10 Jahre De:Bug: In Würde Altern
Text: Anton Waldt aus De:Bug 115

Kerstin ist 38 Jahre alt und seit 16 Jahren Raverin mit allem, was dazu gehört. Ihre Tochter Betty ist 18 Jahre alt. Als sie eineinhalb war, starb ihr Vater an einer Überdosis Heroin. Danach zog Kerstin mit Betty nach Berlin, zunächst in ein besetztes Haus. Heute arbeitet Kerstin als Stylistin, Betty macht gerade ein Praktikum in einer Web-Agentur. Zum Interview mit der Rave-Mutter Kerstin: Geht es hier.

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De:Bug: Meine Mama ist Raverin! Würdest du das sagen?

Betty: Eher: Meine Mutter geht viel auf Partys. Sehr viel auf Partys! So weit ich zurückdenken kann. Als ich richtig klein war – also noch vor der Schule -, war ich sehr anhänglich. Wenn ich nachts gemerkt habe, dass meine Mutter nicht da ist, habe ich schon mal das ganze Haus wachgeschrieen. Aber ich war auch nie ganz allein, es war immer jemand da, zum Beispiel unsere Mitbewohnerin, die hat mich dann beruhigt. Und am nächsten Morgen war meine Mutter wieder da. Auch wenn sie dann den ganzen Tag geschlafen hat! ?

De:Bug: Hat dich das jugendliche Verhalten deiner Mutter gestört?

Betty: Als ich klein war, ging mir das schon ziemlich auf den Sack. War aber kein Riesendrama, und irgendwann wurde es zur Gewohnheit.

Umkehrung der klassischen Situation

De:Bug: Und wann hast du mitgekriegt, in was für Szenerien sich Kerstin rumtreibt?

Betty: Ziemlich früh. Richtig dann mit zehn, als sie ihr Handy hatte. Man hört ein bisschen Party und Kerstin schreit, dass sie nicht so gut versteht … Dann kam so was wie: “Ich bin in einer Stunde zu Hause!” Manchmal war sie drei Stunden später trotzdem noch nicht da. Dann hieß es: “Ja, ich habe mich verquatscht.” Das fand ich manchmal blöd. Oder wenn ich sie gar nicht erreicht habe, weil ihr Handy an der Garderobe war. Da habe ich mir schon Sorgen gemacht und bin wach geblieben, bis sie heimkam.?

De:Bug: Eine Umkehrung der klassischen Situation?

Betty: Schon. Ich bin halt lieber zu Hause mit Freunden oder relativ früh wieder da, wenn ich mal unterwegs bin.?

De:Bug: Im Normalfall verbietet die Mutter dem Kind auch mal das Ausgehen?

Betty: So was kann ich bei meiner Mutter ja nicht richtig machen. Und sie hätte sich auch nicht daran gehalten. Also habe ich gesagt: “Melde dich einmal am Tag, damit ich weiß, dass alles in Ordnung ist.”

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De:Bug: Wie hast du realisiert, dass andere Mütter sich nicht so viel auf Partys rumtreiben?

Betty: In der ersten Klasse habe ich Freunden erzählt, wo wir wohnen. Danach haben die Eltern denen verboten, mit mir zu reden: “Deren Mutter ist Hausbesetzerin und am Party machen, ganz schlechter Einfluss!” Das war sehr verletzend. Meine beste Freundin war in der ersten Klasse meine beste Freundin und dann in der fünften wieder. Die durfte ich nur selten besuchen. Sie kam immer zu uns und fand es auch toll, dass meine Mutter nicht so wie ihre ist, lockerer. Und sie fand auch toll, dass Kerstin so viel Party macht. Als ich etwa zehn war, galt sie als richtig, richtig cool unter meinen Freunden: “Nicht so spießig wie meine Mutter!” Da war sie das Vorbild, und das ist heute eigentlich immer noch so.?

De:Bug: Hat man in dem Alter nicht das Bedürfnis normal zu sein?

Betty: Ja, das hatte ich sogar krass. Ich war das richtige Spießerkind: Klauen macht man nicht! Rauchen ist böse! Das und das darf man nicht machen! Wenn du das machst, rede ich nicht mehr mit dir!

De:Bug: Hast du nie gesagt, dass dich das ankotzt, wenn deine Freunde nicht mit dir spielen dürfen? Und dass ihr doch, bitte schön, mal in eine normale Wohnung ziehen sollt und Kerstin aufhört Unsinn zu machen?

Betty: Könnte ich mir gut vorstellen, von mir, aber ich erinnere mich nicht. Als ich in der dritten Klasse war, sind wir dann sowieso umgezogen. Außerdem war ich ein liebes, braves, schüchternes Mädchen, das niemandem etwas tun würde. Wenn die Eltern das gesehen haben, war es okay.

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De:Bug: War das “liebe, brave, schüchterne Mädchen” eine Reaktion auf deine Mutter?

Betty: Schon ein bisschen. Ich habe immer versucht, mehr Regelmäßigkeiten zu haben. In der Schule gehörte ich zuerst trotzdem zu den phantasievolleren Freaks. Später, mit zehn, war ich richtig beliebt. Auf der Oberschule war ich dann zu unscheinbar. Meine Mutter war total freakig und extrem drauf, weshalb ich mich beispielsweise nicht richtig für Musik interessiert habe. Weil meine Mutter so viel mit Partys und Musik zu tun hatte. Genauso Mode und das Partymachen, Alkohol habe ich lange gar nicht getrunken.

De:Bug: War das eine bewusste Reaktion?

Betty: Nicht unbedingt. Wenn Kerstin Klamotten total wichtig waren, war mir das zu übertrieben. Als Mode dann bei meinen Freunden ein Thema wurde, habe ich gesagt: Das kenne ich schon von zu Hause, lass mal stecken. Einzelne Sachen kann ich immer noch nicht sehen: Ich hasse Camouflage! Später auf der Realschule war nach dem Namen die zweite Frage, ob man raucht. Fand ich scheiße, weil ich von kleinauf damit Leben musste, dass wirklich alles zugequalmt war. Davon habe ich auch oft Kopfschmerzen bekommen.

Ein abschreckendes Beispiel

De:Bug: Also war deine Mutter ein abschreckendes Beispiel?

Betty: Ja, auch im Bezug auf Alkohol: Wenn sie mal wieder besoffen von einer Party nach Hause kam und erst mal gekotzt hat. Manchmal richtig schlimm, kotzen und dann nur noch im Bett liegen. Das fand ich ziemlich scheiße. Ich weiß auch gar nicht, wofür man Alkohol trinken muss? Um mehr Spaß zu haben? Und am nächsten Tag fühlt man sich schlecht und kann sich vielleicht nicht einmal erinnern. Wozu eigentlich?

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De:Bug: Aber unter Pubertierenden gilt es doch erst mal als dreckscool zu saufen? Hat dich das zur Außenseiterin gemacht?

Betty: Ja. Wir sind etwas anders, wir finden das uncool. Was ihr cool findet, finden wir uncool, so war das. Und dann diese Abhängigkeit: Meine Mutter sagt immer, dass sie unabhängig sein will. Aber dann raucht sie dauernd und trinkt, da ist sie doch abhängig!

De:Bug: Hast du deine Mutter in der Schule als schlechtes Beispiel gebracht?

Betty: Nee. Dass man das nur macht, weil man Mitläufer ist, so was. Damit hat man schon die meisten Leute zum Nachdenken gebracht. Und meine engsten Freunde haben nie geraucht oder getrunken.

Klassicher Mutter-Sager

De:Bug: Inzwischen trinkst du aber ab und an ein bisschen Alkohol?

Betty: Ja. Ich hatte sogar schon einen Absturz, da hatte ich Liebeskummer und eine Freundin hatte Wein, den ich eigentlich gar nicht mag. Aber eigentlich macht es keinen Spaß. Jedenfalls muss man nicht so viel trinken, dass man nur noch kotzt … Solange es im Rahmen bleibt und es keine Abstürze gibt, ist es noch in Ordnung.

De:Bug: Klassicher Mutter-Sager!

Betty: Ja, super! Kiffen finde ich auch richtig scheiße. Bei einigen Leuten merkt man kaum was, aber andere werden dumpf und lachen nur noch über alles. Traurig. Wenn es bei meinen Freunden vorkommt, kriegen die erst mal eine Moralpredigt zu hören.

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De:Bug: Und deine Mutter?

Betty: Also den Unterschied zu Zigaretten habe ich schon im Kindergartenalter bemerkt, am Geruch und am Gerede – Erwachsene denken ja immer, die Kinder kriegen so was nicht mit! Ich habe sogar Freunde meiner Mutter angesprochen: “Hey, du bist ja wieder bekifft!” Aber meiner Mutter kann ich keine Moralpredigt halten, das würde auch überhaupt nichts bringen. Obwohl es mir auch jetzt noch richtig auf den Sack geht. Wenn Freunde da sind und das herzförmige Schächtelchen mit Kiffe liegt in der Küche. Manche finden das dann auch noch cool.

De:Bug: Andere Drogen?

Betty: Noch schlimmer! Mein Vater hat sich ja eine Überdosis gegeben, das habe ich sehr früh gewusst. Mit 13 wusste ich dann auch, welche Droge es war. Aber das ist eigentlich nicht wichtig. Ich weiß, dass er gestorben ist, ich weiß, dass es eine Droge war, ich weiß, dass das nicht gut war: Das reicht. Sonst hätte ich mir zu viele Sorgen um meine Mutter gemacht: Mein Vater hat Heroin genommen, und sie? Das ist immer noch ein bisschen so. Soll sie machen, was sie will, solange nichts passiert, ist das OK.

De:Bug:Kannst du eigentlich mit elektronischer Musik was anfangen?

Betty: Auch wenn ich eher auf E-Gitarren stehe, finde ich die meisten Sachen von meiner Mutter inzwischen ganz gut. Aber im Kindergartenalter hat mich meine Mutter einmal auf die Loveparade mitgenommen: Ich habe es gehasst und nur geweint!

De:Bug: Du bist erst 18. Vielleicht kommst du noch auf den Geschmack?

Betty: Die ganze Nacht wach bleiben ist OK. Sich mit Freunden unterhalten oder so, aber in Clubs gehen? Habe ich gar nicht das Bedürfnis. Meine Mutter hat genug Party gemacht, dass es für mich und wahrscheinlich auch noch für meine Kinder reicht – wenn ich welche kriegen sollte. Ich gehe lieber auf Konzerte. Und gerade spiele ich mit Freunden “Warhammer”, ein RPG (Role Playing Game). Darüber regt sich dann meine Mutter auf: “Hilfe, mein ist Kind ist ein Trekkie!”

De:Bug: Meinst du, deine Mutter geht mal weniger weg?

Betty: Ich wäre mir da nicht so sicher. Die hat bis jetzt durchgehalten, also bis 38, warum nicht weitermachen? Auch wenn sie sich manchmal komisch fühlt, weil sie zu den Älteren im Club gehört. Jedenfalls finde ich “altersgerechtes Verhalten” doof. Wenn es passt und Spaß macht, soll man das einfach machen – solange sie noch reinkommt!

De:Bug: Hast du dir deine Mutter mal ganz durchschnittlich gewünscht?

Betty: Teilweise hätte ich mir gewünscht, dass sie mehr zu Hause ist. Aber allgemein finde ich meine Mutter toll, so wie sie ist. Auch ein bisschen durchgeknallt. Ich finde bewundernswert, wie sie das alles schafft: exzessiv Party machen, exzessiv arbeiten, zwischendurch den Haushalt und dann dieses Nur-noch-Bett-Liegen. Das ist alles extrem bei ihr.

De:Bug: Bist du dadurch besonders selbstständig geworden?

Betty: Ja. Wenn sie weg ist, beispielsweise zwei Wochen für einen Job, kriege ich den Haushalt ziemlich gut hin, mit dem Geld komme ich auch immer aus. Und bei mir werden auch keine Partys geschmissen!

Zum Interview mit der Rave-Mutter Kerstin: Geht es hier.

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Elektronische Lebensaspekte.