Selbstmanagement und Wissenstechnik im Web 2.0
Text: Christoph Jacke aus De:Bug 129


Ramón Reichert
Amateure im Netz. Selbstmanagement und Wissenstechnik im Web 2.0
Transcript, 2008

Auf die Bitte, sein Buch in einem Satz zu beschreiben, antwortete der österreichische Medienkulturtheoretiker Ramón Reichert mit einer Aufforderung: “’Amateure im Netz’ versucht, den sozialen Imperativ der medialen Gegenwart ’Broadcast Yourself!’ (Slogan von YouTube) in Frage zu stellen.” Reichert stellt sich in seinen Beobachtungen zunächst auf eine übergeordnete Ebene und verurteilt im Hinblick auf das Web 2.0 die oft pauschal euphorischen Befreiungsdiskurse oder apokalyptischen Kulturkritiken.

Die Spiele im Netz können nur als solche ausgeübt werden, wenn man die Regeln kennt. “Die Diskurse der Selbstaufmerksamkeit und Selbstbeobachtung sind tief in den Alltag eingedrungen und haben dazu geführt, dass es heute alltäglich und selbstverständlich ist, wenn die unterschiedlichsten Menschen in Medienöffentlichkeiten bereitwillig über sich selbst Auskunft geben und sich damit als Objekt der Betrachtung in Szene setzen.”

Die Möglichkeiten der digitalen Selbstdarstellung und Kommunikation durch Homepages, Chats, Foren, Blogs, Wikis, E-Mails, Messengers oder soziale Netzwerke sind zum einen eben auch nur Möglichkeiten, die oftmals vorgegeben gerahmt sind. Zum anderen verlangen diese unübersichtlich vielen Plattformen ein gehöriges Technik- und Zeit-Management, bevor sie zum Teil des Selbstmanagements werden können.

Vom geschulten Blick unter die Oberflächen in die mathematischen Operationen ganz zu schweigen. Und dies gilt erst recht für die Uneingeborenen der digitalen Räume. Demgegenüber sind die Eingeborenen oftmals derart sozialisiert, dass sie gar nicht auf die Idee der Dosierung solcher Möglichkeiten kommen können und ein Immigrant mit seiner Erfahrung für eine gesunde, andere (medienpädagogische) Perspektive von außerhalb sorgen kann, die gerade die Kontroll- und Evaluationsgefahren der neuen Datenströme von Content Management hin zu E-Commerce herausstellen kann.

So arbeitet sich Reichert nach einer ausführlichen Einleitung mit zahlreichen Begriffs(er)klärungen lesenswert an den drei Feldern Selbstmanagement, Wissenstechniken und Kulturelle Formationen ab (und mittendrin sitzen wir alle als Prosumer), ohne jemals in ein undankbares Entweder-oder abzudriften. Reichert argumentiert aber keinesfalls beliebig, sondern begründet sein Sowohl-als-auch.

Je nach konkreter Erfahrung und präzisem Untersuchungsfeld ist Euphorie wie auch Kritik zu koppeln, kann sowohl in philosophischen Ideen der hier nahe liegenden Gilles Deleuze, Michel Foucault oder Luc Boltanski geschwelgt werden als auch sofort wieder an die Praxis (etwa Wikipedia oder aber Second Life als Protagonisten des Netzwerkkapitalismus) angedockt werden. “Der verzweigte Diskurs der Selbstthematisierung verlangt von jedem einzelnen die Bereitschaft, die neuen medialen Formen der Selbstdarstellung zu erlernen, zu beherrschen und weiterzuentwickeln.”

Im Dschungel der Publikationen zur digitalen Selbstkultur fungiert Reicherts Studie wie ein versierter Moderator zwischen all den Ratgebern auf der einen und Kritiken auf der anderen Seite. Reichert nämlich erkennt die Gefahren der Rundum-Kommerzialisierung und Selbstkontrolle durch Fremdkontrolle, vergisst aber auch nicht den Spiel- und Übungscharakter zahlreicher Anwendungen und Möglichkeiten, ist man nur reflektiert und erfahren genug.

In diesem Sinn ist “Amateure im Netz” ein nicht nur für Digital Natives durchaus mit Vergnügen zu lesender Expeditionsführer in Sachen Theorie-Anwendung. Nur schade, dass die Links zu Reicherts Person auf der Verlagshomepage nicht funktionieren und ärgerlich, dass die in der Einleitung des Buchs genannten Literaturhinweise zu großen Teilen im Verzeichnis unbelegt bleiben.

http://www.transcript-verlag.de

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Elektronische Lebensaspekte.

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