Fünf Jahre nach seinem Debütalbum ist Dabrye, der Meister des minimalistischen Sägezahn-Bounce-Beats, am Ziel angekommen: Er macht – endlich! – richtigen HipHop, mit einer Kleinbusladung voller Rapper auf seinen Beats.
Text: Florian Sievers aus De:Bug 103

Eigentlich war die Geburtsstunde von Dabrye der Moment, als Tadd Mullinix zum ersten Mal dieses Chromdioxid-Tape in seine Anlage steckte. Das war so um 1995 rum. Das Tape war die fünfte Kopie einer Kopie und trug den bezeichnenden Titel “Fresh Produce Vol.1”. Es stammte vom DJ der HipHop-Crew Molemen, DJ PNS, und war voll mit slicken HipHop-Instrumentals, leichthändig zusammengewoben mit ein paar Turntablist-Tricks. Als dieses Tape zum ersten Mal in der Anlage von Tadd Mullinix landete, beschloss er, dass er eines Tages HipHop-Produzent sein würde. Rund sechs Jahre später tauchte dann der Name Dabrye, der in alter Graffititradition einfach aus Buchstaben zusammengesetzt ist, die gut zusammen aussehen, bei einem Liveauftritt auf dem Detroit Electronic Music Festival auf. Doch erst heute, 2006, ist Mullinix mit seinem Projekt Dabrye am Ziel. Denn sein neues Album “Two/ Three” ist voll mit ebenso smarten Instrumentals wie die, die ihn damals so beeindruckt haben, aber noch getoppt mit einer Kleinbusladung voller Rapper. Eine echte HipHop-Platte, straight und proper.
Der Mensch hinter dieser Platte ist nun nicht gerade ein HipHop-Produzent, wie man ihn sich so vorstellt. Obwohl: Vielleicht ist er gerade für Teile des HipHops von heute ziemlich typisch. Mullinix ist, wie er selbst sagt, eher introvertiert und schüchtern. Der 27-Jährige wohnt im linksliberalen Unistädtchen Ann Arbor (zu Deutsch: “Annes Laube”) im US-Bundesstaat Michigan, 40 Autominuten von Detroit entfernt und im Volksmund auch “Tree Town” genannt. Zum einen wegen der vielen Bäume, die dort rumstehen (so viele wie Einwohner, nämlich etwas mehr als 100.000), zum anderen, weil “Tree” bei alten wie bei jungen Hippies auch ein Synonym für, ach ja, Marihuana ist. Was einem wahrscheinlich eine recht treffende Vorstellung vom typischen Ann Arborite gibt. Der hat seine Stadt nämlich schon zu einer wichtigen Ausgangsbasis für die Bürgerrechts-Bewegung der USA, für die Anti-Vietnamkriegs-Bewegung und für die Studenten-Bewegung gemacht, kauft im landesweiten Städtevergleich pro Kopf die meisten Bücher und demonstriert noch heute alljährlich für sein Recht auf legales Kiffen.
In dieser Stadt arbeitet Mullinix immer noch nebenberuflich im Second-Hand-Plattenladen Encore in Downtown. Und eben dort sitzt auch das Label Ghostly International sowie dessen Sublabel Spectral Sound, für deren gefühlten halben Output Mullinix zur Zeit unter verschiedenen Namen veranwortlich ist. So veröffentlicht er dort unter seinem Geburtsnamen elegische Warp-Electronica, als James T. Cotton produziert er rohe, unbehauene, angerostete Jack Trax, irgendwo zwischen Sleezy D.s “I’ve lost Control” und belgischem New Beat. Zusammen mit D’Marc Cantu beschäftigt er sich seit vergangenem Jahr als 2 AM/FM mit EBM, Black Disco und “the house that Ron Hardy built“. Ähnliche Exkursionen macht er auch als Teil von Todd N Tadd. Zusammen mit diesem Todd, Todd Osborn, der auch durch Ghostly-Releases unter seinem Nachnamen bekannt ist, produziert er außerdem von Suburban Base beeinflussten Raggajungle unter dem Namen Soundmurderer + SK-1 und betreibt das Label Rewind! Records, das schon von Rephlex lizenziert wurde. Und als wenn das noch nicht genug wäre, arbeitet er gerade an einem Projekt mit Daniel Meteo.

Runter bis auf die Knochen

Am erfolgreichsten und auch am aufregendsten ist jedoch Mullinix’ Musik als Dabrye. Er nennt dafür eine wenig überraschende Mischung aus HipHop-Produzentenlegenden (Marley Marl, Eric B, Timbaland), Elektronik-Bands (DAF, Throbbing Gristle, Liaisons Dangereuses) und minimal-seriellen E-Musik-Komponisten der klassischen Moderne (Steve Reich, Terry Riley, John Cage) als Einfluss. Folgerichtig waren die ersten Dabrye-Platten noch Minimal-HipHop, der klanglich zwischen gebrochenem Detroittechno und der sehr präsenten Snare der Golden Era zwischen 1985 und 1995 (also Pete Rock, DJ Premier, A Tribe Called Quest) oszillierte, rein instrumental und mit “schwindelerregend coolem Klang“, wie Clara Völker damals treffend in der Debug 73 schrieb. Der coole Klang ist geblieben, nur ist Dabrye nun eben fünf Jahre nach dem Albumdebüt “One/ Three“ mit “Two/ Three“ bei echtem HipHop angekommen.
“Ich fand eigentlich schon immer, dass ich HipHop mache“, betont Mullinix noch mal. “Das ist früher nur nicht so richtig rübergekommen, weil ich in dieser Elektronika-Schublade gelandet war.“ Er kannte eben noch keine Rapper und schüttelt sich nach eigener Aussage noch heute bei dem Gedanken, für seine musikalischen Ziele extra Bekanntschaften schließen zu müssen. Irgendwann aber fand er, dass zumindest einige seiner Beats nun Raps bräuchten. Also erstellte er eine Liste seiner Wunschkandidaten, die der Ghostly-Betreiber Sam Valenti dann kontaktierte. Zu denjenigen, die damals zugesagt haben, gehört natürlich, Gott hab ihn selig, Jay Dee, dessen Raps schon vor zwei Jahren auf der Single “Game Over” erschienen. Aber auch MF Doom, Vast Aire, Beans, AG oder Wildchild. Ein Gutteil der aktuell heißen Indie-HipHop-Branche also. Und damit eine Gästeliste, die ein bisschen wirkt wie im Reißbrett entstanden – was sie ja auch ist. Einzige Überraschung ist Wajeed von den Platinum Pied Pipers, der bei zwei Produktionen mitgeholfen hat.
Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass “Two/Three” wirklich aufregend ist, mit seinen wagnisreichen Beats, die immer einfach, direkt und minimalistisch sind. “Ich mag Musik, die bis auf die Knochen runtergestrippt ist“, erklärt Mullinix. “Ohne viele Ornamente kann man sich doch viel stärker auf die Musik konzentrieren. Und man kann viel subtiler arbeiten, mit Feinheiten und Nuancen.“
“Two/ Three“ ist nun, der Name deutet es an, der zweite Teil eines Tryptichons, das zweite Album, mit dem Mullinix einen drei Alben umfassenden Vertrag mit Ghostly International erfüllt. Was passiert, wenn das passiert ist, weiß er selber noch nicht. “Aber ich habe keine Probleme mit Ghostly, und ich wüsste jetzt auch kein anderes spezielles Label, auf dem ich unbedingt Dabrye-Tracks veröffentlichen wollen würde.“ Auf jeden Fall will er auf dem finalen “Three/ Three“ wieder mit MCs arbeiten. Oder vielleicht doch wieder instrumental gehen. Mal sehen. “Ich arbeite an einigen Sachen, zum Beispiel mit Beans“, berichtet Mullinix, “aber das ist alles noch zu früh, um etwas Offizielles darüber zu sagen.“

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Elektronische Lebensaspekte.