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Text: harald peters aus De:Bug 30

Hiphop/r&b Neulich auf dem Weg zum Training R. Kelly Langsam schreitet Robert Kelly die Treppe seines Anwesens herab, er trägt einen weissen Anzug zu mandelfarbenen Schuhen, kostbarer Schmuck glitzert an seinen Fingern. Die Empfangshalle seiner 24-Zimmer-Villa (5 Schlafzimmer, 6 Bäder) ist lichtdurchflutet, wie immer bei gutem Wetter sind die Türen zur Terrasse weit geöffnet. Sacht lässt der Wind die bodenlangen Vorhänge ins Haus wehen. Die Stimmung ist ruhig, es ist warm. Robert ist heute spät dran, er hat nachgedacht. Welche Frau soll ich heute ausführen? Soll ich einen Pelz tragen, obwohl es Sommer ist? Wieviel Geld geht auf eine Kreditkarte? Noch immer durchkreisen die Fragen seinen Kopf. Er nimmt seinen diamantbesetzten Gehstock aus dem Garderobenständer, bewegt sich auf seine Limousine zu und summt seinen Hit: “Did you ever think you would be this rich?” Draussen wartet schon der Fahrer, Robert steigt in den Wagen, während der Fahrt zum Training schlendert er gedankenverloren durch die Strassen seiner VergangenheitÉ Chicago, eine Kreuzung im Wind, ein Junge ohne Vater auf einem klapperigen Rad, ein Basketballfeld. Wie Schnappschüsse blitzen die Erinnerungen auf. Als Kind war Robert so arm, dass er sich nicht einmal einen richtigen Namen leisten konnte. Man rief ihn einfach R., daheim übte er auf einem gebrauchten Keyboard, später sang er für Geld mit Freunden an Strassenecken. Wahrscheinlich war das der Anfang. 1992 dann die erste Platte für Jive. “Born Into The 90s”. Die Idee, R & B mit HipHop zu versetzen, war damals noch relativ neu. Eine schöne Idee, denkt sich Robert, auch wenn da damals noch jede Menge Swingbeat drin war. Er nimmt einen grossen Schluck Evian. Mit “12 Play” 1994 schliesslich der Durchbruch. Plötzlich riefen sie alle an, Michael, Janet, Luther Vandross, Mary J. Blige und Biggie Smalls. Michael mit meinem “You’re Not Alone” auf Platz eins, mein “Bump’n’Grind” in den Top Ten, Schlagzeilen über eine angebliche Heirat mit der deutlich minderjährigen Aaliyah in den Zeitungen. Zufrieden lehnt Robert sich zurück, der Wagen lehnt sich in die Kurve. Doch woher dieser Erfolg? Warum ist R & B plötzlich so gross wie niemals zuvor? Mariah Carey ist die erfolgreichste Künstlerin der 90er Jahre, Whitney Houston hat die beste Platte ihrer gesamten Karriere veröffentlicht, alle kopieren die Beats von Timbaland und Missy Elliott, dank Lauryn Hill klingt so manches nach Stevie Wonder, Mary J. Blige covert Aretha Franklin, die Videos unzähliger Girlgroups, von denen Total, TLC, Destiny’s Child, 702, SWV und En Vogue nur die Spitze bilden, bestreiten das Hauptprogramm von MTV. Schnell schiessen ihm die Gedanken durch den Kopf. R & B ist der Mainstream dieser Tage; die Genre-Varianten HipHop-Soul, Neo-Soul sowie die Timbaland-Schiene sind keine relevanten Unterscheidungen; alle machen alles; Mariah spannt den Bogen von Phil Collins über Missy bis zu Master P; ich habe ein Duet mit Nas und Celine Dion und Mary im Programm; R & B handelt von Luxus; R & B handelt von der wahren Liebe; R & B handelt von dem Wunsch nach einem besseren Leben; R & B handelt davon, an den Verhältnissen zu scheitern; R & B ist ein Starsystem; um glaubwürdig mitspielen zu können, braucht der R & B-Darsteller eine ordentliche Fallhöhe und das Publikum die Perspektive eines möglichen Absturzes. Plötzlich wird es Robert kalt. Er schaut auf seine Uhr, der Wagen wird langsamer, im Radio läuft “I Believe I Can Fly”. Der Fahrer sagt: Wir sind da. Robert steigt aus, nimmt seine Sporttasche entgegen und verschwindet in der Halle. Robert ist Basketball-Profi, in zwei Tagen hat seine Mannschaft ein Spiel.

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Elektronische Lebensaspekte.