Die schwedischen Gafikdesigner Reala holen mit geringsten Mitteln das Höchstmaß an Konsumenten-Beteiligung aus ihrem "ikonografischen Style" raus.
Text: arne linde aus De:Bug 90

Winkende Fische
REALA machen Grafikdesign in Stockholm

Es ist nicht so leicht, REALA zu begreifen. Ihre Website ist schlicht und sachlich gestaltet. Beinahe zu unspektakulär für eines der avanciertesten Grafikdesign-Büros von mindestens Schweden, wenn nicht mehr.
Im Januar kam eine Email: REALA laden ein zur Grafikdesign-Präsentation im von Künstlerkreisen nur so heimgesuchten Bier- und Elchbraten-Tempel ”Riche” im Herzen von Stockholm. Vernissage samt musikalischer Darbietung von ebenfalls REALA unter dem Pseudonym $NOWP. 2004 übernahmen REALA die Gestaltung des Erscheinungsbildes für das Kunstprojekt ”Konst2” in einem sozial eher problematischen und kulturell sehr vielfältigen Vorort Stockholms und produzierten nichts weiter als einen DIN-A5-Skizzen- und Notizblock. Handlungsanweisungen, Hintergrundinfos, Impressum und Ähnliches fehlten völlig: Die Besucherinnen und Besucher sollten selbst agieren, notieren, zeichnen und kreativ sein. ”Less is still more” haben sie mal als Maxime ihres Arbeitens definiert, und darunter fällt auch das Weglassen der Gestaltersignatur, wenn sie für das Produkt keine Bedeutung hat oder sogar stören würde.

Universale Designsprache
”Grafikdesign ist selbst eine Sprache, die über traditionelle Sprachgrenzen hinausgeht, in der westlichen Welt gibt es eine Menge universeller Bilder und Signale, auf die sich der ikonografische Style, wenn man es so nennen kann, den wir entwickeln und mit dem wir arbeiten, bezieht”, sagt Jonas Williamson, einer der beiden Stockholmer im REALA-Dreigestirn. Neben ihm im Büro sitzt Samuel Nyholm, wie Jonas Absolvent der Stockholmer Hochschule für Kunst und Design Konstfack. Der dritte Mann ist gebürtiger Schweizer und lebt in London. Samuel traf Laurent Benner während eines Studienaufenthaltes in London, über gemeinsame Projekte kam die Zusammenarbeit unter dem Label REALA zustande.
”Unsere Arbeiten zeigen in vieler Hinsicht ihre Entstehungsweise. Es ist Teil der Bildsprache, prozesshaft zu sein.” Auf Samuels Laptop marschiert ein eckiges und sehr grobpixeliges Strichmännchen durch eine supermarioartige 2D-Stadt. Für die schwedische Synthie-Elektro-Formation Appareil haben REALA ein Video zum Track Nightvision gebaut. Wie fast immer gab es zuerst eine Zeichnung auf Papier: ”Wir fangen meistens an zu zeichnen und bearbeiten die entstandenen Characters digital nach.” Helikopter und Wurfgeschosse, wie sie Fünfjährige nicht authentischer gezeichnet hätten, fliegen vorüber.

Less is still more
”Diese Art zu arbeiten hat auch viel mit der Kommunikation zwischen uns zu tun. Die Diskussionen und die erste Auseinandersetzung mit neuen Projekten passiert oft zuerst auf Papier, als Skizze.” Jonas weist auf das alles andere als papierfreie Büro. ”Darin hat auch der Mix aus digitalem und analogem Material seinen Ursprung.” Und schließlich ist es manchmal auch eine ökonomische Frage: ”Less is still more” bedeutet oft, dass mit einfachen Mitteln gearbeitet werden muss, weil Zeit fehlt und finanzielle Spielräume klein sind. Umso klarer wird dabei auch, dass es nicht notwendig ist, aufwändig zu produzieren, wenn die zugrunde liegenden Ideen sitzen. Wie bei dem Skizzenbuch zur Eröffnung von Konst2 im letzten Jahr. Die User nahmen das Angebot an, es wurde gezeichnet, geschrieben, der leere oder linierte Raum gefüllt und es wurden massenhaft Papierflieger gebastelt.

Ripping R.I.P.
Ein anderes Beispiel ist die analoge Einladung zur besagter Vernissage Anfang diesen Jahres im Riche: Auf einem Bogen einfacher weißer Sticker aus dem Bürobedarf waren Gestaltungsmaxime, Zitate aus bisherigen Projekten und Verweise auf die Bedingungen von grafischer Arbeit am Computer gedruckt: ”click for pdf version”, ”digi-tape included”, ”reset”, ”current conditions”. Die Infos zum eigentlichen Event drängten sich auf dem Randstreifen zusammen.
”Wir versuchen immer, den Dingen eine weitere Funktion zu geben. Einen einfachen Flyer wirft man weg, wenn die Informationen alt geworden sind. Die Sticker wird man vielleicht behalten und später noch woanders sehen.”
Präsentiert wurde an diesem Abend übrigens ein Jahrbuch des ”SAM Forum für zeitgenössische Kultur”, das sich mit Erscheinen der Publikation aufgelöst hat. Entsprechend enthält das von REALA gestaltete Annual mit dem Namen R.I.P. eine Menge dokumentarisches Material, Fotos und Illustrationen zu Aktionen des Projekts. Wurstmännchen, Liebespaare aus Buchstaben, ein Schwarm debiler, winkender Fische bevölkern das lose zusammengelegte Druckwerk. Zu jedem Exemplar gibt es eine himbeerfarben gestreifte Rolle Klebeband. Die Aufforderung ist eindeutig: Das Annual auseinander nehmen, einzelne Druckbögen an die Wand kleben, durch eigenmächtigen Gebrauch die Gestaltung von REALA gleichzeitig unterlaufen und großflächig sichtbar machen.
Das ist Grafikdesign von REALA: wenn der Prozess nach dem Druckvorgang eigentlich erst anfängt.

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Elektronische Lebensaspekte.