Sound-Kollektiv frönt der strengen Schönheit der reinen Funktion
Text: Timo Feldhaus und martin conrads aus De:Bug 117

Die strenge Schönheit der reinen Funktion. Rats-Noton hat wie kein anderes Label das Maschinen-Minimale in der Verbindung von Kunst, Design und Musik geprägt. Elf Jahre später ist das Kollektiv um Carsten Nicolai, Olaf Bender und Frank Bretschneider immer noch kreativer Vorreiter an genau dieser Schnittstelle.

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Heute muss man sagen, es hätte gar nicht anders kommen können. Elf Jahre nach der Gründung von Rastermusik, wenn das Jubiläum des Labels Raster-Noton in der Berliner Volksbühne gefeiert wurde – dann scheint es, ist eine Geschichte geschrieben, die genauso passieren musste. Aber damals, Mitte der 90er, als Chemnitz noch Karl-Marx-Stadt hieß und Olaf Bender, Frank Bretschneider und Carsten Nicolai dort zusammenkamen – da befanden sich die Dinge noch im Schweben. Man wusste nur, man will etwas Neues machen.

Olaf Bender sitzt nun in Carsten Nicolais Atelier in Berlin-Mitte und verschränkt ausladend die Arme hinter dem Kopf: “Es gab nie einen Masterplan, aber für uns war schon klar: Wir sind weiß, wir sind aus dem Osten und wir sind Computerfreaks, unsere Musik muss eigentlich anders klingen als Detroit-Techno.”

Chemnitz war früher mal eine der schnell wachsendsten Industriestädte Europas, vor 11 Jahren begann es langsam zu einer “Shrinking City“ zu werden. Für kurze Zeit hatte es das größte Straßenbahnnetz Europas, das größte Hallenbad, versichert Nicolai. Als die drei Labelgründer hier aufwuchsen, gab es in Chemnitz keine Kunst- und keine Musikhochschule, doch Geister begannen durch stahlgrade Industrieanlagen zu wabern.

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Olaf Bender experimentierte in Chemnitz mit 16mm-Filmen, er kratzte geometrische Strukturen auf Filmband. Dann sein Einstieg bei der Ost-Avantgarde-Band “AG Geige“, deren permanentes Mitglied er 1988 wurde. Bretschneider ist zu dem Zeitpunkt schon länger dabei. 1996 gründen die beiden Grafikdesigner das Label Rastermusik, um ihren eigenen Output zu veröffentlichen. Einer der ersten Releases war allerdings “Spin“ von Carsten Nicolai, der zum ersten Mal unter dem Pseudonym “Alva Noton“ produzierte. Der ausgebildete Landschaftsgärtner brachte bis dahin Musik auf seinem eigenen Label Noton heraus. 1999 wurden die Plattformen für zeitgenössische Musik und Kunst zu Raster-Noton. Frank Bretschneider zog sich später als Labelmacher zurück, veröffentlicht aber immer noch stetig auf Raster-Noton.

Raster-Noton ist nun beim 85. Release angekommen. Ihr Labelkatalog umfasst internationale zeitgenössische Sounddesigner und experimentelle Musiker wie Franz Pomassl, Ilpo Vaisanen, Mika Vainio, Ryoji Ikeda, Ivan Pavlov, Thomas Brinkmann, Richard Chartier, Kim Cascone, Frans de Waard und Taylor Deupree. Sie waren wohl die ersten deutschen Musiker, die sich gleichzeitig fragten, wie viel Physik in Sound ist, und gelegentlich in Clubs spielten. Doch es war nie nur die strenge, aufs Minimalste reduzierte Musik aus hohen Sinus- und dunklen Basstönen, nicht nur das laborartige Generieren von Sound, was das Label über die Jahre zu einem Mythos in Amerika und Japan werden ließ. Die Geschichte handelt natürlich von Sinusfrequenzen, monochromer Monotonie und experimenteller Soundforschung. Davon, die wissenschaftliche Analyse von Klang in den Mittelpunkt der Produktion zu stellen und auf Tonträger zu pressen.

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Doch von Anfang an bestand auch den Wille zur Visualisierung von Musik, der Untersuchung synästhetischer Zusammenhänge. Raster-Noton wurde immer als ein Ort begriffen, an dem auditive mit visuellen Erscheinungsformen verschmelzen konnten. Der Architektur von Tönen wird sich in musikalischen Prozessen anhand von Computerprogrammen genähert – mit Licht, Installation, Video und Skulptur verknüpft. Von dort schwingt es zurück auf die Musikproduktion. Die Ergebnisse werden als CDs, Platten, Bücher und DVDs vorgestellt. In einer minimalistischen, streng unterkühlten, fast eiskalten Gestaltung.

Design als Kommunikation

Viel Weiß, viel Raum, schnurgerade Typo, hyperfunktionales Produktdesign. Im letzten Jahr des letzten Jahrhunderts gab das Label mit der “20 to 2000“-Serie von Januar bis Dezember jeden Monat Arbeiten bei befreundeten Produzenten in Auftrag, die sich mit den letzten zwanzig Minuten des ausgehenden Jahrtausends beschäftigen sollten. Das Format dieser zwölf Releases wurde auf knapp über 20 Minuten festgelegt. Das Museum of Modern Art nahm das Werk als ersten digitalen Tonträger in die Bestände auf.

Raster-Noton haben aus der Ministruktur von Chemnitz heraus ein Raster über die Welt gespannt, ohne jemals unter den Zugzwang von Major-Plattenfirmen zu geraten. Neben Mille Plateaux wurden sie zu den wesentlichsten Akteuren des Genres “Clicks and Cuts“, das sich mit der “20 to 2000“-Serie an ihrem Höhepunkt befand und irgendwann in den letzten Jahren mehr und mehr in einem verzerrten Störgeräusch verhallte, in scheinbare Stille.

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Der Künstler ist im selbst bezeichneten “Archiv für Ton und Nichtton“ zum Ingenieur stilisiert, am perfektesten wohl in der Figur Alva Noto, dem Musiker-Ich Carsten Nicolais, der als bildender Künstler schon früh für die Leipziger Galerie Eigen+Art soundbezogene Skulpturen fertigte. Als technischer Verwalter von Strukturen und Experimentator im Labor veröffentlichte er Werke von naturwissenschaftlicher Strenge und kristalliner Eleganz. Spätestens die Kooperationen mit dem japanischen Komponisten Ryuichi Sakamoto brachten dem Künstlerlabel weltweite Beachtung. In diesem Jahr hat er mit “Xerrox“ ein neues Album vorgelegt. “Signal“, die Band, in der sich die drei Gründungsmitglieder regelmäßig vereinen mit Robotnik und auch Frank Bretschneider, brachte “rhythm“ auf Raster Noton heraus.

Sind dies nun Zeichen des mathematischen Blues des Digitalkünstlers oder die Beharrlichkeit eines Maschinisten, der konsequent die nächsten elf Jahre ins Visier nimmt?

Während Olaf Bender mit seiner Familie noch immer auf einem alten Farmhaus in Chemnitz lebt, sind Bretschneider und Nicolai nach Berlin gezogen. Die drei haben ständig wenig Zeit. So dauerte die Produktion ihres letzten Albums drei Jahre. Und auch die Interviews musste man aus Zeitgründen einzeln vornehmen und wurden im Folgenden zu einem einzigen collagiert.

So speist sich der mitlaufende Surround-Sound bei all den Fragen und Antworten aus verschiedenen Geräuschen. Das lärmende Verschieben von Installationsmaterialien des Assistenten Nicolais in dessen Atelier, wo der Journalist Martin Conrads und ich Olaf Bender treffen, bevor er nach Amerika fliegt. Das Rauschen der Skype-Verbindung San Francisco-Berlin, wo Carsten Nicolai einen Moment Zeit findet, während er zusammen mit Blixa Bargeld an Musik forscht. Seltsam entspannend wirken die kleinen Kinderstimmen, die vom Innenhof in Bretschneiders Wohnung im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg herauftönen.

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De:Bug: Nicht Raster Noton, sondern Rastermusik gibt es nun seit elf Jahren. Wieso feiert ihr eigentlich elf und nicht zehn Jahre?

Olaf Bender: Rastermusik hat sich unmittelbar 1996 formiert. Es war dann aber recht schnell absehbar, dass es auf eine Kollaboration mit Carsten zusammenläuft. Für elf Jahre gibt es natürlich genauso viel und so wenig Argumente wie für zehn Jahre.

De:Bug: Wir haben überlegt, ob es mit einer besonderen Liebe für Primzahlen zusammenhängt?

Olaf Bender: Ja, es gibt schon eine gewisse Faszination für Zahlen, die 13, die 12 oder Primzahlen, aber das wäre zu viel gesagt. Man könnte auch sagen, wir feiern 11 Jahre, weil wir 10 verschlafen haben.

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De:Bug: Bevor ihr euch 1996 zusammengeschlossen habt, waren Olaf und Frank schon bei AG Geige, in der es den Versuch gab, multimedial zu arbeiten – mit Filmen, Kostümen, Lyrics. Wie kam es dann zu dem drastischen Schritt, ausschließlich rhythmusbasierte Computermusik zu machen?

Frank Bretschneider: Wir haben gegen Ende von AG Geige ja schon die Lyrics geloopt und die Gitarre eher weggelassen. Diel letzte Platte kam aber auch gar nicht mehr raus. Es war eigentlich ein organischer Prozess.

Olaf Bender: Es war ein ganz natürlicher Prozess. ich habe für einen Musikvertrieb gearbeitet, wir haben dann noch beim Zensor eine Platte herausgebracht. Irgendwann kam das Gefühl, dass wir das, was wir wollen, nur umsetzen können, wenn wir alle Aspekte, die Musik beinhaltet, in eine Hand nehmen. Es war auch von vornherein klar, dass es wieder so ein Grenzgänger-Ding wird, also dass wir nicht eindeutig für einen Club oder eine Hörsituation oder für eine Galerie produzieren. Es ging immer schon um die Verbindung dieser Elemente.

Frank Bretschneider: Und eines Tages kam Carsten mit Material von sich ins Studio. Er arbeitete damals mit so einem kleinen Akai 101 Sampler, der hatte 1 MB Speicher. Aber er hat das total clever gemacht. Wir wohnten ja alle in Chemnitz und das ist nicht so riesig, da leiht man sich mal das Equipment aus.

Olaf Bender: Durch Carsten bekamen wir einen anderen Fokus. Er war schon damals ein erfolgreicher bildender Künstler, pendelte zwischen NYC und Berlin. Er hat gewisse innere Schranken bei uns eingerissen. Wir hatten damals ein paar Kontakte nach Köln und Leipzig, aber nie darüber nachgedacht, dass man die CDs auch nach Japan verschicken könnte, das war in unseren Köpfen einfach nicht drin.

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Gründungsmythos

Olaf Bender: Carten hatte 1997 bei der DocumentaX in Kassel eine netzwerkartige Installation in einem Parkhaus, die ziemlich viel diskutiert wurde. Und das daran anschließende Konzert war eigentlich unsere erste wirklich öffentliche Präsentation. Wir waren damals NoNames.

Conrads: Ich war auch damals bei dem Auftritt bei der Documenta, wusste allerdings nicht, dass das der Gründungsmythos war.

Olaf Bender: Es war eben das erste Mal, dass wir brachial laut sein durften.

De:Bug: Schon damals nanntet ihr euch als Trio “Signal“.

Olaf Bender: Ja, aber eigentlich haben wir nicht zu dritt gespielt. Mika Vainio und Karl von C.M. von Hausswolff, dann Carsten, Frank und ich und zum Schluss eine kleine Session als Huldigung an das fantastische Soundsystem, das sie uns dahingestellt haben. Zu der Zeit haben wir gemerkt, dass es ein öffentliches Interesse für unsere Sachen gibt. Auf dem Sonar-Festival 1998 merkten wir plötzlich: Mensch, die kennen uns. Eine Erfahrung, die überwältigend ist, wenn man nicht in einer Metropole sitzt, sondern in Chemnitz und von dort aus versucht, ein Netzwerk aufzubauen.

De:Bug: Wann ist denn eure Arbeit direkt in den Computer, ins reine Interface gewandert?

Olaf Bender: Wir haben immer sehr graphikbezogen gearbeitet. Dann kamen die ersten Schnittprogramme und es war plötzlich möglich, die ultimative visuelle Kontrolle zu haben. Wir fanden das damals irgendwie krude, aber eben auch spannend. Synthesizer waren für uns unerreichbar, auch 1996 noch völlig überteuert und soundmäßig fanden wir das auch gar nicht so spannend. Das Fantastische war eigentlich, sehr unmusikalisch an diese Musik-Tools heranzugehen und wirklich zu versuchen, es auf Mathematik herunterzubrechen. Da war unserer Meinung nach viel mehr zu machen als mit dem Filtergeschraube.

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Oszillator/Computer

De:Bug: Während Olaf und Frank ihre Arbeit als Graphiker auf Musik bezogen, hat sich bei dir, Carsten, die Beschäftigung mit Computermusik anders hergeleitet?

Carsten Nicolai: Ich war schon früh an Loops interessiert und habe mich immer mit der Physik von Sound auseinander gesetzt. Die ersten Tonerzeuger, die ich benutzt habe, waren Oszillatoren. Sie wurden zu Beginn der Neunziger an der Universität ausgemustert, als die Fakultäten mit neuen digitalen Testgeräten bestückt wurden. Mich haben damals vor allem Frequenzen interessiert, die außerhalb unseres Wahrnehmungsbereichs liegen – weit über 20.000 Hertz. Das würde mit normalem Audio-Equipment gar nicht funktionieren. Ich wollte herausfinden, ob wir diese hohen Frequenzen anders als durch das Hören wahrnehmen. Zuvor habe ich geschnittene Tape-Loops arrangiert. Ich hatte auch in den frühen 90ern noch gar keinen Computer.

De:Bug: Hast du dir den dann besorgt, um damit Musik zu machen?

Carsten Nicolai: Nein, eigentlich wollte ich damit Office machen. Mein erster Computer war ein Performa von Apple.

De:Bug: Mathematik als Ausgangspunkt zur Musikproduktion zu machen, wie ernst wird dieser Anspruch eigentlich genommen?

Olaf Bender: Ich bin kein Mathematiker, aber man denkt schon eher mathematisch, wenn man Hertz in Schwingungen pro Sekunde und nicht nur in Tonhöhe wahrzunehmen oder einfach auch den Nullpunkt zu finden versucht. Ich mag das, wenn ich genau -14 dB, 57 Hertz mit einer 2-Hertz-Welle modulieren kann, was mit einfachen PlugIns nicht möglich ist, bei denen die Zielgröße immer schon vorformatiert ist.

Conrads: Anfang, Mitte der Neunziger tauchten plötzlich überall im Osten diese Oszillatoren auf, die aus Labors abgewickelt wurden. Der Berliner Club “Golden Prickel“ stand damals voll mit ausrangierten Oszillatoren. Würdet ihr sagen, dass die Benutzung dieser Oszillatoren auch etwas von eurer Identität ausmacht, etwas, dass in eurer ganzen Biographie mitschwingt? Dass ihr in der Benutzung dieser Geräte etwas weitertransportiert habt, was Teil eurer Arbeit wurde. Auch in der Außenwahrnehmung, in Japan und Amerika?

Olaf Bender: Uns war von Anfang an sehr klar, dass wir für uns selbst Single-Sounds, statische Sounds gesucht haben und da kamen uns natürlich diese Oszillatoren sehr entgegen. Es stellte sich damals für uns auch permanent die Frage: “Ist das jetzt eigentlich Musik?” Wir haben das schon als einen Grenzbereich wahrgenommen, was wir da getan haben. Aber wir waren ja nicht alleine, es gab mit Merzbow oder Mego noch andere, die etwas sehr Physisches von Musik wollten, wo man nur Energie spürte, die mit extrem starken, niedrigen Frequenzen, sehr hoch und sehr tief, an Sound herangingen.

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De:Bug: Inwiefern war Techno denn ein Bestandteil oder eine Beeinflussung für euch?

Olaf Bender: Es ging uns immer darum, unseren eigenen Weg zu bestreiten. Wenn unser neuester Track dann nicht so sehr groovt wie die letzte Detroit-Nummer, dann haben wir das eben hingenommen. Es ist nicht so, dass wir tanzorientierte Musik nicht mögen, aber ich glaube, wir haben schon instinktiv gespürt, das müssen wir jetzt nicht suchen. Für uns war es erst einmal interessanter, die Möglichkeiten von Sound auszuloten. Unsere ersten Releases waren sehr dünn in der Struktur und soundbezogen – heute ist so was ja wahnsinnig eingeführt. Und so zu arbeiten, mit einer statischen Frequenz eine halbe Stunde Konzert zu machen – das macht meines Erachtens auch heute gar keinen Sinn mehr. Die Grenzerfahrung ist geschehen.

De:Bug: Carsten, wenn du sagst, du möchtest Probleme lösen, bzw. dass du Probleme und deren Verarbeitung musikalisch zum Ausdruck bringst, Musik also als Grundlagenforschung betreibst und den Versuch startest, anhand von Tönen präzise Beschreibungen vorzunehmen, was sind dann die Grundlagen von so einem Prozess, wie beginnt man zu modellieren?

Carsten Nicolai: Die Ansätze des Labels waren immer Bereichen zugeordnet, die sich mit Physik, Wahrnehmung und musikalischen Strukturen oder eher eigentlich Geräuschstrukturen auseinander setzten. Alles, was sich unserer Wahrnehmung als Musik entzieht, aber dennoch musikalische Strukturen besitzt. Das Wort Geräusch benutze ich eigentlich eher selten, aber es macht ganz gut klar, dass es nie die Intention gab, Musik zu produzieren.

Erscheinung

De:Bug: Raster-Noton hat früh ein spezielles ästhetisches Ausdruckskonzept gefunden, das sich von der CD-Verpackung über die einprägsame Anzeige im Wire-Magazin erstreckte und klar von Minimal Art beeinflusst scheint. Gibt es da ein Programm oder Regeln des Aufbaus?

Olaf Bender: Es ging uns früher noch entschiedener darum, nur die reine Information herzustellen und zu kommunizieren. Keine Bilder, keine zusätzlichen Illustrationen zu der Musik, nur die Musik allein soll das sein, was wir veröffentlichen. Die Verpackung und CD sind so reine Schutzmaßnahme, so technisch und einfach, wie es nur möglich ist. Wir haben das Standard-Jewel-Case einfach mit Siebdruck bedruckt, keine Booklets gemacht. Wir waren ja auch der Auffassung, dass das eine völlig neue Art der Musik ist, die wir machen, und die braucht natürlich auch eine eigene Art der Kommunikation. Also wenn du eine pure Wellenform nimmst, dann wollen wir auch nicht eine Farbe des Covers entscheiden müssen, sondern wir nehmen das pure Cover.

Es gibt natürlich die Diskussion, etwas in dieser Erscheinung, von der du sprichst, zu brechen. Doch da ist eine bestimmte Haltung, die wir alle vertreten, die muss man auch nicht groß kommunizieren, die ist einfach da. Die Suche, Dinge zu komprimieren, zu reduzieren, überflüssigen Schnickschnack wegzulassen, Dinge nicht so schreierisch anzugehen. Und es gibt natürlich bis heute Dinge, die man sich gar nicht vorstellen kann.

De:Bug: Was wäre das?

Olaf Bender: Es gab bei Mego mal ein Cover, wo der Unterleib von jemandem von uns in einer Fotomontage mit einem USB-Kabel verbunden wurde. Das ist für uns unvorstellbar.

De:Bug: Konzeptionell kann man sagen, dass sich die Musik immer in der Erscheinung auszudrücken scheint und auch umgekehrt und dass das, leicht modifiziert, aber durch die Jahre hindurch sichtbar blieb. Gibt es denn auch die Situation, dass ein Künstler sagt, er möchte etwas ganz anderes machen? Was macht man da?

Olaf Bender: Natürlich engt auch der formalistische Zwang ein, aber ich bin auch sicher, dass sich das gar nicht ausschließen muss. Atom Heart macht ein Album für uns, was auch noch mal eine ganz andere Seite des Labels zeigen wird, da geht es eigentlich um deutsche Romantik. Auch Kraftwerk hatten ja auf der Trans-Europa-Express Schubert-Verweise. Auf den älteren Alben hatten sie sich noch sehr stark an der deutschen Romantik und dann erst später an Technik und Robotik abgearbeitet. Wir fühlen uns da auch so stark, so etwas zu tun, ohne gleich das Grundkonzept zu verraten. Viele bei uns haben gerade das Bedürfnis, mit Stimmen zu arbeiten, es geht schon weg vom Technologischen.

De:Bug: In der elektronischen Musik und auch auf dem Pop-Sektor birgt es momentan nicht die Gefahr, dass sich die Ästhetik von Raster-Noton vervielfacht. Noch vor elf Jahren gab es viel mehr prägende minimalistische und formalistische Ansätze, auch in der bildenden Kunst. Heute geht es wieder eher zum Überbordenden, Retro-Ansätze und ekletizistische Soundzusammensetzung sind vorherrschend. Gegenläufige Tendenzen, die ja schon bei AG Geige angelegt waren. Habt ihr manchmal Lust, wieder in diese Richtung auszubrechen?

Olaf Bender: Uns interessiert der persönliche Ausdruck nicht auf einer Ebene der Darstellung der eigenen Persönlichkeit nach außen. Wir releasen ja gerne und auch viel, doch unter Pseudonym und ohne ein Interesse, uns als Personen in den Vordergrund zu stellen. Bei AG Geige war das damals eine große Last und eine große Lust. Und es war auch ein Grund, warum es dann aufgehört hat. Die Geste erstarrt irgendwann. Grundsätzlich telefoniere ich oft zweimal am Tag mit dem Carsten und wir klären wieder: Was finden wir eigentlich gut? Was interessiert uns eigentlich? Du glaubst nicht, wie viel Demos wir zugeschickt bekommen mit Musik, die genau auf unser Label zugeschnitten ist. Dann muss man sich fragen, warum sollen wir das machen, genau das machen wir ja schon.

Produkte-Material

De:Bug: Aber hat sich nicht gerade das Produkt mit den weit reichenden Veränderungen der digitalen Welt so sehr gewandelt, dass man darauf reagieren muss? Inwiefern ist das Visuelle und Haptische überhaupt noch aufrecht zu erhalten in Zeiten des File-Sharing?

Carsten Nicolai: In den letzten Jahren hat sich für uns immer mehr die Frage gestellt, wohin sich die Musikindustrie bewegt. Und die anschließende große Frage nach digitaler Musik hat sich für uns dahingehend beantwortet, dass wir entgegen der Entwicklung, die wir beobachten, den Fokus noch vehementer auf das Produkt setzen werden. Sprich, die CD, das Buch, das Plakat. Wir haben uns entschieden, das materielle Produkt noch klarer nach außen zu formulieren und die digitale Kultur dabei nicht als unsere Domain anzusehen. Obwohl wir natürlich selber sehr stark digital arbeiten. Wir wollen Dinge kristallisieren, durch Produkte, die du in der Hand halten kannst.

De:Bug: Das sagt ihr als technikversierte, digitale Forscher und Dränger. Es klingt schon widersprüchlich, nicht wahr?

Carsten Nicolai: Ich muss wirklich sagen, diese Diskussion führen wir auch immer noch. Jeden Tag wieder.

De:Bug: Ein Netlabel würde für euch nicht in Frage kommen?

Carsten Nicolai: Auf keinen Fall. Das ist für uns überhaupt keine Option. Wir beschäftigen uns mittlerweile schon mit Karl Marx. Denn wir merken natürlich auf einmal, dass wir Warenfetischismus betreiben. Aber wir versuchen, auf die Zeit zu reagieren. Wir veröffentlichen natürlich auch digital. Aber wird sind uns darüber im Klaren, dass wir das gepresste Vinyl, das CD-Cover, die CD, die Poster-Edition, die DVD selbst nicht auflösen werden, sondern sogar stärker auf diesem materiellen Punkt beharren. Ob das nun die CD bleiben wird? Wir haben mit “Xerrox“ jetzt eine Speicherkarte released, das wäre dann mehr unsere Intention.

De:Bug: Ist es nicht verrückt, dass die digitale Welt so sehr nach vorne prescht, das man sich selbst schon in der Position des Innehaltens, vielleicht sogar des Rückschritts befindet?

Carsten Nicolai: So sehe ich das nicht. Wenn du digital arbeitest, ist die größte Problematik im kreativen Prozess, etwas zu kristallisieren, etwas zu Ende zu bringen. Denn im digitalen Medium musst du nicht aufhören, es kann alles permanent weiter bearbeitet werden. Wir sehen es als sehr problematisch, wenn der Prozess selbst auf einmal wichtiger wird als das Resultat. Bei einem Internet-Label erscheint es mir viel zu einfach, Inhalte wechseln zu können. Auch digitale Archive sind für uns keine echte Archivform. Wenn du in deinem Leben länger mit Back-Ups zu tun hattest, weißt du ganz genau, dass nichts wirklich funktioniert. Die CDs, die wir damals gebraucht haben, oxidieren, die Innenringe blättern ab.

Die Harddisk funktioniert nicht mehr, Anschlüsse passen nicht mehr. Das Einzige, was wirklich funktioniert, ist die mechanische Speicherung, was ja auch mittlerweile wieder in Bibliotheken benutzt wird. Rein digitale Medien sind extremer Pflege unterworfen, du musst die permanent betreuen, und dafür haben wir natürlich keine Zeit, da wir ja neue Sachen machen wollen.

De:Bug: Ihr habt dafür keine Zeit, weil ihr digitale neue Dinge produziert, das ist genial.

Carsten Nicolai: Ja, weil wir nach vorne gehen wollen. Wir wollen ja gedanklich nach vorne gehen. Und das veröffentlichte Release ist das einzig wahre Back-Up.

Clicks and Cuts

De:Bug: Als ihr begonnen habt, kam die “Clicks and Cuts“-Welle in wahnsinnige Bewegung. Welche Relevanz siehst du heute noch für diese Musik, die auf dem Fehler basiert?

Carsten Nicolai: Du darfst nicht vergessen, dieser Begriff wurde als Verkaufslabel und durch Literatur geprägt. Ich denke, die Musik ist insofern präsenter als je, als die einstmalige Bewegung von heutiger Musik assimiliert ist. Wenn du dir Produktionen von Timbaland, Björk oder Madonna anhörst – die verwenden all diese Momente und wir nehmen sie nicht einmal mehr wahr, sie sind selbstverständlich geworden und in der populären Musik aufgegangen.

De:Bug: Vielleicht ist das eine zu einfache, alberne Frage, aber könnte man nicht sagen, dass ihr die Zu-Ende-Gedachten Kraftwerk seid?

Carsten Nicolai: Da würde ich mich erst einmal geehrt fühlen. Wie würde Kraftwerk heute klingen? Kraftwerk haben wahrscheinlich irgendwann zu denken aufgehört, aber das konnten sie auch zehn Jahre lang, weil sie so weit vorne waren. Ich glaube, ein wirklich gemeinsamer Punkt ist, Kraftwerk glauben wie auch wir an die Zukunft. Wir gehen fest davon aus, dass in der Zukunft neue Elemente von Musik produziert werden können.

De:Bug: Bezieht sich der Zukunftstoptimismus nur auf Musik?

Carsten Nicolai: Nein, alles! Ich gehe in meiner Kunst davon aus, dass Dinge möglich sind, die nicht nur als l’art pour l’art, also auf Kunst basierende Kunst stattfindet, sondern das man noch vollkommen neu schöpfen kann.

De:Bug: Das ist ja ein traditioneller, heutzutage fast schon seltener Ansatz für Kunst, oder? Eine Technik, die einen großen Teil heutiger Musikproduktion ausmacht, ist das Zitat, Sampling, die eklektische Neuzusammensetzung vergangener Stile und Inhalte, das kommt bei euch nicht vor.

Carsten Nicolai: Wir versuchen schon weitgehend samplingfrei durch die Welt zu kommen, ja.

De:Bug: Wenn du auf elf Jahre zurückblickst, was waren da für dich die großen Neuerungen? Gab es Momente, die du als revolutionär empfunden hast?

Carsten Nicolai: Ich muss sagen, das erste Mal, als wir 20 to 2000 in der Volksbühne aufgeführt haben, da stand ich mit dem Olaf in dem Saal und habe zu ihm gesagt: “Genau so muss Musik heute klingen.” So habe ich es mir immer vorgestellt. Letztens habe ich auf einem Festival gespielt und Freunde wie Gonzales, Mocky oder Jimi Tenor waren auch da. Mir ist aufgefallen, dass die alle mit Bands gespielt haben. Ich dachte, wir sind schon anders, denn wir denken immer noch über performative Strukturen nach und nicht über Unterhaltungsstrukturen.

http://www.raster-noton.de

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Elektronische Lebensaspekte.

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