Der Pariser Jean-Philippe Verdin erinnert sich nach seinem housigen Erstwerk an die Weisheit, dass Klassiker nur wegen guter Melodien Klassiker sind. Also baut er ein Varieté-Paris auf, das viel mehr Schwung hat als alle Pariser in ihren weißen Chucks zusammen.
Text: Timo Feldhaus aus De:Bug 97

Das Grau der Bretagne

Auch kleinere Musiker haben in Paris freundliche und schicke Manager, die alles arrangieren, einen begrüßen, vorstellen, die Getränke herbeiholen und gleich auch bezahlen. Das Café, in dem das Treffen mit Readymade FC von Vincent dem Manager arrangiert wurde, liegt unweit der Bastille, dem Viertel von Paris, das in Berlin Mitte heißt. Außerdem liegt es gerade neben der alten Cinematheque Francaise, die auch Mittelpunkt des Films “Die Träumer“ von Bernardo Bertolucci ist, eine Hommage an das Kino der Nouvelle Vague. Der Film spielt mit dieser bestimmten Stimmung, aus der heraus so viele Filme von Godard und Truffaut entstanden sind, zitiert bewusst und will erinnern. Auch das Album ”Babilonia“ von Jean-Philippe Verdin aka Readymade FC ist voll Andeutungen und kleiner Referenzen an ein gutes alten Paris, ein bisschen auch an eine gute alte Zeit. Es klingt aber nie altmodisch. Die Zitate bleiben nicht für sich oder werden als French-Pop-Attitüde zu bloß stylischem Pappmaché und als schmierig-softe Hülle verbraten. Singer-Songwriting ist ganz fein mit Varieté-Elektronik verbunden, die so angenehm seicht wie melancholisch klingt.

Paris findet Verdin langweilig. Das scheint ja für alle Pariser zu gelten, zuerst erzählen sie immer, dass sie nach Berlin ziehen wollen, dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Aber die Leute auf den Straßen sehen in Paris doch so voller Energie aus. “Hmm, aber schau in unsere Gesichter, wir sind alle verdammt müde. In dieser Stadt geht es nur um Geld und ich bin auch müde, weil ich gestern total besoffen war.“ Startschuss, das war’s und los geht’s, ich lasse den Zettel mit den lang ausgefeilten Fragen schon bald vom Kellner abräumen, weil Verdin beginnt zu erzählen: Von Paris in den 80ern, als hier noch etwas passierte, und wie jetzt alle Läden um 2 Uhr schließen und die Stadt zu einem Rom-ähnlichen Museum für japanische Touristen geworden ist; von seinem aristokratischen Großvater, der ihn immer mit zum Angeln nahm, obwohl er sich aus Fischen nichts machte, der alte Herr war eben eine Instanz im Erklären von Frauen und der Welt; und von den Aufnahmen zu Babilonia, die in einem verschneiten Studio auf einer Burg in einem Vorort von Paris passierten.

Der Blödheit trotzen

Sein neues, zweites Album klingt manchmal so naiv wie Kindergesang und manchmal sind die Lieder von ausgefeilter und weltenschwerer Sehnsucht geflutet. “Wenn ich meine Musik einer Farbpalette zuordnen sollte, würde ich Grau wählen, wie die Bretagne, aus der ich stamme, der Mensch ist in seiner Stimmung nicht eindeutig, eher unbestimmt und verwischt.“ Man kann ihm gut zuhören, genau wie der Platte, die er gemacht hat, es erzählt jemand und das ist schön. Aber Verdin gibt die Sängerrolle gerne auch ab. An die Ex-“Japan“-Legende David Sylvian z.B. oder an die allerliebste Feist, die natürlich auch in Paris lebt. Jedoch sind es nicht bloß die unterschiedlichen Stimmen, die auf Babilonia so unbeschwert und traurig dahersingen. Man brauch mit Verdin nicht über Dandytum oder so was mit Chic zu reden, das klärt sich alles von alleine, hört man in seiner Musik, in dem, was er wie mit welcher Geste sagt. Er komponiert und produziert das bald erscheinende Album von Dani, die als Schauspielerin für Truffaut ”das Model“ in den 70ern war und natürlich genau wie ihre Freundinnen Francoise Hardy und Jane Birkin mit Serge Gainsbourg aufgenommen hat. Er schwelgt nicht dröge in Erinnerungen, diese ganzen Geschichten machen einen Teil von ihm aus, der immer noch Bestand hat. Für Verdin sind Details wichtig, aus Nuancen Musik zu machen; und er lacht wie ein wissender Märchenonkel, erzählt von seinem bald geborenen dritten Kind und wie er die Musik für eine Modenschau von Dior Homme macht.

Natürlich gibt er den sensiblen Slacker, das hat immer so einen pathetischen Hauch von gebrochenem Besserwissen, trotzen der Blödheit heutiger Zeiten. Aber musikalisch umgeht er das sehr schön, indem die Lieder oft ganz naiv und minimal gehalten sind. Verdin macht eben keine archivierte Musik, sein erstes Album war House, diese Zeit der Technobewegung war für ihn wichtig, prägend und auch die Tracks auf Babilonia sind halt frisch, oder besser noch, zeitlos. “Vielleicht liegt es daran, dass ich alt werde, aber ich wollte wieder Melodien machen, am Ende des Tages sind es trotz aller Arrangements eben die Melodien, die übrig bleiben. Klassiker sind deshalb klassisch, weil ihre Melodie gut ist.“
Die Einflüsse sind da ganz verschieden, gar nicht unbedingt französisch, und der Gesang immer in Englisch. Es ist eine Menge Nostalgie in vielen Klängen dieses Albums, das völlig ohne Bass aufgenommen ist, aber es bleibt nie dabei. “Ich habe viel Musik aus den 20er Jahren gehört, Kurt Weill z.B., und mir ein Grammophon gekauft und Schallplatten, die darauf mit 78 UpM abgespielt werden, ich wollte unbedingt Fanfaren im Album haben.“ Das klingt dann auch ruhig mal nach minimaler Oper, Varieté und Zirkuszelt und vermischt sich halt mit meschuggem Chanson, um dann wieder britisch und elektronisch verklärte Popmusik zu sein, obwohl, das ist es eigentlich bei jedem Ton: Pop.

Man kann viel durch Paris laufen, um so ein Klischee der französischen Lebensart unter westeuropäischem Konsumdreck zu finden, natürlich ist das Unsinn. Das, was Boheme mal war, ist hier wie überall ganz verdreht. Und wenn man nach Geschäftsschluss den Boulevard Saint Germain hinunterschlurft und die schicken Pariser sich mit glasigen Augen im Pradaschaufenster spiegeln, haben sie alle weiße Chucks an den Füßen und man versteht wahrscheinlich genauso wenig wie sie selbst, was sie bedeuten. Sieht aber toll aus. Welcher Depp sucht den Glamour denn im sauteuren Jules-Verne-Restaurant auf dem Eiffelturm oder in der ersten Reihe vorm Catwalk der Fashion Week? Im Maxim’s liegt das Koks auf dem Tresen und neben einem bestellt Naomi Campbell faden Champagner, erzählt man sich hier in miesen Kneipen und freut sich, dass man da nicht hin muss oder zum Glück jetzt wenigstens weg ist. Bei Babilonia scheint manchmal durch, dass das ganze Ding eben mehr so ein Gefühl ist, was nebenherläuft und plötzlich und immer da ist. Die Pariser sollten öfter in ihr Palais de Tokyo gehen, das so ungefähr das absoluteste Gegenteil von altbacken ist und wo die neu erschienene Modeselektor in diesem Kunsthaus läuft, das es in Berlin noch lange nicht gibt; und die Cinematique Francais steht jetzt zwar woanders, aber sie ist eben noch da.

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Elektronische Lebensaspekte.

Jean Philippe Verdin schubst als "Readymade" in gezielter Unentschlossenheit Laurent Garniers Label "F-Comm" wieder ganz nach vorne an die elektronische Auseinandersetzungsfront. Die Liebe zu Gustav Mahler macht es möglich.
Text: oke göttlich | oke@nonplace.de aus De:Bug 50

Der persönliche Frustrationsregler
Readymade

Jean-Philippe Verdin findet als “Readymade” mit seinem Debutalbum “Bold” endlich Zugang zu einer Musik, die ihm, nach langem Produzentendasein für Pop-Projekte, nicht mehr unangenehm ist. Auf welcher musikalischen Grundlage dies funktioniert, ist ihm zwar selber nicht ganz klar, aber gerade aus dieser Unsicherheit heraus bietet Bold ein ungewöhnliches, weil uneingeschränktes Statement zu Herangehensweisen innerhalb des stilfundamentalistischen Prinzips elektronischer Musik.

“Ich kann nicht erklären, was man da hört. Es sind eigene Entwürfe, die einfach Bold sein müssen”, sagt Verdin und meint etwas, das im HipHop immer als fett bezeichnet wird. Fett ist fett und bleibt als unhinterfragbare Beschreibung eines persönlichen Entwurfs unangreifbar. Natürlich ist die künstlerische Arbeit ein ewiges Unterstreichen, Markieren, Fetten oder Verdichten der musikalischen Produktionsprozesse. Zwangsläufig fett im eigenen Kosmos also. Dass der eigene Kosmos wiederum eng durch die jeweilige Szene definiert ist, in der man durch das veröffentlichende Label, befreundete Künstler und bereits vorhandene Entwürfe sozialisiert und begrenzt wird, ist für viele Produzenten eine Hürde, die nicht wirklich überquert wird. Bei Readymade und Bold könnte man voreingenommen davon ausgehen, das F Comm, Laurent Garnier und der Stil, der den Ort Paris in einer unbestimmten Weise kennzeichnet, die Versatzstücke sind, die bei Verdin zusammenfließen. Doch was ist dieser Stil eigentlich genau? Paris ist seit je her Schwämme für aktuelle, aber woanders sozialisierte elektronische Musik, die durch eine gehörige Portion französischer Unbedarftheit an eigenem Charme gewonnen und Paris (als Stadtstaat) zu einem wichtigen Schmelztiegel elektronisch produzierter Musik gemacht hat. Detroit, Chicago, London, Köln und Berlin sind musikalisch längst angekommen und dort immer eine Spur zugänglicher für Außenstehende interpretiert und produziert worden.
Es scheint daher zunächst schwierig, Besonderheiten an Bold festzustellen, die abseits der gängigen Standards liegen. Die offensichtliche Unentschlossenheit Verdins allerdings, keine Vorliebe für bestimmte Stile auszuleben, sondern zwischen den Genres HipHop, 2 Step, House und Elektronika zu wechseln, zu interpretieren und umzuformulieren, verheddert sich sehr selten in dem Netz, bereits vorgearbeitete Muster allgemeinverständlich zu übersetzen. Readymade hat die spezifischen Kanten der einzelnen Stile mit aufgenommen und schafft so eine der wenigen authentischen Platten auf F Comm, die ihren Charme erst durch eine unsichere Beliebigkeit gewinnt. Verdin stellt eine Art persönlicher Compilation zusammen, die sich nach ihm mit dem Begriff “Pop moderne” zusammenfassen ließe. Er schätzt die Freiheit elektronischer Musik, die es ihm ermöglicht, zwischen Herbert, Mr.Oizo, Big Dada und vor allem Isolée und dem Großsound Berlin mit all seinen Schülervertretern hin- und herzuswitchen.

J’aime les Boches

Deutschland mit Schwerpunkt Berlin inspiriert Verdin dabei besonders. Plötzlich sprudelt es aus dem zurückhaltenden Menschen hervor. “Ich habe nur auf Journalisten aus Deutschland gewartet. Ich schätze Deutschland sehr. Gustav Mahler, Max Ernst und eure Kultur überhaupt finde ich sehr interessant. Immer wenn ich durch Berlin gehe, sauge ich die Atmosphäre in mich auf,” erklärt er, traut sich aber nicht, seine guten Deutschkenntnisse zu präsentieren. Auch ein Zeichen seiner Unentschlossenheit.
Da gibt er sich dann wieder in seiner charmanten Unsicherheit, die ihn wie seine Musik als zeitgenössisches Phänomen des Unentschiedenen darstellt. “Diese Art habe ich absolut von meinen Eltern”, sagt Verdin und erzählt von seiner Jugend als Sohn einer Pianistin und eines Jazzkritikers. Das Gespräch wechselt ebenso schnell wie die Themen auf seinem Album. “Bold” verändert sein Gesicht von Track zu Song umgekehrt, hin zu ruhigen Soundscapes und zurück zu geraden Clubnummern. “Mein persönlicher Frustrationsregler eben”, konstatiert Verdin diesmal ganz entschieden.

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