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Text: mercedes bunz/sascha kösch aus De:Bug 30

DEBUG Thema Spezial: The Revolution must be digitalized Die neuen Tricks des R&B Mercedes Bunz/Sascha Kösch bug@de-bug.de Ok. Ihr müsst uns für komplett bescheuert halten. Einen ganzen Haufen formationstanzender Mädchen, die so offensichtlich das Produkt eines casting-idelogieverwirrten Hirns sind, als hippste technologische Variante des maroden Popbusiness verkaufen zu wollen, muss, zugegeben, erst mal erklärt werden. Aber heutzutage muss man eins begriffen haben: Die Entertainmentindustrie ist nicht nur gross, sondern nach wie vor ein Modell für neue Gesellschaftsstrukturen und Märkte. Und da ist jeder Effekt ein Hinweis auf das, was kommen mag. Eine kleine Revolution in R&B kann da Weichen stellen. Denn: Industrie verkauft Produkte am liebsten über ein ausgeklügeltes Wechselspiel von Differenz (neue Produktlinien, Innovation, Subjektivierung, Worte) und Wiederholung (Massenmedien, Genres, Formate, Zahlen). Am R&B, ihr habt euch das schon gedacht, interessiert uns ein neues Modell von Formaten, Musik, Business. Eins, das an den Grenzen von Kino, Games und Musik arbeitet wie kaum ein anderes sonst. Ein neuer R’n’B Track ist trotz Latingitarre nicht einfach ein Stück verhasster oder geliebter Musik, sondern ein Element, das Technik noch einmal neu und anders aussehen lässt. Kodwo Eshun, der Theoriespotter aus London, hat es natürlich sofort gemerkt: Es ist eine warme, freundliche Technik, die nicht mehr als Feind, sondern als Begleitung und Spielwiese angesehen wird. R&B verlässt das Rockverhältnis: Die authentische Stimme regiert nicht mehr über der Musik, simuliert keine Vorherrschaft des Menschen über die Technik mehr. Singen/Rappen fügt sich – etwa bei Destiny’s Child – als Sound gleichberechtigt zwischen die gebrochenen Beats. Deshalb: Innovation 1: Filter. Sie sind das neue Spielzeug für R&B-Producer. Es ist nicht mehr die Stimme, die wiedererkennbar wird, sondern der Filter, den ein Act benutzt: Missy Elliott beispielsweise hinterlässt ihre wiedererkennbare, audio-digitale Telefonhöhrer “Whee-haw”-Signatur auf ihren Produktionen und Kooperationen. This Filter is Missy. Dem folgt einher: Innovation 2: Der gebrochene Beat, der sich der singenden Soundquelle gleichberechtigt gegenüber stellt und sie herausfordert. Durchgesetzt von den Produzenten Timbaland und Missy Elliott. Auf einmal mit Mel B von den Spice Girls weltweit in der Hitparade. Und plötzlich mochte diesem Format keiner mehr vorwerfen, was denselben Beat ala Photek im Drum and Bass immer begleitet hatte: Verkopft, kickt nicht. Und dann findet diese Musik mit Regisseur Hype Williams auch noch jemanden, der das neue Verhältnis zu Technik visualisiert und – Innovation 3 – die Tricks der Werbefilmer neu und anders in die Videos einbaut. Es geht nicht mehr darum, mit digitalen Effekten Realität zu simulieren und eindringlicher zu machen (“Der Moment gehört dir.”), sondern darum, die gefilmte Realität der Musik anzupassen. Musik als der zentrale Richtwert: Der digitale Effekt der Musik doppelt sich im digitalen Effekt des Videos. Von nun an wird neu und viel genauer als jemals zuvor auf die Musik geschnitten. Was noch kommen wird, ist Innovation 4: Die CD, das geliebte alte Profitmedium Nr.1 der Musikindustrie, bekommt von R’n’B Videos der neuen Generation eine Oberfläche, der sie einfach nicht gewachsen ist. DVD, die Kombination von Musik und Bild, muss her, denn sonst blieben sämtliche Schnittstellen, die so ein Video bietet, unbenutzt. Und das ist etwas, was man mit Schnittstellen heutzutage einfach nicht mehr macht. (De:Bug Berufsvorschlag mit Zukunft: Schnittstellensniffer!). Die an der Trackstruktur orientierten, zerhackten Bewegungen der Interpreten (die einige Realitätsideologen zur Vermutung denaturierter Körper oder ähnlichem Schwachsinn verleitet haben – aber wie wir alle wissen: Kultur ist kein Spiegel der Gesellschaft, sondern ein Teil von ihr) liefern ideale Angriffspunkte für Interaktion, machen ein R’n’B Video zugänglich für eine Gameversion, die an “Realitäts”-Effekten dem “Orginalformat” Game in nichts nachsteht. Sie machen die Oberfläche eines Videos spielbar, aber auch clickbar. Neugierig geworden, hat sich DEBUG & Freunde auf Recherchetour begeben und traf das Image von Missy Elliott, schnüffelte im Studio nach dem gebrochenen Beat von Timbaland, untersuchte die Video-Innovationen von Hype Williams, beobachtete in England R&B und Two Step, guckte auf die Garderobe von Foxy Brown und begleitete R.Kelly auf den Weg zum Basketballtraining.

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Elektronische Lebensaspekte.