Wenn Steuern runter sollen, gehört ein akkurater Krisen-Look drauf: Aktuelle Modeprospekte legen nahe, dass man auf Sozialabbau am besten mit extra dicken Anoraks reagiert.
Text: Felix Denk aus De:Bug 91

The Look of Hartz IV

Macht sich Hans-Olaf Henkel über Styling-Fragen Gedanken, wenn er bei einem sonntäglichen Waldspaziergang über Deutschland und seinen unweigerlichen Niedergang räsoniert? Was denkt der Ex-BDI Chef und hauptberufliche Vordenker der gesellschaftlichen Entsolidarisierung über den Outdoor-Mode-Trend des vergangenen Winters?

Ein Blick in den Patagonia-Prospekt: Ein Mittdreißiger, als Material-Tester ausgewiesen, kämpft sich eine steile Gletscherspalte hoch. Die Eiger Nordwand, das erkennt auch der Nichtbergsteiger sofort, ist dagegen ein Kindergeburtstag. Die Nase leuchtet rot, einige Eiszapfen baumeln am Bart. Hier draußen existiert nichts außer ewigem Eis und stechend kalten Winden. Der Material-Tester ist allein, die Umwelt feindlich, das Leben – was sonst – ein Kampf. Patagonia-Träger wissen das, selbst wenn sie nur die Fußgängerzone durchqueren. Eine Gesellschaft, das gibt es nicht. Halt gewährt nur der Karabiner, den man sich selbst mit einem Eispickel in die Felswand gehämmert hat. Macht aber nichts, denn Jacken von Patagonia halten auch unter extremen Bedingungen mollig warm. Dank eines ausgeklügelten Hard-und-Soft-Shell-Systems, das mit vielen kleinen Symbolen erklärt wird. Eindrucksvoll, aber kompliziert. Das Design ist betont schmucklos, die Farben gedeckt, jeder Schnörkel scheint ein Sündenfall angesichts des strengen Funktionalitätsimperativs.

draußen zuhause

Lohnnebenkosten zu hoch, klar. Steuern müssen runter. Deregulierung des Arbeitsmarktes überfällig. Die Leute sollen sich endlich mal um sich selbst kümmern. Hans-Olaf Henkel weiß das natürlich. Aber auch die bei Jack Wolfskin? In der Werbung sieht man Menschen im tiefsten Winter beim Zelten. Sie sind “draußen zuhause”, so der Firmen-Slogan. Eine blonde Frau bastelt einen Paraglider zusammen, mit dem sie sogleich furchtlos ins Tal segeln wird. Ein Typ, der aussieht als könnte er Zigaretten einhändig drehen, kocht Kaffee auf einem Bunsenbrenner. Das Iglu-Zelt wärmt, die Stimmung ist heiter. Das Leben in Jack Wolfskin-Klamotten stellt sich als gesellige Angelegenheit dar. Anders als dieser viril-robuste Solipsismus von Patagonia. Allerdings muss man ständig in Bewegung bleiben. Die Millionen von Reißverschlüssen an den Jacken bieten dabei jeden denkbaren Komfort, farblich abgesetzte Applikationen an Ellenbogen und Schultern schützen vor Nässe. Na ja, aktiv sein ist schön und gut, und Stil eher Nebensache, auch ok. Aber irgendwie ist das Jack Wolfskin-Image verwässert. Zu sehr Spaßgesellschaft, meint Hans-Olaf Henkel. Er geht sowieso lieber Segeln.

Die Schulen zu lasch, der Urlaub zu lang, die Beamten zu faul, die Schulden zu hoch. So viele Probleme! Hans-Olaf Henkel runzelt die Stirn. Vielleicht wäre ein North Face-Anorak die beste Wahl angesichts der desolaten Lage? Schließlich ist North Face ein Expeditionsausstatter und Expedition, das bedeutet Abenteuer, Entschlossenheit und Risikobereitschaft. Das ist doch genau das, was dem Standort D. fehlt! Ein akkurater Krisen-Look, erinnert er doch an die Zeit, als die Dinge noch nicht im Argen lagen, als die Deutschen noch mutige Entdecker waren. Alexander von Humboldt, auch so ein Vordenker, fällt Hans- Olaf Henkel ein. Aber Vorsicht: Bei North Face ist irgendetwas merkwürdig. Auf Sozialabbau mit extra dicken Anoraks reagieren – wird da die gesellschaftliche Kaltfront mit einer Affirmationsstrategie gekontert? Befürworten die Parkaträger womöglich gar nicht den Rückzug in die Selbstverantwortung, sondern persiflieren sie nur die allgegenwärtige Sozialabbau-Paranoia? Und diese dicken Daunenwülste, die sehen schon etwas nach heruntergewirtschafteter Innenstadt aus, da wo Kids rumhängen, denen die Jeans am Arsch schlabbert, und alles mit Graffiti voll geschmiert ist.

Ach, was solls, seufzt Hans-Olaf Henkel. Der Winter ist praktisch vorbei. Die Barbour-Jacke im Schrank, die wird’s schon richten. Auch dieses Jahr.

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Elektronische Lebensaspekte.