mark Rae und Steve Christian, besser bekannt als Rae & Christian, und ihrem Erstlingswerk “Northern Sulphuric Soul”. Sogleich wurde dieses Album – wie immer bei vielversprechenden Newcomern mit HipHop und Souleinflüssen – mit den Debüts von Massive Attack, Stereo MCs und Soul II Soul verglichen. Ein Umstand, dem Mark Rae, den ich damals befragte, so nicht beipflichten konnte. Nun, zwei Jahre später steht “Sleepwalker”, das zweite Album des Duos, in den Startlöchern. Und diesmal ist es Steve Christian, der mir bereitwillig Rede und Antwort steht.

Direkt das erste Stück nach dem Intro – “Hold Us Down” – ist als eine Art Protestsong gegen das ganze Musikbusiness gemeint. “Bevor ‘Northern Sulphuric Soul’ herauskam, sind wir bei einer ganzen Menge Labels vorstellig geworden, doch keines davon entsprach unseren Erwartungen,” erzählt Steve und erklärt damit den nach wie vor bestehenden Fakt ihrer Unabhängigkeit. Der Grund dafür war nicht etwa eine Trotzreaktion gegenüber den Großen der Branche, sondern bereits damals der Wunsch, nicht nur sich selbst, sondern alle Künstler, die auf ihrem Label ‘Grand Central Recordings’ erscheinen sollten, abzusichern. Ein Wunsch, der in den beiden ‘Central Heating’ Compilations oder den Alben von Aim, Only Child und Fingathing realisiert wurde.

Vor dem ganzen Stress um ihre Person machten Rae & Christian durch eine Unmenge an Remixen für Leute quer durch die musikalische Landschaft auf sich aufmerksam. Ihre Neufassungen waren nicht selten eine Aufwertung der Originale. Neben dem Wunsch, den Künstlern zu zeigen, wie ihre Stücke klingen könnten, stand natürlich auch ein finanzieller Bedarf, vor allem um die Kosten für das Klären der Samples für Ihr eigenes Album decken zu können. Auch heute ist es noch so, dass jeder eingenommene Cent ihrem Label zugeführt wird, und sie versuchen, sich durch Auflegen und Remixen ihr Leben zu finanzieren. Eine Rechnung, die aufzugehen scheint, bedenkt man, dass Rae & Christian vor ihrem ersten Album über fünfzig Remixe gemacht haben und danach nur noch selten für andere die Regler bedienten. “Es ist tatsächlich weniger mit dem Remixen geworden. Für das Produzieren unseres ersten Albums haben wir über ein Jahr gebraucht und einfach keine Zeit mehr für andere Dinge gehabt. Bei unserem neuen Album war es nur etwas mehr als ein Monat. Wir haben trotzdem Remixe für Leute wie Eagle Eye Cherry oder De La Soul gemacht. Letzteren gefiel unsere Version von “Oooh” jedoch nicht, und so kam sie nie heraus.”

Bereits vor ein paar Monaten kursierte die Maxi “It ain’t nothing like” mit der kalifornischen Gruppe ‘the Pharcyde’ als erste Auskopplung vom aktuellen Rae & Christian Album in den Läden des Landes. Darauf enthalten ein Remix der Nextmen, einem seit jüngerer Zeit sehr bekannten Produzentenduo aus England. Auf die Frage danach, wie es ist, als bekannter Remixer selbst geremixed zu werden, antwortet Steve: “Für dieses Album haben wir eine Vielzahl von Remixen in Auftrag gegeben, doch genommen haben wir nur ein paar. Es ist unglaublich, wie manche Leute ein Stück verschandeln können. Die Nextmen haben grandiose Arbeit geleistet. Ihre Version klingt wahrscheinlich besser als unsere eigene. Für sie oder uns ist ein Accapella von the Pharcyde wie Gold. Würde uns jemand ein Accapella von Bobby Womack geben, so würden wir uns den Hintern aufreißen, damit es ein guter Remix wird. Doch wir mussten lernen, dass nicht jeder so denkt.”

Das harte Los der Künstler mit erfolgreichem Debüt ist es, immer wieder an diesem gemessen zu werden. Damals waren es ein Menge an Gästen, von denen man glaubte, dass Zeitliche hätte sie längst gesegnet: Jeru the Damaja, Q-Ball & Curt Cazal (JVC-Force), YZ zum Beispiel oder in anderen Bereichen als HipHop gefeierte Stars wie Sharleen Spitari von der Gruppe Texas. Ebenfalls stach Veba hervor, ein Mädchen, das mit “Swan Song” direkt in aller Ohren (und sicherlich auf aller A&Rs Tischen) war. Ihre charismatische Stimme wird man diesmal umsonst suchen. Rae & Christian haben sich von ihr getrennt, Veba glänzte bei Auftritten öfter durch Abwesenheit. Auch der Sprechgesang hat sich drastisch reduziert, denn außer the Pharcyde hört man niemanden mehr rappen. “Die Jungs von the Pharcyde sind intelligente Menschen mit guten Texten. Wir hatten keine Lust, uns wieder dem Stress mit Typen wie Jeru the Damaja auszusetzen, der dir einfach nicht zuhört, die ganze Zeit rumflucht, den Chauvi raushängen lässt und überhaupt despektierlich über Frauen redet und rappt.”

“Neben den ganzen Rappern war es beim letzten Mal so, dass wir nur Sängerinnen bei den souligeren Nummern hatten und diesmal unbedingt auch Sänger dabei haben wollten. Deshalb haben wir uns für Bobby Womack und die Congos entschieden.” Entgegen aller Vorstellung für Romantik bei der Akquisition von Künstlern bekam Mark, der über Umwege die Nummer von Bobby Womack erfahren hatte nur ein grantiges ‘Ich will wissen, wie viel ich dafür bekomme und wann die Deadline ist’ entgegengeschmettert, bevor Mr. Womack wieder auflegte. Rae & Christian packten darauf eine Box voll mit Fotos, Presseartikeln, CDs und weiteren Dingen, die Aufschluss über ihr Schaffen geben sollten, und schickten es ihm nach L.A., bevor sie wieder Kontakt aufnahmen. Hörbar entspannter erklärte Womack, dass sein eigenwilliger Stil in der Vergangenheit immer wieder falsch von anderen Produzenten interpretiert wurde. Aber er sei interessiert daran, die für ihn vorgesehene Musik zu hören. So pickte er sich zwei Beats heraus und nahm seine beiden Nummern zum Album auf. “Die Story auf ‘Get A Life’ hat einen wahren Hintergrund: Bobby wurde damals von einer Frau für charitative Zwecke angesprochen. Er gab ihr sämtliche Möglichkeiten, ihn zu erreichen. Von da an verfolgte sie ihn, erzählt Steve zum Hintergrund des Songs und fügt hinzu, dass die besagte Frau nun in einer Nervenheilanstalt sitzt.

Ähnliche Stories kann Steve zu jedem der vertretenen Künstler erzählen, so z.B., dass sie Tania Maria, die den portugiesischen Track “Vai Viver A Vida” dazu gesteuert hat, über das Internet in Paris ausfindig gemacht haben oder das Kate Rogers, der einzige unbekannte Name auf dem Album, eine Cousine Marks aus Kanada ist. Auf ihrem Stück zeigen die beiden Manchesteraner dann auch Ihr volles Potential: Die ganze Komposition, einschließlich Text, ist von Rae & Christian geschrieben worden und verzichtet völlig auf Samples.
Von der britischen Presse wurden sie für ihre vielen nichtbritischen Gäste mit harten Worten belegt, doch Rae & Christian sahen sich nie als Wortführer der heimatlichen Musikszene, geschweige denn des UK-HipHop. Auch wenn sich in den letzten zwei Jahren viel in der britischen HipHop-Szene getan hat, ist HipHop für Rae & Christian nach wie vor ein amerikanisches Kulturgut. 2-Step und D&B sind ihrer Meinung nach eher britische Sounds. Für Mark ist es wichtig, Musik universeller betrachten zu können, und deshalb sind auch diesmal wieder Künstler rund um den westlichen Globus für ihr Album zusammen gekommen. Das man als Zuhörer bei der ganzen Internationalität trotzdem einen britischen Sound ausmacht, erklärt Steve damit, dass es die typisch britische Produktionsarbeit und die Weise, wie Sounds abgemischt werden, sind, die diesen Eindruck erwecken.

Trotzdem oder zum Glück fällt ein Vergleich zum ersten Album schwer, und Mark hat auch direkt die passende Erklärung: “Unser erstes Album war eher eine Sammlung unserer musikalischen Einflüsse, während wir auf Sleepwalker mehr wir selbst sind und unsere songschreiberischen Fähigkeiten zeigen. Es ist alles sehr entspannt und harmonisch, doch ehrlich gesagt haben wir immer noch nicht ganz unseren Stil gefunden, dafür wird wohl ein weiteres Album notwendig sein.” Aber auch das wird ihnen nicht schwer fallen, haben die beiden für ihr aktuelles Album nach eigenen Angaben nur etwas mehr als einen Monat gebraucht.

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Elektronische Lebensaspekte.