Unsere Gesellschaft wird von einer tief greifenden Wertediskussion aufgewühlt. Genuss oder Gesundheit ist dabei nur ein Oppositionspaar. Das Rauchverbot markiert den Wandel am deutlichsten.
Text: Bastian Thüne aus De:Bug 127


Rauchen
Hedonismus & Körperverletzung

Sonntags morgens auf einer halblegalen After-Hour in Berlin. Nach Stunden des ausgelassenen Tanzens und Feierns will ich den stillen Moment der Diebels-Werbung genießen. Abschalten inmitten lauter Musik, zuckender Körper, mit einer Zigarette an die Wand neben der Tanzfläche gelehnt. Ein jüngeres Mädel kommt auf mich zu und fragt, ob und wo man denn hier rauchen dürfe. Ich meine, dass es wohl egal sei, da die Party weder offiziell sei, noch dass es irgendjemand stören würde. Füge dann aber noch hinzu, dass ich lieber neben als auf der Tanzfläche rauche.

Was war mit der Raverin passiert? Nach nur einem knappen Jahr Rauchverbot hat sich dieses bereits stark in den Köpfen der Clubber festgesetzt. Selbstkontrolle, moralisches Über-Ich als neue Form der unbewussten Anpassung im Nachtleben? Dabei sind Clubs scheinbar die letzten Orte, in denen es um gesundheitsbewusstes Leben geht. Sie sind keine Spa-Tempel oder Fitnessstudios, sondern Orte des Exzesses, des Hedonismus, des Genusses und der Unvernünftigkeit. Selbst ohne Rauchschwaden werden die Clubs ungesunde Orte bleiben. Viele Raver küren die Nacht mit Drogen. Von Epilepsie-Anfällen durch Stroboblitze ist schon lange die Rede. Während der Lärmpegel am Arbeitsplatz nicht mehr als 80 dB betragen darf, knacken die meisten Anlagen mühelos die 100-Dezibel-Schalldruck-Mauer und Nebelmaschinen sind ebenfalls keine Salinen.

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Der Rauch-Status-Quo 2008 sieht wie folgt aus: Zum einen gibt es die Befürworter, die den Rauchgegnern Genussfeindlichkeit vorwerfen und die Verbote als Einschränkung ihrer persönlichen Freiheit sehen. Zum anderen sind da die Gegner, denen es zu Recht um ihre Gesundheit geht und die das Passivrauchen zum versuchten Totschlag erklären. Dass es bei der Rauchdebatte auch um Kontrolle, gesellschaftliche Werte-Rankings, persönliche und soziale Verantwortung geht, fällt erst auf den zweiten Blick auf. Wir befragten dazu den Marburger Kulturwissenschaftler Claus-Marco Dieterich, der sich seit einer Dekade mit dem Rauchen auseinander setzt, ein Buch darüber schrieb (Dicke Luft um Blauen Dunst. Geschichte und Gegenwart des Raucher/Nichtraucher-Konflikts) und dem Diskurs-Dunst frische Luft zuführt.

Die Karriere des blauen Dunsts
“Aus einer kulturhistorischen Perspektive betrachtet, kann man die Karriere des Rauchens wie folgt nachzeichnen: Der Tabakrauch begann als Heilmittel, entwickelte sich dann zum Genussmittel, wurde anschließend als Suchtstoff identifiziert und wird mittlerweile im Wesentlichen als Umweltgift wahrgenommen. Bis in die Suchtphase hinein etablierte und verbreitete sich das Rauchen in der Alltagskultur. Entscheidend war, dass Passivrauchen zum zentralen Thema wurde. Hier tritt die Denormalisierung des Tabakrauchens ein und äußert sich in Gesetzeserlassen. Wichtiger ist aber zu schauen, was auf der konkreten Alltagsebene passiert.”

Diese ist letztendlich entscheidend und erst seit dem Rauchverbot veränderte sich die Praxis des Rauchens. Raucherräume müssen extra gekennzeichnet werden, Raucher werden zunehmend stigmatisiert. Der Rauch wurde die letzten 20 Jahre zur Metapher und zum Verweiszeichen auf den Krebs. Vordergründig dreht sich die Debatte um Gesundheit, dahinter steht aber ein Stellvertreterkonflikt.

“Im Grunde genommen geht es um ein neues Ranking in den gesellschaftlichen Werte-Charts. Wie hoch bewerte ich Begriffe wie Gesundheit, Genuss, persönliche Freiheit, Sicherheit und persönliche und soziale Verantwortung? Die Rauchdebatte ist genauso zu sehen wie die über BSE, Feinstaub und Atomkraft. Sie bewirken eine Verschiebung auf der gesellschaftlichen Werteskala, die sich auch im Essverhalten, in Gesundheitsdiskursen und in Wellness-Imperativen äußert.

Da ist das Rauchen im Grunde ein Rädchen, eine Bühne, auf der Dinge ausgehandelt werden, die woanders hingehören. Oder die sich an die großen Diskursthemen der Zeit anbinden lassen.”
Dass der Diskurs um das Rauchen so scharf geführt wird, obwohl die statistischen Zahlen der Leute, die durch das Rauchen oder Konsequenzen davon umkommen, im Vergleich zu weltweiten Kriegs- oder Hungeropfern marginal sind, liegt wohl in der körperlichen Verweisbarkeit und Unmittelbarkeit. Im Gegensatz zu BSE/Atomkraft sind Raucher greifbar und keine anonymen Betreibergesellschaften. Der Rauch ist sichtbar, nicht versteckt.

Feind hört mit!

Persönlicher Nutzen versus gesellschaftliche Kosten
Ist das Rauchen dann überhaupt noch eine private oder schon eine gesellschaftliche Angelegenheit? Schließlich schadet man sich in erster Linie selbst, oder?
“Es gibt zwei Ebenen, die man strikt trennen muss. Zum einen die persönliche Geschichte. Ich weiß, dass es mir schadet, und mache eine kulturelle Kosten/Nutzen-Kalkulation, nehme für den Genuss Abstriche bei der Fitness in Kauf. Hinzu kommt die Suchtkomponente, und Wissenschaftler schlagen Alarm, dass man das als Süchtiger nicht mehr beurteilen kann. Die zweite Ebene ist die soziale Geschichte. Sie fing in den 70ern an, als sich das Passivrauchen vom Unwohlsein zum versuchten Totschlag entwickelte. Man weiß, dass ein Risiko besteht. Dies kann man tolerieren, oder man sagt sich, dass schon vieles ungesund ist und ich wenigstens in meinem Nahumfeld die kontrollierbaren Risiken eliminiere, Bio-Obst/-Fleisch kaufe und keine Raucher in meiner Umgebung möchte.

Als Drittes kommt noch hinzu, dass man selbst für seinen Körper verantwortlich ist. Gesundheitspolitische Diskurse kreisen nicht mehr darum, dass das Gesundheitssystem bei Krankheit hilft, sondern man ist mit Eigenbeteiligung dabei, ist selbst dafür verantwortlich Risiken von sich fernzuhalten. Es gibt Phasen, da achtet man mehr auf die Gesundheit, und dann welche, in denen man das schleifen lässt und sich kein schlechtes Gewissen machen will. Nur wird es in Zukunft schwieriger, kein schlechtes Gewissen mehr zu haben.”

Die Verbote werden nicht nur zu vermehrt schlechtem Gewissen gegenüber sich und der Umwelt führen, sondern sie müssen kontrolliert und sanktioniert werden. Diese Kontrollen gehen mit der Zeit in eine Art Selbstkontrolle über, wie es sich am Verhalten der Eingangs erwähnten Raverin zeigt.
“Gegen diese Spirale kann man natürlich provokant gegensteuern und im Kleinen seinen subkulturellen Protest äußern, wenn man trotzdem raucht und sich furchtbar oppositionell findet. Auf sehr geringem Niveau ist das fast schon ein Akt von Rebellion.”
Nur ändern solche Mikro-Aufsässigkeiten nichts daran, dass die früher geltende Kompromissebene des situativen Aushandelns durch staatliche Eingriffe verloren geht und zu einer weiteren Komplikation führt.

“Im Bezug auf die Kontrollgesellschaft halte ich das für ein Problem. Rauchen ist Privatsache, ich weiß aber um die wissenschaftlich indizierten Risiken. Nur wenn sich das auf der sozialen Ebene mit staatlichen Eingriffen verknüpft, mit einer Kontrollexekutive legitimiert wird und die Alltagspraxis verändert, wird es sehr problematisch. Es gibt schon genügend Bereiche, in denen das weit fortgeschritten ist, und man muss aufpassen, dass es nicht mehr Alltagsbereiche werden. Gerade wenn sich in einem Raum alle über das persönliche Genussverhalten einig sind und nur der Staat sagt, etwas sei nicht in Ordnung, ergeben sich Differenzen, die nicht mehr leicht auszuräumen sind.”

Kein Rauch stinkt
Das Rauchen verschwindet aus der alltagsweltlichen Oberfläche und damit Gerüche, die zu bestimmten Räumen gehören und Orientierung im Alltag bieten. Im Club fällt dies besonders auf. Schweiß, Bier, Kotze, Moschus. All die Gerüche, die durch Rauch gefiltert wurden, schrauben sich jetzt massiv in die Nase. Auch kontrollieren vermehrt Türsteher überall im Club, obwohl das nicht ihre Aufgabe sein sollte. Das führt dann in Clubs, in denen sonst viel toleriert wird, zu paradoxen Situationen. Und zum Unwohlsein, weil man sich beobachtet fühlt. Sind Clubs nicht die falschen Orte, gerade weil es ihnen nicht um die Förderung von Gesundheit im Sinne einer Ulla Schmidt geht, sondern um den Exzess?

“Der Unterschied ist da, räumt aber den Konflikt nicht aus dem Weg. Manche Clubber sind gegen Rauchverbot. Die Diskrepanz löst man nicht auf, indem man sagt: ‘Okay, das ist ein Ort, an dem viele Dinge erlaubt sind.’ Auch da gibt es Regeln. Hedonismus ja, aber Hedonismus kann auch bedeuten, sich bewusst für noch ungesündere Dinge zu entscheiden und trotzdem gegen das Rauchen zu sein. Im Club ist das eine sehr schwierige Frage. Ich finde aber das Argument, dass die kulturelle Atmosphäre verloren geht, bemerkenswert. Auf die Spitze gestellt: Ist der Club noch der Gleiche, wenn nicht mehr geraucht wird? Momentan bin ich eher der Auffassung, dass etwas vom Gesamtkunstwerk Clubatmosphäre verloren geht.”

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Elektronische Lebensaspekte.