Interview mit den Streaming-Startuppern
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 160

Seit Januar in Deutschland verfügbar, gehört Rdio hierzulande zu den ganz Neuen auf dem Cloud-Musik-Markt. Die Macher hinter dem Streaming-Dienst sind jedoch keine Unbekannten: Niklas Zennström und Janus Friis gründeten zuerst Kazaa und dann Skype. De:Bug sprach zum Deutschland-Start von Rdio mit COO Carter Adamson über Perspektiven des Musik-Streamings, die Intentionen von Rdio und die mögliche Zukunft der digitalen Musiklandschaft.

Debug: Glaubst du, ein Abo-Modell kann – über kurz oder lang – das bislang gültige Kaufmodell für Musik ablösen?

Carter Adamson: Ich hoffe es. Musik wirklich zu kaufen, können sich gar nicht so viele Leute leisten. Um einen iPod mit legalen Downloads zu füllen, ist man schon zehntausende von Euro los. Ökonomisch macht es einfach keinen Sinn.

Debug: Aber Geschichten à la “Arm, weil zu viele Platten gekauft” hört man doch eher selten.

Carter Adamson: Geschichtlich ist die Industrie immer der Entwicklung der Abspielgeräte gefolgt. Vinyl, CDs, MP3s. Jetzt stehen wir erstmals vor der Situation, dass jedes Gerät, das mit dem Internet redet, eigentlich auch Musik abspielen kann. Es macht also nicht mehr unbedingt einen logischen Sinn, eine massive Bibliothek von Musik anzuhäufen, die viel Platz beansprucht und an spezielle Geräte gebunden ist. Egal ob es Musik, Videos, Fernsehsendungen oder Ähnliches betrifft. Natürlich braucht man auch Mechanismen, um bestimmte Dinge für immer zu sichern, falls man offline ist.

Debug: Wie siehst du die Perspektive der weiteren Entwicklung von Rdio?

Carter Adamson: Wir haben das Problem der verschiedenen Geräte erstmal gelöst. Aber die Landschaft verändert sich ja dramatisch und man muss jedes halbe Jahr wieder nachlegen. Dem werden wir natürlich immer eine Priorität geben. Das Entdecken neuer Musik bei Rdio funktioniert – wie ich finde – schon fantastisch. Aber gerade da gibt es noch einiges zu tun. Wie kann man beispielsweise User mit relevanter Musik finden, wie ihnen am besten folgen, wie kann man diese Beziehungen ausbauen, bereichern? Natürlich spezialisieren wir uns auch weiterhin darauf, die Beziehung zwischen Künstler und Hörer noch gehaltvoller zu machen. Fans wollen sich ja auch als etwas Spezielles fühlen und mehr von einem Künstler haben, als nur seine Musik. Und die Künstler selbst wollen noch genauer wissen, wer ihre Fans sind. Das kann man noch stark ausweiten. Die Globalität ist natürlich aufregend, nicht nur was den Katalog von Musik betrifft, sondern auch die Möglichkeit, zu sehen, was zum Beispiel Menschen in Berlin zu einer bestimmten Zeit tatsächlich am meisten hören. Das war bislang so nicht möglich.

Debug: Viele Künstler sind gegenüber Cloud-Musik und Streamingservices eher skeptisch eingestellt. Wie geht ihr mit diesem Problem um?

Carter Adamson: Allem, was neu ist, begegnet man erst mal mit einer gewissen Skepsis. Künstler haben da einfach eine ganz aufrichtige, klare Einstellung. Es hängt natürlich auch immer von ihrer Beziehung zum Label ab, denn das sind ja die Leute, mit denen wir primär verhandeln. Wir zahlen natürlich für jeden einzelnen Track, der gestreamt wird. Was mit dem Geld danach passiert, ist für uns nicht einsehbar. Die Evolution all dieser Business-Modelle ist nach wie vor in ständiger Bewegung.

Debug: Wie viele Anbieter im Feld rings um Rdio hältst du für in Zukunft überlebensfähig?

Carter Adamson: Innerhalb der nächsten vier bis sechs Jahre werden wohl nur eine Hand voll übrig bleiben. Drei? Fünf? Schwer zu sagen. Wir kommen ja jetzt erst an den Wendepunkt dieser Entwicklung. Dafür mussten diverse Bedingungen zusammenkommen: die netzfähigen Geräte, eine Veränderung der generellen Einstellung zu solchen Diensten, die Möglichkeiten der Lizenzierung, ein überzeugender Preis und die Einfachheit der Bedienung. An diesem Punkt sind wir jetzt erst angekommen – das Rennen hat gerade begonnen.

Debug: Wird Rdio schon gezwungenermaßen andere Bereiche als nur Musik abdecken müssen, auch um gegenüber breiter aufgestellten Cloudservices in Zukunft bestehen zu können? Musik, Videos, Bücher lassen sich ja problemlos in einer App bündeln.

Carter Adamson: Absolut. Janus arbeitet ja auch schon an Vdio. Es dürfte klar sein, worum es da gehen wird.

Debug: Wie lange wird es deiner Einschätzung nach dauern, bis die großen anderen drei Player in der Cloud – Amazon, Apple und Google – in dieses Modell einsteigen werden?

Carter Adamson: Wer weiß das schon? Alles ändert sich so schnell. Das könnte morgen schon sein oder erst in drei Jahren. Es wird schon eine Konsolidierung geben. Aber das Ziel von Janus und Niklas ist nicht, eine Firma wie Rdio zu entwickeln, nur um sie schnell zu verkaufen. Sie brauchen das Geld schlicht und einfach nicht mehr, sie haben vielmehr ein intellektuelles Interesse daran. Sie lieben Musik – und schwere Aufgaben. Etwas, von dem Leute sagen, dass es nicht machbar ist. Sie hatten ja vorher mit Kazaa auch schon mit Musik zu tun und kennen die Probleme auf diesem Sektor gut, auch die vielen Schiffbrüche, die es in den letzten zehn Jahren gegeben hat.

http://www.rdio.com

Foto & Konzeption: Rachel de Joode
Assistentin: Anna Massignan

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