De:Bug-Redakteure diskutieren es aus
Text: jan, sven, sascha aus De:Bug 113


Die Fotos sind mit freundlicher Genehmigung dem Bildband Toy Giants entnommen.

Rock die Disco
Jan Joswig: Wodurch ist New Rave mehr bestimmt: durch Eklektizismus oder durch Plakativität?

Sascha Kösch: Wie eklektisch sind denn unsere Beispiele? Digitalism lehnen sich nicht so weit raus. Natürlich nehmen sie sich ab und zu einen Pullunderpoptrack wie diese neue Single. Aber der Rest ist ziemlich schlüssig. Es ist nicht so: alles geht. Sie sind ja nicht Simian Mobile Disco …

Jan: SMD haben die Ibizasynthpassagen, den girligen Rap, die Wave-Gitarren.

Sven von Thülen: Das ist mehr Jahrmarktsmusik im Gegensatz zu Digitalism, das ist Teeniepop, die logische Konsequenz von Elektroclash. Und das passt gut zwischen Ed Banger und, sagen wir mal, LCD Soundsystem.

Sascha: Das Gemeinschaftsphänomen bei New Rave ist meines Erachtens das Prinzip, einfach was zu nehmen, es aufeinander zu packen und abzusahnen so schnell wie möglich.

Jan: Wo siehst du den Unterschied zu Happy Hardcore, wo man auch die offenkundigsten Samples als kleine Novelty-Scherze eingebaut hat?

Sascha: Damals hat man die Samples als Gimmicks eingebaut. Jetzt übernimmt man aber die gesamte musikalische Struktur. Die Leute machen einen Rocktrack, da bleibt nichts anderes übrig. Wohingegen es bei Happy Hardcore ein ästhetisches Fundament gab – schnelle Breaks -, das mehr oder weniger gleich blieb.

Jan: Die Entscheidung bei New Rave, Peaktime-Elemente verschiedener Zeiten zu verdichten, erkennst du nicht als ästhetische Grundentscheidung an?

Sascha: Nein, da macht man nur aus drei alten Schuhen einen neuen.

Jan: Aber das ist der Knackpunkt, glaube ich, den man entweder akzeptieren muss oder nicht.

Sven: Die Grundrichtung ist das Zusammendampfen und Recyclen von Strukturen und Signalen, die sich in den letzten 20 Jahren gebildet haben. Da wird sich dann eben genauso aus dem Fundus der elektronischen Musik bedient, wie aus dem von Rock.

Sascha: Die neue Single von Digitalism hört sich für mich wie ein Oldie an. Ein Happy-Hardcore-Track hörte sich nie wie ein Oldie an.

Jan: Ich finde, es gibt viele Tracks, die auf eine Weise Eklektizismus und maximale Party-Effizienz kombinieren, dass man klar erkennt, die können nur aktuell sein. Man muss es so werten wie diese Twist-Phase mit Chubby Checker in den 50ern. Es entsteht ein Modetanz, der wird durchgezogen. Man muss die Tanzfläche als Ausgangspunkt nehmen.

Sascha: Aber das ist doch der große New-Rave-Schwindel. Worum geht es nicht? Um Rave. Zumindest hierzulande. Rave existiert nicht mehr. Und wie lange kann es noch um Party gehen, wenn du immer mehr Rock-Elemente hast, es immer mehr zum Konzert wird?

Sven: Es geht um Party, finde ich auch. Aber Party heißt nicht mehr, ein DJ spielt die ganze Zeit. Party heißt auch Rock und Party heißt auch Band. Da wird kein Unterschied mehr zwischen Rock und Elektronik gemacht. Das geht alles fließend ineinander über und niemanden stört’s.

Sascha: Ich glaube, das läuft in eine ähnliche soziale Falle wie damals die ganzen Rave-Bands. Das mag in England als Rave funktioniert haben, aber in Deutschland stehen sie in Rock-Venues und du hast ein stinknormales Konzert.

Jan: Es ist ja nicht das Problem der englischen Bands, wenn es einen Übersetzungsfehler gibt.

Sascha: Doch, weil sie diesen Übersetzungsfehler in der Musik anbieten.

Jan: In Japan moshen die Kids im Pit zu Carsten Nicolai. Du kannst nicht jede Rezeptionshaltung mitbedenken.

12.jpg

Sascha: Leute wie Digitalism oder SMD kennen die Clubkultur. Die wissen, was passiert, wenn man an der Rockschraube dreht.

Jan: Das ist ja gerade das Interessante, an der Rockschraube zu drehen und den Club nicht rauszukicken.

Sven: Wenn Digitalism wirklich groß werden, dann beerben sie halt die Ravebands wie Chemical Brothers, Prodigy und Underworld.

Sascha: Der Festivalzirkus.

Jan: Also ist der Kritikpunkt an den Bands, was in der Zukunft aus ihnen werden könnte?

Der Major-Zirkus
Sascha: Die Zukunft ist ja schon da: Wir haben eine Major-Platte gemacht, da werden Hoffnungen reingesetzt, wir verhalten uns auf gewisse Weise für diese Produktion bei dem Major, holen abgeschmacktere Zitate ran, machen das Ganze glatter.

Jan: Aber abgeschmackte Zitate sind doch ein New-Rave-Stilelement von Anfang an. Es ging doch immer darum, Technotronic zu zitieren und nicht LFO. Es ist ein bisschen so wie beim Mash-Up-Prinzip, bloß als Band. Man haut Whitney Houston mit Kraftwerk zusammen. Es geht um Wiedererkennbarkeiten, und nicht für Spezialisten, sondern für Chartshörer.

Sven: Musikalisch ist New Rave ein Haufen heiße Luft, alles so zusammengewurstelt, dass es eine große Studentenparty wird.

Sascha: Mit Flatratesaufen. Wo könnte der Gestus sein, die Relevanz? Der wäre im Aufbrechen von zu eingleisig eingefahrenen Clubstrukturen gewesen. In der frühen Ravezeit in England, 1990/92, haben alle gejubelt, dass man alles spielen kann. Davon ist aber nur ein vager Eindruck geblieben. Erst aus den Ausdifferenzierungen danach haben sich wahnsinnig viele Musikstile entwickelt und verbreitet. Zusammenschmeißen ist für diejenigen ein euphorischer Moment, denen alles andere langweilig ist. Aber bei New Rave wird sich nichts daraus entwickeln, weil die Sachen, die zusammengeschmissen werden, nicht wirklich clashen. Bei keiner dieser Bands finden viele lustige, fiese Stilbrüche statt, in dieser Hinsicht ist es nicht aufregend.

Jan: Ein Stilbruch ist ja an sich schon kein Stilbruch mehr, der ist akzeptiertes Programm.

Sven: Ich sehe bei New Rave eh nur Sachen, die ähnlich schon bei Elektroclash stattfanden.

Sascha: Elektroclash ist wenigstens ein Genre: eine Tussie mit bunten Haaren, ein Typ mit lustigen Klamotten, einer von denen singt, der andere grölt, irgendwo ist da noch Gitarre und dazu ein paar Beats. Und was macht New Rave daraus? Höchstens ein Professionalitäts-Ding: Wir sind eine Marke, die kann man gut verkaufen.

27.jpg

Sven: Wenn etwas auf eine bestimmte Art rockt und melodiös ist, dann hat das Massenappeal. Das gilt auch für jede x-beliebige Technominimalwasauchimmer-Produktion. Wenn du einen blöden Zweifingerbass reinmachst, der knarzt, und du das nicht zu dumm anstellst, dann finden das auch alle total geil. Das sind Signale, die funktionieren einfach. Bei Techno und Minimal kannst du dich genauso kalkulierbar und beliebig an einer Ästhetik abarbeiten wie bei New Rave.

Sascha: Aber das ist ja der Punkt. Es wird sich nicht an einer Ästhetik abgearbeitet. Sonst wäre es ja einfach, das als Genre zu definieren.

Jan: Das Genre definiert sich eben über die Klamotten.

Sascha: Ja, das kann man gut erkennen. Aber du siehst es nirgendwo.

Jan: In England und Skandinavien schon.

Sascha: Es hilft nichts, wenn du es hier nirgendwo siehst. Es ist überall in den Magazinen abgebildet, aber die Klamotten selbst schwappen nicht rüber.

Jan: Casette Playa kann man seit einem Monat bei “Strange Fruit“ in Berlin kaufen …

Letzte Station Stadionrock
Sven: Der Medienhype New Rave, die große Klammer, wird irgendwann zu Ende gehen. Mit Sicherheit. Was machen dann die einzelnen Bands? Gerade weil New Rave musikalisch nicht definiert ist, kann da alles passieren. Es können ganz normale Rockbands werden, es kann sich aber auch zu was anderem entwickeln.

Sascha: Wenn man so zurückblickt, könnte man sagen, da wird nichts draus. Prodigy klang auch schon nach dem zweiten Album wie eine Rockband.

Jan: Was ist mit der Möglichkeit, dass es wirklich zu einer totalen Aufhebung der Grenzen zwischen Gitarre und Dance führt? Das, finde ich, ist noch drin.
Und selbst wenn sie zu Stadionrockbands werden, heißt es ja noch nicht, dass es künstlerisch uninteressant ist.

Sascha: Ja, wenn man dieses alte Vorstellung hat, künstlerisch interessant kann auch eine Band sein, die sich über Jahre hin entwickelt, die beim siebten Konzeptalbum mit Triplecover ihre volle Größe und höchste künstlerische Reife erlangt hat. So kann man denken, wenn man bestimmte Dinge ad acta legt.

Jan: An welche Dinge denkst du?

Sascha: Man muss all die Sachen vergessen, die man möglicherweise mit elektronischer Musik gelernt haben mag. Das wäre, dass es keine Sau interessiert, wenn ein Künstler nach so und so vielen Jahre sein besonders tolles Album hat. Bei Carl Craig interessiert nicht, dass er sein fünftes Album macht, sondern dass seine nächste Maxi einfach eine geile Maxi ist.

Jan: Ob du nun so etwas wie eine Werk-Kontinuität siehst oder die Platten einzeln im jeweils aktuellen Umfeld, ist doch völlig egal.

Sascha: Meines Erachtens ist es mit Rockmusik immer so gewesen, dass sich Bands ab einer gewissen Menge von Schallplatten in ihrem eigenen Kosmos bewegen. Da ist jegliche Kritik, die darum geht, wie verhalten sie sich zum Jetzt, höchstens noch ein Marginalphänomen. Die werden dann innerhalb ihres eigenen Universums betrachtet.

Jan: Die Rolling Stones hatten plötzlich total super Discofunkstücke und das war nur interessant, weil gerade die Discoära lief.

Sven: Abgesehen davon bist du dir halt total sicher, das es letztlich auf Rock mit all seinen Mechanismen und Vorzeichen hinausläuft. Das ist die Frage, ob es wirklich so sein muss. Weiß ich nicht.

Jan: Und da wäre ja prinzipiell auch nichts gegen zu sagen.

Sascha: Wenn man es mag, nicht.

Jan: Also, man muss doch zugestehen, dass Rock erst mal ein neutrales Genre ist, indem man sich gut oder schlecht bewegen kann.

Sascha: Rock ist erst mal ein Präsentationsphänomen. Du hast eine Bühne, da stehen Leute drauf, einer singt, alle Leute gucken die an, finden das dufte, identifizieren sich damit. Die klassische Leier eben. Was interessiert einen an Musik? Interessiert einen: Da ist ein Musiker, der mir etwas bedeutet. Oder interessiert einen: Da ist Musik, die sagt mir auf gewisse Art und Weise was. Das ist für mich der Unterschied.

Jan: Ich würde nie zu einem Hardrock-Konzert gehen, trotzdem kann ich anerkennen, was Motörhead geleistet haben.

Sascha: Rock wird so produziert, dass man es live aufführen kann. Und auch bei New-Rave-Bands wird das immer wichtiger. Weil man an den Platten selbst logischerweise nicht mehr so viel verdienen kann. Der Livezirkus wird für eine Band wichtiger, wichtiger und wichtiger.

Sie tanzten einen Sommer
Sascha: Ich glaube, New Rave wird so ein übliches “Sie tanzten einen Sommer”-Phänomen werden, jenseits davon, ob es irgendwie immer Läden geben wird, in denen eher Kuddelmuddel läuft als Genre-getrimmte Musik.

Jan: Also, das macht es ja nicht unbedeutender. Man muss ja nicht wie ich mit Chubby Checker und Twist kommen. Man kann ja auch sagen: Primal Scream im Andrew-Weatherall-Mix.

Sascha: Es markiert sehr praktisch eine Zeit. In der Hinsicht ist es möglicherweise sinnvoll, auch zur Erinnerung. Was war noch mal 2007? Da waren diese bunten Typen, die es in England gab, die da so Rave gemacht haben. Aber ob davon was anderes übrig bleibt …

Sven: Bei all diesen Bands, egal wie sie sich weiterentwickeln, kann es gut sein, dass sie in einem Jahr kein Hahn mehr mit New Rave verbindet, oder in zwei.

Sascha: Ja, diese Leute kreuzen ihre Wege zufällig in dem Medienphänomen New Rave, das aber leider so überhaupt keine musikalische Bedeutung hat und jenseits von England auch keine phänomenale oder soziale Bedeutung im Sinne von “dahinter steckt eine spezielle Clubkultur”. So dass sie nächsten Sommer alle woanders sein werden.

Jan: Na ja, was ja auch okay wäre. Besser als bei Drum and Bass, wo die Fusselbärte eingemottet rumstehen und jahrelang dahinsiechen.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.

One Response

  1. nanaMussCouri

    und was ist draus geworden?

    Digitalism haben die neue DJ-Kicks gemacht. Die neue Dave Clarke kommt auf Boys Noize Records raus, die feiern ihre 100 Platte, Ed Banger hat schon 10 Jahre Geburtstag und bringt von Cashmere Cat bis Breakbot alle zum tanzen. DJ Mehdi, DJ AM, sind gestorben.

    Steve Aoki, Deadmau5 und der andere imitieren und inzenieren sich selber vov damals. Alles andere ist offensichtlich.

    Elektronische Musik, ob House oder Techno, ist überall. Alles ist Alles. es wird gerappt und gesungen auf alle beats, genres sind tot. Myspace auch. Dafür geht es soundcloud umso besser.

    Die top 1000 videos sind in Deutschland nicht mehr erreichbar, das tut unserer Musik auch gut. Laptop DJs werden zur kasse gebeten, dass tut unseren Vinyl Djs gut.

    Das was als ElectroClash, New Rave, New French Touch oder was auch immer anfing ist vom Namen her tot, im Geiste sind wir alle Raver. Whoop, whoop.