Charlottesville hat die Waltons. Detroit die Burdens. Die fünf Burden-Brüder halten als Octave One und Random Noise Generation den Funk im Techno am Glühen so wie die Big Brother-WG ihr Holzfeuer. Ein Loblied auf die ewige Flamme der sexy Technologie.
Text: Kerstin Brett aus De:Bug 35

/techno Random Noise Generation Die Techno-Familie und der Grosse Bruder Man könnte glauben, dass Detroiter Techno-Produzenten die perfekten Schwiegersöhne seien: Männer im heiratsfähigen Alter, höflich, zuvorkommend, bescheiden, fast schon langweilig. Dieser Eindruck überfiel mich jedenfalls, als ich Lawrence und Lenny Burden, zwei von den fünf (!) Burden-Brüdern, am Wiener Flughafen empfing. Lenny und Lawrence betreiben die Label 430west und Direct Beat, und diese nicht zu kennen, ist wahrscheinlich ein ähnliches Verbrechen, wie mehrere deutsche Hiphopalben im Regal stehen zu haben. 430west und Direct Beat gehören zu Detroiter Elektronik wie die Supremes zu Motown. Fünf Brüder sein ist natürlich irre romantisch. In Wien würden diese talentierten jungen Musiker wahrscheinlich im 19. Bezirk oder einer anderen ausgewiesenen Schnöselgegend wohnen, brav an der Hochschule studieren oder junge Wiener Philharmoniker sein. Gott sei Dank lassen sie die Umstände ihre Zeit besser nutzen. Lawrence, Lenny und Lynell sind die Acts Octave One und Random Noise Generation (RNG). Nummer vier ist Graphic Designer und Nummer fünf sehr jung und hat auch schon Sound zu produzieren begonnen. RNG waren in Wien, um im Rahmen der “Big Brother Awards” im Wiener Flex aufzutreten (Für Fernsehtollkühne: Hatte aber auch gar nichts mit dem RTLII-Wahnsinn zu tun). Die Awards werden an Companies, Regierungsbeauftragte, Agenturen und Personen verliehen, die die Privatsphäre im Internet oder überhaupt verletzen. Damit die Bürgerrechts- und IT-Nerds funky werden, hatte die Veteranin beider Welten, Electric Indigo, die Beschallung organisiert: Der Club war rappelvoll und alle wurden von den Burdon-Brüdern weggeblasen. RNG Vibes und Sounds just grabbed by the balls, oder als Frau halt by was anderem. FAMILY-AFFAIR Für das Interview gingen wir ins Restaurant meines Onkels. (Alles gratis, und für das Essen haben sie sich Monate später noch bedankt – es dürfte wirklich geschmeckt haben und ausserdem geht es ja um FAMILIE). Wir fingen mit Plaudereien über Wien, Europa und die Unterschiede zu den USA an, das übliche Geplänkel: Europäer trifft auf nicht ignorante Amerikaner. Sie meinen, dass wir in Europa eine bessere musikalische Bildung und somit auch ein besseres Musikverständnis haben (Gott sei Dank trafen sie nicht auf die andere Hälfte der Bevölkerung). Angeblich “more sophisticated”. Dankeschön. In den USA ist es deshalb offensichtlich schwierig für sie, ihre Musik zu vermarkten: In Plattenläden landet ihr Stuff regelmässig in der Rap und Hip Hop Section. Amtlicher Techno wird laut Lenny in den USA von den Chemical Brothers produziert. Techno Bass, der vorwiegend auf Direct Beat released wird, lässt sich trotzdem leidlich losschlagen, vor allem in Detroit. Dann erzählen die anwesenden anderen Brothers von einer Party in San Francisco, wo sie die Veranstalterin nicht auftreten lassen wollte, weil sie der Meinung war, dass die Leute ihre Musik nicht verstünden, dabei tobte und tanzte die Menge gerade zu einer ihrer RNG Tracks vom Plattenteller. Bevor sie zu Full Time Produzenten wurden, tourten die Burdens zwei Jahre lang mit dem Jazzpianisten Bob James als Roadies, da konnten sie nicht nur Jazz-, sondern auch echte Banderfahrung sammeln. Sie hatten auch Klavierunterricht und versuchten sich in verschiedenen Holz- und Blechblasinstrumenten. Musikalisch prägend waren aber Techno, Pop, Industrial und ihre Lieblingsradioshow gehostet von Dj Electrifying Mojo, eine der beliebtesten lokalen Radioshows in den 80ern, in der von den B52s über Hendrix bis zu Kraftwerk alles gemixt wurde. Lawrence: “He played stuff, because it was funky.” So dürfte sich das auch mit den Burdens verhalten. They produce their stuff because it’s funky. Funky, deep, soulful jazzyÉ Fast schon mutige Adjektive, aber so haben wir einander verständigt, erklärt und verstanden, und all das ist auch RNG: dieser wunderbare ãfusion of sounds”. Die Burdens: “RNG is pure fun. We keep Octave One (OO) fresh by doing RNG. It’s pure dance forward stuff, push dance music.” Sie experimentieren bei diesem Projekt so lange mit den Samples, bis sie nicht mehr wiederzuerkennen sind, sie spielen und tollen mit den Sounds herum. Bei OO hingegen arbeiten sie kaum mit Samples und wenn, dann nur mit ihren eigenen. “OO is pure synthesize, it’s more intense, more intricate with the sounds.” Techno oder House? “It’s inbetween. Anyway: A good track is a good track.” Jaguar-Business Ende April soll der erste Random Noise Generation Longplayer kommen, zum ersten mal gleichzeitig mit den USA, und zum ersten mal gab es in der Geschichte von 430west einen Deal mit EFA. Zu verhandeln begonnen hatten sie allerdings schon im Oktober 96. Angesetzt war das erste Releasedate schon für Ende Februar, doch die ãJaguarereignisse” kamen dazwischen. (Jaguar ist ein Track von DJ Rolando auf Underground Resistance, wahrscheinlich eine der legendärsten und erfolgreichsten Technotracks ever, und Sony coverte zuerst mal Jaguar unerlaubterweise und gab die miese Tranceversion dann auch noch an BMG weiter). Wegen dieser groben Verarschung hat 430west eine CD mit dem Dj Rolando Originalmix und Remixes von Jeff Mills, Octave One und Mad Mike von UR herausgeben müssen. Die einzige und echte Alternative. “What’s most important to you guys?” ãTo be true to ourselves and to be creative, not to start to manufacture. There’s more reality when you get older. Our ideas have become deeper with age. The older you get, the deeper the music.” Hoffentlich werden sie sehr alt. Random Noise Generation, Links In The Chain, erscheint diesen Monat auf 430West. http://www.430west.com

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Elektronische Lebensaspekte.

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