Nach unserem Ravegiganten-Special aus Debug 98 noch ein musikalischer Feind alter Tage. Mit dem Label Le Petit Prince und dem Act Marc Et Claude hatte Marc Romboy massiv an der Trance-Fratze mitgeschnitzt. Jetzt ist er geläutert und wir sind nicht nachtragend.
Text: Fabian Dietrich aus De:Bug 101


Trance-Gott im zweiten Frühling

In seinem ersten Leben in den neunziger Jahren war Marc Romboy nicht nur Strippenzieher hinter vielen Labels, sondern nebenbei auch äußerst erfolgreich mit Trance. Mit seinem Projekt Marc et Claude erlebte er aber auch die Degeneration dieser Musik aus der ersten Reihe. Nun ist er wiedergeboren – als eine Breakdance-infizierte Boogie-Maschine.

Bei Marc et Claude muss ich immer an diese seltsame Zeit während meines Zivildienstes denken, als ich irrtümlicherweise für zwei Wochen in Augsburg einkaserniert war. Tagsüber redeten wir über faulende Menschen, Harnröhren und Techniken der manuellen Darmentleerung, abends machte sich der einzig erträgliche Mensch dort mit mir gemeinsam auf die Suche nach dem Nachtleben der Stadt. Bei einem dieser Ausflüge landeten wir eines Tages in einem schlauchartigen, holzbeschlagenen Nachtclub im Zentrum Augsburgs. Es war nach eins und wir waren die einzigen Gäste. Das bisschen Licht war rot, und aus den Boxen tönte ein lauter Sound, mit dem ich mich so direkt noch nie zuvor hatte konfrontieren lassen: quengelnder Frauengesang, pochende Bassdrums, stumpfeste Arpeggios und Melodien: Oktave hoch, Oktave runter. Warum wir beiden dann tanzten und wie lange, weiß ich gar nicht mehr, der DJ freute sich jedenfalls sichtlich darüber. Einmal zwinkerte er uns dann ganz besonders heftig zu, woraufhin die Bassdrum plötzlich erstarb. Eine Fläche wie das Surren eines Triebwerkes fuhr herauf, ein furchtbares E-Piano setzte pathetisch ein und es ertönte ein plärrendes Vocal: “Loooving youuuu is more than just a dreeeam come truuuuue.” Vor uns wedelte jemand mit einer Plattenhülle: Es war “Loving You” von Marc et Claude. Wir sahen uns an, lachten und ruderten wüst mit den Armen. Als die Trommeln zu wirbeln begannen, fielen uns von der Decke her die ersten Flocken klebrigen Badeschaums auf die Körper.

Die totale innere Explosion

Und Schnitt. Der Marc Romboy von 2006 hat Trance und Marc et Claude längst hinter sich gelassen. Auch le Petit Prince, sein Label von damals, ist Geschichte. Romboy: “Das war eine Sache, die Mitte der Neunziger großen Spaß gemacht hat und die auch irgendwo seinen Sinn gehabt hat. Trance ist dann leider so in den kommerziellen Ausbeutungsbereich hineingekommen ist, dass ich darauf auch irgendwann keine Lust mehr hatte. Es ist eine Phase gekommen, wo bei mir eine totale innere Explosion passiert ist, wo ich das alles auf einmal nicht mehr ertragen konnte. Persönlich wie musikalisch steckte ich in einer Krise und alles langweilte mich.” Nach der Midlife Crisis folgte die persönliche Neudefinition. Vor allem das Neuentdecken der Musik von damals, Breakdance-Sound und Chicago House, gab Marc Romboy wieder Lust aufs Produzieren. Nach einem Aufenthalt im Berliner Studio von Booka Shade veröffentlichten diese gemeinsam mit Marc Romboy die erste Platte auf Romboys neuem Label Systematic. “Systematic war für mich ein Neustart. Das ist in etwa so wie wenn dein Powerbook hängen bleibt, weil zu viele Programme gleichzeitig geöffnet sind und du es anschließend wieder hochfährst. Oder gleich ein neues Betriebssystem draufspielst.” Auf Systematic erscheint nun nach John Dahlbäcks Debütalbum “Man from the Fall” auch Romboys erstes Album unter eigenem Namen, “Gemini”. Bei Romboy 2006 geht es nicht mehr um witzige Trommelwirbel und blöd brummende Melodien, sondern um elektroide Retro-Disco zwischen “Rocker”, Deep House und Spätbreakdance à la Get Physical. Das Pathos von früher ist fast gezähmt, es bricht nur stellenweise noch durch. Sampling ist das neue Ding: “Ich habe einen Monat lang zu Hause mit meinen Plattenspielern Sample-Orgien gemacht. Es ist spannend, wenn man wirklich nur ganz kleine Fetzen verwendet, keine Grooves oder Vocal-Passagen, sondern nur Fetzen aus alten Stücken und die dann collagenhaft zusammenbaut. So dass man es fast nicht raushört.” Außer den original Ersatzteilen aus den Achtzigern ist ein wesentliches Merkmal von “Gemini”, dass auf vielen der Tracks mit Vocals gearbeitet wurde. Neben Blake Baxter und Tommie Sunshine gelang es Marc Romboy, einen säuselnden House-Veteranen aus Chicago zu rekrutieren: “Mir war es wichtig, Tracks mit Vocals zu haben. Tracks, die beseelt sind. Wo eine warme, echte, humane Stimme drinnen ist. Und der erste auf meiner Liste war ganz klar: Robert Owens.” Stilistisch ist Marc Romboy der Bruch mit dem Trance der Neunziger mit diesem Album zweifelsohne gelungen, auf seiner Webseite wird er nun als “teutonic boogie machine” apostrophiert. Bleibt die Frage, wie sich das anfühlt, das neue Leben mit dem Boogie nach der Melodie? Dazu Marc Romboys optimistisches Post-Krisen-Fazit: “Ich weiß heute, nachdem ich diese zweite Periode gestartet habe in meinem Leben, dass es letztlich die Kleinigkeiten sind, die einem das Leben freudig und lebenswert machen.” Wohl war. Die eine Nacht mit Trance, Marc Romboy und dem Badeschaum hat mich ja schließlich auch über zwei unselige Wochen Katheterlegen in Augsburg hinweggerettet.

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Elektronische Lebensaspekte.