Ohne ihn wäre Sven Väth nur DJ, kein Künstler. Ralf Hildenbeutel hat von "Esperanza" an alle Tracks und Alben produziert, die unter dem Sven-Väth-Banner liefen. Längst ist er aber aus dem Schatten vom Sven herausgetreten und Großproduzent in eigener Sache.
Text: Jan joswig aus De:Bug 123


Früher hatte man große Ohren und keine Ahnung. Techno war ein irrsinniges Versprechen in Deutschland, die Raving Society nur eine Frage der Zeit und stilistische Einbunkerungen noch völlig abwegig, weil eh niemand einen festen Plan hatte. So um 1990.

Die ersten deutschen DJ-Superstars traten an die Rampe, West Bam und Sven Väth. Und schon in dieser Anfangsphase ließen es sich die DJs nicht nehmen, Künstleralben unter ihrem Namen zu produzieren. “The Cabinet“ von West Bam erschien 1989, “Accident in Paradise“ von Sven Väth 1992. Der Clou an der Sache: Beide Superstars vertrauten auf kompetente Fachkräfte im Hintergrund. Man muss ja auch nicht alles können.

West Bam arbeitete mit Klaus Jankuhn, Sven Väth mit Ralf Hildenbeutel, getreu dem Motto: I’ve got the brains, you’ve got the looks. Let’s make lots of money. (Pet Shop Boys, Opportunities). Der Pferdefuß an der Sache: Die Platten laufen strikt unter den Namen der DJs. Bis heute kennt kaum jemand die Namen von Jankuhn und Hildenbeutel, geschweige denn dass sie mit den Platten von West Bam und Väth in Verbindung gebracht werden. Ähnlich ging es eine Generation später dem Timo-Maas-Produzenten Martin Buttrich.

Ob man sich deshalb als Produzent zurückgesetzt fühlt, ist aber überhaupt keine abgemachte Sache. Ralf Hildenbeutel hat sich in seiner Hintergrund-Rolle immer sehr wohl gefühlt. Längst hat er sich mit der Produktionsfirma “Schallbau“ als Platin-Produzent frei gespielt und Musiker wie Laith Al-Deen und aktuell Cargo City aufgebaut oder auch Soap-Talentchen Yvonne Catterfeld mit Hits versorgt.

Auf seinem eigenen Label “Rebecca & Nathan“ hat der klassisch ausgebildete Musiker mit “Lucy’s Dream“ ein Album voller Klavier-Improvisationen plus Streicher eingespielt, das getragen und repetitiv ein filmisches Panorama von stiller Größe aufzieht. Geld bringt das allerdings nicht, wie Ralf Hildenbeutel im Interview zur neuen Platte und zur alten Produzentenzeit nüchtern konstatiert:

De:Bug: Bei “Lucy’s Dream“ denkt man eher an Minimal-Komponisten wie Philip Glass als an deine elektronischen Sachen …

Ralf Hildenbeutel: Die Idee hatte ich schon länger im Kopf. Ursprünglich wollte ich reine Piano-Sachen machen. Das wurde zu ruhig. Ich habe aber diese Filmmusik-Affinität. Die Stücke sind ja nicht experimentell.

De:Bug: Die Stücke sind sehr getragen, nehmen einen mit, haben aber nichts Kitschiges wegen des versteckt Repetitiven.

Ralf Hildenbeutel: Es hat diese Sequenz-artigen Figuren, darüber die getragenen Streicher, dadurch wird es nicht zu harmonielastig. Das ist der Link zur elektronischen Seite. Ohne meine Vergangenheit hätte ich das nicht so gemacht. Viele Leute aus der Elektroecke können was damit anfangen.

De:Bug: Es gibt gerade ein Interesse daran, Clubmusik in klassisch oder jazzig instrumentierte Musik umzuschreiben, Jeff Mills, Christian Prommer …

Ralf Hildenbeutel: Das fand ich nicht so interessant. Da fehlt mir die Wucht. Clubmusik ist Sequenzermusik. Das macht es aus.

De:Bug: Da hast du den Komponistenvorsprung. Bei den Sachen, die du im Trance-Bereich gemacht hast, waren die Streicher viel plakativer, viel kitschiger eingesetzt.

Ralf Hildenbeutel: Gerade rückwirkend finde ich auch, es hat fast Kitschfaktor. Aber damals hat es diese Art Clubmusik ausgemacht: harter Beat und oben drüber Wolkenflausch. Wenn man das reduzierter macht, cineastischer hält, ist das nicht kitschig. Bei französischen Filmen hat es einen Charme, ohne kitschig zu sein.

De:Bug: Wie weit hattest du damals das Gefühl, Formatgesetze erfüllen zu müssen?

Ralf Hildenbeutel: Gar nicht. Es war ja das Glück der Zeit, dass man auf nichts achten musste. Man konnte machen, was man wollte. Wochenende Club, neue Sounds gehört, neue Trends, unter der Woche dein Ding gemacht. Geht, geht nicht, daran hat man überhaupt nicht gedacht. Einfach raushauen.

De:Bug: Bei deinen ganz frühen Sachen hört man noch den Warp-Sound, das Clonkige mit leicht gebrochenen Beats … Das tendiert in eine immer eingegrenztere Richtung.

Ralf Hildenbeutel: 96/97 kam der Zeitpunkt, da hatte man über sechs, sieben Jahre alles gesagt, da brauchte man Abstand. Der Impuls war nicht mehr da.

De:Bug: Deine Produzentenkarriere hat sich danach ja sehr ausdifferenziert. Statt Techno hast du Yvonne Catterfeld produziert oder Laith Al-Deen und jetzt Indiepop mit Cargo City. Welches Selbstverständnis hast du als Produzent?

Ralf Hildenbeutel: Ich sehe mich vor allem als Musiker. Vor der Techno-Zeit hatte ich schon Popsongs gemacht. Im Popbereich herrschen ganz andere Regeln, das ist eine ganz andere Schiene. Aber Laith Al-Deen ist ein gestandener, musikalischer Künstler. Den haben wir über mehrere Jahre richtig aufgebaut. Bei Auftragsarbeiten wie für Yvonne Catterfeld geht es ums Songschreiben. Du schreibst zehn, fünfzehn Songs, davon werden drei genommen. Das hat mich auch genervt, ich will nicht für die Tonne schreiben. Die Regeln sind verkaufstechnisch ausgerichtet. Aber einen guten Popsong zu schreiben, da habe ich Respekt vor. Im Casting-Bereich ist der musikalische Inhalt allerdings nicht so weit vorne …

De:Bug: Du warst der Mann an den Reglern, der Mann im Hintergrund für Sven Väth. Du der Produzent, er der Star mit den hohen Gagen. Über die guten Plattenverkäufe konntest du aber auch deinen Schnitt machen. Heute, wo die Plattenverkäufe im Keller sind, hat sich das Verhältnis zugunsten des DJs verschoben. Der DJ braucht den Produzenten weiterhin, braucht Platten unter seinem Namen, um seine DJ-Gagen hochtreiben zu können. Aber der Produzent guckt in die Röhre.

Ralf Hildenbeutel: Platten dienen heutzutage als Promotool. Die wenigsten verkaufen ja noch ein paar Tausend pro Platte. Das ist ja selbst für einen Pop-Produzenten total schwierig geworden, aber erst für einen Club-Produzenten … Booka Shade machen auch viel live. Nur im Studio Knöpfchen zu drehen, ist schwierig.

De:Bug: Wie war es damals bei dir geregelt?

Ralf Hildenbeutel: Ich war ein freier fester Produzent, eine eingeschworene Geschichte. Am Label EQ hatte ich keine Anteile, aber ich war 50/50 an den Verkäufen beteiligt. Die Väth-Alben haben zwischen 60.000 und 100.000 verkauft. Damit wärst du heute absolut Top 1.

De:Bug: Und wie kamst du mit der Rollenverteilung zurecht? Sven Väth als Posterboy und du als Zulieferer im Schatten.

Ralf Hildenbeutel: Das fand ich cool. Ich musste es aber erst raffen. Es hieß immer, wenn du ins Rampenlicht willst, musst du nach vorne gehen. Sonst darfst du auch nichts erwarten. Ich konnte mich aber total verwirklichen. Das war mir als Musiker das Wichtigste. Darüber hinaus habe ich aber auch Respekt bekommen, natürlich mehr im Stillen. Aber über die Arbeit habe ich auch andere Angebote erhalten. Meine Rolle war die Studiorolle, das wurde auch immer nach außen promotet. Es war eine super Kombination.

De:Bug: Du hattest keine Starallüren, die du nicht ausleben konntest?

Ralf Hildenbeutel: Überhaupt nicht. Die DJs haben eine ganz andere Kraft … Ich konnte mit meinem Projekt “Earth Nation” ja ein bisschen den Bühnenkaspar machen.

De:Bug: Du bist etablierter Produzent. Was würdest du dem Nachwuchs raten?

Ralf Hildenbeutel: Im Technobereich bin ich nicht mehr ganz so drin. Man muss sich aber schon bewusst sein, dass ein cooles Label eine gute Plattform ist, damit aber nicht mehr Unsummen an Geld zu machen sind. Du musst breiter fächern, in andere Bereiche reinkommen. Nur im Club tätig zu sein … Erfolgreiche Nummern verkaufen ein paar Tausend Copies, davon kannst du nicht leben. Du musst selbst zum Projektmanager werden oder zum A&R, der einen Künstler aufbaut. Auf jeden Fall musst du mehrere Rollen übernehmen. Nur Nummern rauszuhauen, das ist nicht mehr.

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Elektronische Lebensaspekte.