Minimal als 2.0-Phase der Clubmusik
Text: Alexis Waltz aus De:Bug 119

Mit Surgeon, James Ruskin oder Regis gehörte Oliver Ho zu den zentralen Figuren des britischen Technos der neunziger Jahre. Nach etwa fünfzig Releases und einer Serie von Alben war es notwendig, komplett neu anzusetzen: Als Raudive hat Ho im letzten Jahr eine Serie so spezieller wie erfolgreicher Minimal-Techno-Platten veröffentlicht.

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In der zweiten Hälfte der neunziger Jahre war Techno aus London weitgehend verschwunden. Zu den wenigen, ziemlich isoliert arbeitenden Produzenten gehörte neben Baby Ford auch Oliver Ho. Obwohl er zum straighten Techno-Circuit gehörte, nahm er doch eine Sonderstellung ein. Schon sein musikalischer Bezugsrahmen ist außergewöhnlich: Wie kein anderer Technoproducer hat er sich mit den verschiedensten außereuropäischen Musikkulturen auseinander gesetzt. Statt die üblichen Bezugspunkte in der (Vor)Geschichte der Clubmusik zu wählen, ist Ho aus dem europäischen und nordamerikanischen Kulturkreis ausgebrochen und hat die rhythmusbezogenen Volksmusiken aus Afrika, China und Japan erforscht.

So unmittelbar sich seine Platten in den Techno-Sound der neunziger Jahre einschrieben, so radikal haben sie auch dessen Rahmen gesprengt: Wie keinem anderen Produzenten ist es Ho gelungen, Komplexität mit Kompromisslosigkeit zu verbinden. Seine Musik hat eine Rohheit, die an nichts anknüpft. Statt bekannte musikalische Codes aufzurufen, inszeniert sie einen Aufstand der Rhythmen. Gegen Hos Tracks wirken andere Produktionen oft verschnörkelt und formelhaft. Oliver Ho hat nicht den Rang eines Rob Hoods oder Richie Hawtins, aber die künstlerische Konsequenz seiner Musik ist mindestens ebenso weitreichend. Seine Produktionen bewegen sich durchgängig an der Grenze dessen, was man Musik nennen kann, so abstrakt sind die Pattern, so einfach und entschieden ist der Umgang mit ihnen. Viele Technoproduzenten konzipieren ihre Musik als die reduzierteste, performanteste Version von Popmusik.

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Bei hartem Techno schleicht sich über den Bezug zum Industrial oft ein Rockmoment in die Tracks. Ho gelingt es vollständig diesen Subtext abzuschneiden, seine Musik ist nie martialisch oder punkig, es gibt nichts Massives, Aggressives in seinen Tracks, keine kulturellen Merkmale in der Musik, etwa bestimmte Drumsounds oder Break-Strukturen. Wie kein anderer Produzent bringt Ho Archaik und Modernität zusammen. Tribal-Techno hat bei ihm nichts mit dem Klischee gesampelter Percussions zu tun. Der ruhige, konzentrierte Oliver erklärt: “Obwohl ich Teil der harten Techno-Szene war, war meine Musik eher abstrakt. Für mich ist kraftvolle, energetische Musik nicht unbedingt harte Musik. Die Intensität entsteht durch Druck, die Spannung durch den hypnotischen Charakter. Dabei ist es oft schwer festzumachen, warum dieser Eindruck aufkommt, wie ein Track eine bestimmte Stimmung generiert.”

Nach dem Dynamismus

Als Jugendlicher blickte Ho auf die Clubmusik herab, begeisterte sich für Death Metal und entdeckte die elektronische Musik über Godflesh. Mitte der Neunziger begann er Platten auf James Ruskins Label Blueprint zu veröffentlichen, später erschien seine Musik hauptsächlich auf seinem eigenen Label Meta. Für die Produktionen auf Meta war zunächst die Auseinandersetzung mit diversen Formen von Musik entscheidend, bei der das Rhythmische im Zentrum steht.

Man könnte meinen, dass die Beschäftigung mit solchen Musikstilen für alle Technoproduzenten auf der Hand liegt – denn Techno ist die erste Form von Popmusik, die den Rhythmus gegenüber den Melodien in den Vordergrund stellt. Überraschenderweise haben sich nur wenige Technomusiker systematisch mit der Geschichte der rhythmusorientierten Musiken auseinander gesetzt. Ho hebt hervor, wie wichtig für ihn da London als Musikmetropole war: Er hat ebenso die japanischen Kodo-Drummer erlebt wie Perkussionisten auf Burundi, hatte die Möglichkeit, perkussive Volksmusiken aus China und aus Europa zu studieren. Später wurde Jazz und südamerikanische Musik wichtig.

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Obwohl hauptsächlich seine Technoproduktionen wahrgenommen wurden, verfolgte er schon immer eine ganze Reihe sehr unterschiedlich ausgerichteter Projekte: Als Birdland produzierte er House, experimentelle Tracks veröffentlichte er auf dem Light&Dark-Sublabel, mit Gitarrenklängen arbeitet er als Sienna, mit Tommy Gillard produziert er als Zov Zov beatlose Tracks. Irgendwann hatte er vom schnellen Clubsound genug:

“Ich habe mich gefangen gefühlt. Die Enge der Sets, die von mir erwartet wurden, hat nicht die Offenheit meines Musikgeschmacks widergespiegelt. Diese Crowds wollten ein bestimmtes emotionales Moment durch die Musik erleben, einen aggressiven Rush, einen endlosen Orgasmus. Der harte Techno der Neunziger repräsentierte den Dynamismus des Wandels und der Veränderung. Jetzt sind die Leute viel entspannter und schauen sich um, was eigentlich passiert ist. Mir ist die Stimmung in den Clubs heute viel lieber. Die Musik kann atmen, früher war es wie in einem Vakuum. Wie bei Death Metal hat sie den Punkt erreicht, an dem keine weitere Steigerung mehr möglich war, wo man zurücktreten musste, wo Subtilität ins Spiel kommt.”

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Die 2.0-Phase der Clubmusik, die zum Jahrtausendwechsel mit dem verlangsamten, minimaleren, oftmals House-orientierten Sound einsetzte, begrüßt Oliver Ho vollständig, Ho begeistert die Variabilität der aktuellen elektronischen Tanzmusik, ihre neue Freiheit und der organische Charakter vieler Tracks: “Mir gefällt am Minimal Sound, dass er so verführerisch und infizierend ist und zugleich so abstrakt. Mich fasziniert, wie diese entgegengesetzten Pole zusammenkommen.” Mit Raudive stellt er seine musikalischen Methoden und Techniken in diesen stilistischen Kontext – und zum zweiten Mal gehören seine Tracks zu der krassesten, unversöhnlichsten, verstörendsten Clubmusik, die zu haben ist.

Dabei geht es nie um den Schockcharakter, sondern darum sich so weit wie möglich den Klängen und Strukturen der Musik auszusetzen. Gleichzeitig sollte man Hos Backkatalog nicht aus dem Blickfeld verlieren: Natürlich sind die meisten der Tracks heute nicht mehr spielbar – stattdessen funktionieren sie jetzt außerhalb von der Clubsituation – sie lassen Techno als universale, ebenso archaische wie hochmoderne Musik erscheinen.

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http://www.oliverho.com

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Elektronische Lebensaspekte.