Was lange währt, wird endlich gut. Drei Monate nach Fertigstellung der neuen Reaktor-Version für Windows kommen nun auch Mac-User in den Genuss der komplett renovierten Version 3.0. Neue Module und bessere Performance zeichnen das Update aus. Ob es sich lohnt, weiss Benjamin Weiss.
Text: benjamin weiss | nerk@de-bug.de aus De:Bug 52

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Neues vom Kraftwerk
Reaktor 3.0 – Update

Benjamin Weiss | nerk@de-bug.de

Neue Features
Der Code wurde gründlich aufgeräumt und auf G4/Altivec bzw SSE Chips optimiert, wovon aber auch ältere Rechner profitieren (siehe unten). Die Neuerungen haben selbst vor der Werkzeugleiste nicht haltgemacht, die nun frei verschiebbar ist. Im neuen Properties Inspektor lassen sich jetzt mehrere Module gleichzeitig ändern, ohne dabei die einzelnen Fenster öffnen zu müssen. Drag & Drop ist jetzt auch möglich und zwar nicht nur beim Nachladen von Samples, sondern auch neue Instrumente, Ensembles und Module lassen sich nun ins Reaktorfenster zerren. Vor allem für den Live-Einsatz interessant ist auch das neue Feature, Audiodateien direkt von der Festplatte zu streamen.

Grafikverbesserungen
Auch die beim alten Reaktor etwas hackelige Grafikdarstellung wurde verbessert. So können beispielsweise die Fader jetzt auch horizontal angeordnet und in ihrer Länge geändert werden, die Levelmeter lassen sich höher auflösen und zu guter Letzt kann man auch eigene Farben für die Ensembles vergeben.

Samplererweiterungen
Äusserst praktisch und längst überfällig ist die Wellenformdarstellung für Samples, die nun neu dazugekommen ist. Darüber hinaus erlaubt Reaktor 3.0 jetzt den direkten Import von Samples im Akai-Format von entsprechenden CDs.

Neue Module
Mit neuen Modulen wurde nicht gegeizt: Neben Table-Modulen, die zum Beispiel das Zeichnen von Hüllkurven per Maus erlauben und so den Instrumentenbau wesentlich erweitern, hier ein paar der neuen Module im Schnelldurchlauf:

Grain Cloud
Grain Cloud ist ein “Stereo-Multisample-Granular-Synthesizer”, das den Einsatz von Granularsynthese in Ensembles und Instrumenten vielleicht nicht gerade vereinfacht, aber auf jeden Fall erweitert. Mit ihm lassen sich die komplexesten Granularsynthesetools erzeugen; allein siebzehn Steuerparameter stehen hierfür zur Verfügung.

Pro 52 Filter / Scanning Mixer
Der aus dem Pro-52 bekannte Vierpolfilter mit dem satt-analogen Sound hat jetzt auch seinen Weg in die Moduldatenbank von Reaktor gefunden und kann in eigene Instrumente integriert werden. Und auch ein Feature der NI B4 Orgel ist in Modulform jetzt für Reaktor User verfügbar: der Scanning Mixer kann das typische Scanner Vibrato der B4 erzeugen, indem acht Audiosignale abhängig von einem eingegebenen Wert abgetastet und am Ausgang ausgegeben werden. Ein schönes Beispiel für Synergie bei Native Instruments.

XY Controller
Der XY Controller ist ein Kontrollmodul, bei dem sich Werte in einer X/Y Matrix proportional zueinander verändern lassen. So kann man zum Beispiel Frequenz und Resonanz gleichzeitig in Abhängigkeit voneinander steuern, was natürlich auch für beliebige andere Parameter nützlich ist.

VST Änderungen
Auch die VST-Integration hat einiges an Änderungen erfahren. Mittlerweile lassen sich alle Editierungen auch im VST PlugIn realisieren, wofür der Preis allerdings, besonders auf Rechnern mit wenig Arbeitsspeicher, ziemlich hoch ist: immer wenn Reaktor VST aufgerufen wird, muss auch das Reaktor Stand Alone geöffnet werden, sonst läuft VST-mäßig gar nichts. Völlig unverständlich ist auch, dass in der neuen Version nur noch je ein Instrumenten-PlugIn und ein Effekt-PlugIn unter VST aufgerufen werden können, was wohl auch an der neuen Integration über das Stand Alone liegen mag. Dass diese nicht immer reibungslos funktioniert zeigt sich, wenn man Reaktor im VST Modus beispielsweise mit dem NI Produkt Absynth benutzt: hier fror mein Rechner doch ab und zu ein, da es anscheinend Inkompatibilitäten zwischen den beiden Audiointegrationen gibt.

Performance, Bedienung und Sound
Die Performance hat sich deutlich verbessert, so dass selbst bei umfangreichsten Ensembles die CPU-Belastung auch bei älteren Macs zum Teil halbiert wird. Auch die Bedienung profitiert vom Update: neben den grafischen Verbesserungen wie der Waveform-Darstellung von Samples und der Drag & Drop Funktionalität sind vor allem die Streaming-Möglichkeiten und der Import von Samples im Akai-Format hervorzuheben. Der Sound von Reaktor ist und bleibt sehr gut.

Fazit
Wirklich schade und unverständlich sind die Beschränkung auf je eine Instanz (Instrument / Effekt) in der VST-Integration. Was habe ich davon, wenn ich das Ensemble ändern, aber nur eins aufrufen kann? Was VST angeht, ist Reaktor 3.0 also leider eher ein Downgrade. Auch der neue Hardware-Dongle-Kopierschutz hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Zwar muss man jetzt nicht mehr das 100 MB große Enigma-File auf der Festplatte parken oder die CD reinschieben, dafür verstopft ein Dongle einen USB-Anschluss, der auch noch zwei Systemerweiterungen braucht. Damit man Reaktor auch auf zwei Rechnern gleichzeitig benutzen kann, bietet Native Instruments eine Zweitlizenz an, die nochmal 249 Mark kostet und einen zweiten Dongle bringt. Dass aber auch ein Dongle Hacks nicht verhindern kann (wirklich eine uralte Binsenweisheit), war spätestens klar, als auf diversen Hotline Sites ca. eine Woche nach Erscheinen von Reaktor 3.0 die ersten Emulatoren auftauchten. Erfahrungsgemäß ist auch die Funktionalität bei Dongle-Hacks in den meisten Fällen nicht schlechter als bei den Originalen. Hoffentlich überdenken die ansonsten ja nicht gerade rückwärtsgewandten Leute bei Native Instruments ihre Entscheidung bezüglich des Dongles noch mal… Genug gemeckert, denn positive Neuerungen gibts bei Reaktor 3.0 schließlich allemal auch genug. Neben der auf allen Plattformen deutlich verbesserten Performance, hat auch die Bedienung mit der neuen Drag&Drop Funktionalität, dem globalen Properties Fenster, der verbesserten grafischen Darstellung, der Werkzeugleiste und der Einstellbarkeit von Fadergrößen vom Update profitiert, positiv zu bewerten sind auf jeden Fall auch die neuen Module, die passionierten Bastlern noch mehr Möglichkeiten zur Soundmanipulation bieten.

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Elektronische Lebensaspekte.