In dem Dokumentarfilm "Starbuck Holger Meins" wird das künstlerische Leben des ersten RAF-Opfers innerhalb der RAF nachgezeichnet. Herausgekommen ist ein sehr persönlicher Blick jenseits von Black Box BRD auf den Mann, der in der Stammheimer Isolationshaft an den Folgen eines Hungerstreiks starb.
Text: ingrid arnold aus De:Bug 59

RAF-Mann und Dokumentarfilmer
Starbuck Holger Meins im Kino

Holger Meins war das erste RAF-Opfer innerhalb der RAF. Er starb am 9. November 1974 an den Folgen seines Hungerstreiks gegen die Isolationshaft. Eine “Hinrichtung auf Raten” nannte das Rechtsanwalt Otto Schily. Holger Meins war auch Filmstudent, Maler und politischer Filmemacher. Den ersten Jahrgang an der 1966 gegründeten Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb) besuchte er zusammen mit Harun Farocki, Wolfgang Petersen – und Gerd Conradt, dem Regisseur des Dokumentarfilms “Starbuck Holger Meins”.

Gewidmet ist “Starbuck Holger Meins” dem 1986 gestorbenen Vater. In Filmaufnahmen, die Conradt bereits 1975 und 1982 gemacht hat, erzählt Wilhelm Meins ergriffen und ergreifend von den Misshandlungen des Sohnes nach dessen zweiter Verhaftung und von seiner Meinung nach unterlassener Hilfeleistung für den todgeweihten Hungerstreikenden. Dem Bild der ausgemergelten Leiche von Holger Meins kommt später dieselbe ikonografische Bedeutung zu wie den Fotos des toten Che Guevara.
Meins’ eigene Arbeiten an der dffb waren vor allem Dokus und politische Filme, etwa ein geduldiges Porträt über den – was man damals Stadtstreicher nannte – “Oskar Langenfeld”, über “Demonstrationen”, Fritz Teufel oder die “Herstellung eines Molotow-Cocktails”. 1968 flog Meins zusammen mit 17 Mitstudenten des “Kämpfenden Kollektivs” von der dffb. Einige, wie Farocki und Thomas Giefer, haben als Filmemacher weiter gemacht. Ihre und Meins’ Wege trennten sich, er zog aus der Kommune 1 aus, ging in den “bewaffneten Widerstand” und schließlich mit der “Baader-Meinhof-Gruppe” in den Untergrund. Meins wurde am 1. Juni 1972 verhaftet wegen des Tatbestandes der “Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung”, der Beteiligung an der Beschaffung von Waffen und an den Bombenattentaten vom Mai 1972.

Der Steuermann der RAF?
“Starbuck” war Gudrun Ensslins Deckname für Holger Meins. Und “Starbuck” ist auch der Name des Steuermanns der “Pequod” in Hermann Melvilles “Moby Dick”. Die Frage, ob Meins deshalb als der “Steuermann” der RAF, als Korrektiv zum fanatischen “Kapitän Ahab” Andreas Baader zu sehen war, will der Film trotz seines Titels nicht beantworten. Der Fokus liegt auf dem kreativen Menschen, dem Künstler und Filmemacher, der Holger Meins nur so kurz war.
Der Dokumentarfilm “Black Box BRD” von Andres Veiel hat Wolfgang Grams und Alfred Herrhausen über ihre Angehörigen und Freunde in deren Lebensumfeld als Menschen greifbar gemacht: Mit kunstvoller Montage wurden diese Umgebungen zu Symptomen der biografischen Prägung beider Protagonisten. “Starbuck Holger Meins” ist filmisch vergleichsweise konventionell umgesetzt. Da werden “Moby Dick”-Passagen mit Meereswellen bebildert; der Freund und Maler Manfred Blessmann interpretiert in den Räumen der Akademie der Künste in Berlin Meins’ Bilder und Skizzen, die dort auf einer Leine hängen. Etwas unglücklich wirkt die Idee, eine anonym bleiben wollende Exfreundin von einer Schauspielerin darstellen zu lassen – und sie trotzdem zusätzlich mit Videoeffekten zu verfremden.

Kein Radical Chic
Spannend sind vor allem die zeitgeschichtlichen Dokumente, vom Experimentalfilmfestival im belgischen Knokke 1967, von Meins’ Verhaftung, der Beerdigung 1974 – inklusive Richtigstellung des berüchtigten Rudi-Dutschke-Rufs “Holger, der Kampf geht weiter!” – und immer wieder von Vater Meins. Was der Film durch die Zeugnisse der Studienfreunde und Begleiter schafft, ist eine liebevolle Nähe zu dem Menschen Holger Meins. Hier wird auf jeden “Radical Chic” verzichtet, hier wird kein Mythos geschaffen – und keiner mutwillig zerstört. So gesehen ist “Starbuck Holger Meins” vielleicht weniger intellektuell reflektiert, weniger politisch korrekt “Täter”-distanziert als “Black Box BRD” beispielsweise – und dadurch auch angreifbarer.
Und anders als Heinrich Breloers Dokudrama “Todesspiel” – das zwar aufwendig viele Dokumente und O-Töne genutzt, mit der chaotisch dargestellten RAF aber gleich die ganze 68er-Generation mit lächerlich gemacht hat – entwirft “Starbuck Holger Meins” tatsächlich ein komplexes Zeitbild. Der Film macht es sich nur scheinbar leicht, indem er auf das künstlerische Leben von Meins fokussiert, die RAF größtenteils ausblendet – und es damit “wagt”, ein positives Bild eines Terroristen zu zeichnen. “Starbuck Holger Meins” ist subjektiv, unterhaltsam, lehrreich und sehr persönlich.

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Elektronische Lebensaspekte.