Weit mehr als ein verschrobener Oszillator-Nerd
Text: Thaddeus Hermann

Auf dem Foto von 1967 lacht uns Raymond Scott entgegen. Scott hat jeden einzelnen verdammten Schaltkreis in seinem Studio selbst entworfen, gebaut und gelötet. Er ist ein Pionier der elektronischen Musik. Nicht ein Pionier, nein: der Pionier.

“Circle Machine”
Bevor der passionierte Erfinder und Gadget-Liebhaber die Elektronik für sich entdeckte, krempelte er mit seinem ”Quinttete“ die US-amerikanische Big-Band-Szene um, war Musik-Chef bei CBS und mimte den Dirigenten bei der Lucky Strike Hitparade im TV bei NBC. Der an der Juilliard School in New York ausgebildete Scott weigerte sich strikt, Musik zu notieren. Er jammte lieber mit seiner Band und nutze den Moment, den Vibe des Studios und archivierte jede Sekunde auf Tonband.

Vielleicht verwendete Warner Bros. deshalb seine Songs bevorzugt für legendäre Cartoon-Serien wie Bugs Bunny und Looney Tunes. Als ihm all dies zu langweilig wurde, wandte er sich den Schaltkreisen zu. Er baute Synthesizer, lange bevor Moog wusste, was ein Oszillator war. Er erfand den polyphonen Sequenzer, ein Theremin mit Klaviatur und obskure Musikmaschinen mit phänomenalen Namen wie ”Circle Machine“. Oder das ”Electronium”, das seinen Traum verwirklichen sollte, für die Komposition und das Spielen von Musik überhaupt keine Menschen mehr zu benötigen.

Genie mit Visionen
Diese Idee fand Berry Gordy von Motown so gut, dass er ihn kurzerhand einstellte und in Los Angeles zum Studio-Chef machte. Der Rauswurf ließ nicht lange aus sich warten. Denn obwohl die Ideen und Konzepte von Raymond Scott viele heutige Standards vorausnahmen, gelang es ihm nicht, seine Visionen angemessen zu vermarkten. So bleiben uns heute nur ein paar wenige Editionen von Scotts Musik als Beweis für seinen Genius. ”Soothing Sounds For Babys“, eine LP-Reihe, mit der Scott Ambient vorwegnahm, oder aber skurrile Werbe- und Image-Filme für die Industrie.

Coca-Cola, Wrigley‘s, GM, Ford, IBM und das längst vergessene Rüstungs-Unternehmen Bendix (bester Claim aller Zeiten: The Tomorrow People) nutzten Scotts radikale Absage an Schmuse-Sounds für ihr blitzeblankes Futurismus-Image. Raymond Scott starb 1994, verarmt und von zahlreichen Schlaganfällen gezeichnet, heute steht das einzige – aktuell nicht funktionierende Electronium – bei Devo in Los Angeles.

Scotts Sohn, Stan Warnow, hat jetzt einen sehr persönlichen Dokumentarfilm über seinen Vater vorgelegt, “Deconstructing Dad” wird im Januar beim Club Transmediale in Berlin erstmalig in Deutschland zu sehen sein, wahrscheinlich von Warnow persönlich präsentiert. Der Film stellt Scotts Schaffen erstmalig als Gesamtkunstwerk in all seinen Facetten dar und macht damit klar, dass Scott weitaus mehr war als ein verschrobener Oszillator-Nerd, der sich mit Werbespots über Wasser hielt. Eben ein verkanntes Genie.

Deconstructing Dad. The Music, Machines And Mystery Of Raymond Scott ist als DVD im Eigenverlag erschienen.

http://www.scottdoc.com
http://www.raymondscott.com
http://www.clubtransmediale.de

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