Text: Carsten Neubauer aus De:Bug 18

Reality 1.5 – Synthesizer und Samplersoftware in einem Carsten Neubauer CNeubau@aol.com Reality ist ein Stück Software, das einen Synthesizer und einen Sampler vereint. Es erzeugt Sounds aus empfangenen MIDI-Noten, fungiert also als16-Stimmiges Soundmodul. 16 bezieht sich hier bloß auf die Anzahl der MIDI-Kanäle. Intern protzt Reality mit 128 Stimmen, und das alles in Echtzeit! Reality ist zwar in der Lage MIDI-Dateien zu laden und abzuspielen, versteht aber nur einen speziellen uralten Standard, mit dem sich nicht viel anfangen läßt. Es braucht also noch einen Extra-Sequencer zum Arrangieren und Abspielen. Auf der CD tummeln sich mehrere davon, überhaupt befinden sich dort noch mehr Goodies wie Sounds, virtuelle MIDI-Kabel, ein virtuelles Keyboard, ein Arpreggiator und die üblichen Tools zum Schneiden von Samples. Cool, inzwischen bekommt man umfassendes Soundwerkzeug mitgeliefert. Netterweise gibt’s auch ein Handbuch, es ist allerdings englisch und eher eine kurze Beschreibung aller Menüpunkte als eine wirkliche Einführung. Mac-UserInnen muß ich leider enttäuschen, an Euch wurde noch nicht gedacht. Was braucht’s? Englischkenntnisse, ‘ne Soundkarte mit mindestens 16 Bit, mind. 40 MB Speicher und einen Pentium-Prozessor oder sowas ähnliches ab 133 MHz. 200MHz und MMX sollten aber schon da sein, wenn es ohne Einschränkungen laufen soll. Schlaflose Nächte: Die Installation verlief leider tückisch und zeitraubend, denn schon das Setup-Programm für Reality 1.5 ist auf die allerneusten Multimedia- Schnittstellen von Windows namens Direct-X-6 angewiesen. Die werden zwar mitgeliefert und sollen laut Handbuch nach dem Reality-Setup automatisch installiert werden, aber nix da! Das besagte Setup-Programm stürzte unweigerlich mitten in der Treiber-Installation ab, also genau da, wo Windows am verwundbarsten ist. Wer von Fehlermeldungen a la ‘Ihre Festplatte ist kaputt’ und ‘Sie haben keine Soundkarte’ sowie unzähligen Abstürzen verschont bleiben möchte, sollte also unbedingt zuerst DirectX6 selbst installieren! Und auch dabei gilt es, wachsam zu sein, denn das frische neue DirectX6 kennt natürlich so manche europäische Soundkarte und deren Treiber nicht. Die dann vorgeschlagene Installation von Standard-Treibern versetzte mein System jedenfalls in ein mehrstündiges Audio- und MIDI-Koma. Also aufpassen! Erster Kontakt: Nach überstandener Installation und durchgemachter Nacht wollte ich natürlich noch kurz hören, was für Sounds Reality so produziert. Dafür gibt’s als Beispiele haufenweise Soundzusammenstellungen mit einem kleinen Demosong. Die Sounds klingen durchweg frisch und knackig. Es finden sich auch Klassiker wie 808- und 909-Drumsounds darunter (hach, diese Bassdrum…), sowie ein Riesenhaufen von allem was quietscht, fiept, brummt und knarzt. Die Demostücke klingen alle zufriedenstellend, geben aber kaum einen Eindruck der klanglichen Möglichkeiten. Einzig der letzte Demosong klang erstaunlich. Er ist ein kompletter Reggae-Song inklusive Gesang und sauberem Klang, wie frisch von CD eben. Faszinierend! Endlich frei – Die Sounderzeugung: Zuerst läßt sich eine von 22(!) Synthesearten auswählen. Das ist zwar beeindruckend, aber irgendwie zeichnen sich die letzten 21 vor allem dadurch aus, daß sie viel weniger Einstellungsmöglichkeiten bieten. Deswegen beschränke ich mich hier auf den Typ ‘Analog/FM/Sampling’. Am Anfang der Geräusche – quasi als Grundton – stehen ein bis vier Oszillatoren, die nicht nur die guten, alten analogen Wellenformen (Dreieck, Rechteck, Sägezahn usw) nachbilden, sondern auch genausogut Samples und Loops abspielen können! Obendrein läßt sich noch einstellen, ob sie einzeln arbeiten oder ob und wie sie sich gegenseitig beeinflussen. Danach geht’s durch bis zu vier Filter, die auch wieder in Reihenfolge und Einstellung flexibel sind. Als Filtertypen stehen Hoch-, Band- und Tiefpaß, Notch und Resonator in zwei- bis 16-poliger Ausführung zur Verfügung. Grenzfrequenz, Resonanz und ein weiterer Gain-Regler sind natürlich auch mit von der Partie. Ebenso ausführlich geht’s dann mit vier LFOs und vier Hüllkurven weiter. Es würde zu weit führen, alle Einstellungen aufzuzählen, nur soviel: hier wurde sehr gründlich gearbeitet. So gründlich, daß schon mal vor lauter Knöpfen, Reglern und Zahlen die Übersicht flöten geht. Dafür läßt sich aber jede Kleinigkeit regeln und modulieren bzw. alles mit jedem verknüpfen. So eröffnet sich das ganze Spektrum der schönen ‘alten’ analogen Sounds gepaart mit den Leckereien moderner Sampler. Herrlich! Warme, fette Bässe, knackige, Druckvolle Percussion-Sounds, fiese Feedbacks, vertrackte saubere, warm klingende Samples, die durch Filter geschickt werden können, all das kann jetzt der heimische PC! Um das ganze dann atmosphärisch abzurunden, wurden nur zwei Effekte vorgesehen. Die Auswahl beschränkt sich dort auf ein paar simple Hall- und einige Chorus/Delay- Programme. An letzteren läßt sich auch herumschrauben. Die Effekte klingen zwar ganz gut, entsprechen aber nicht gerade dem heutigen Stand der Softwaretechnik. Um ein MIDI-Stück spielen zu können, müssen fertige Sounds in Bänken zusammengefaßt werden. Aus einer solchen Bank läßt sich für jeden der 16 MIDI-Kanäle ein Sound wählen. Dieser muß allerdings nicht allein bleiben. Wie bei einem echten Sampler mit Tasten lassen sich verschiedene Geräusche über die Tonleiter verteilen oder mischen, so daß die 16 Kanäle keine wirkliche Einschränkung darstellen. Die Steinzeit lebt – Der Analog-Sequencer: Bei den mitgelieferten Techno-Tools befindet sich auch SEQ-303, ein kleiner16-Step-Sequencer, der den guten, alten analogen Zeiten nachempfunden wurde. Der SEQ-303 ist prima und hat nette Features, durch die es zum Beispiel kinderleicht wird, Standard- oder Zufallsmelodien zu erzeugen, die dann mit wenigen Mausklicks variiert oder auf beliebige Tonarten gesetzt werden können. (Dann klappt’s auch mit der Harmonie.) So spielen bereits nach wenigen Minuten lustige Melodien, die schon von selbst richtig nach Oldschool klingen. Leider ist SEQ-303 nur einstimmig, d.h. es muß für jede Stimme einen weiteres Sequencer-Fenster geöffnet werden. Will man Stücke mit vielen Stimmen basteln, kann das schell mühselig werden. Spätestens dann, wenn mensch sich fragt, welches der zehn gleichen Fenster wohl den Bass spielt… Aber für wenige Spuren und Live-Sessions ist das Ding super. Soweit, so gut, wer braucht’s? Reality 1.5 ist sicher nichts, um das elektronische Musizieren zu erlernen. Davon zeugt neben dem Preis auch das durch und durch nüchterne, eher tabellarische Aussehen. Ein paar Vorkenntnisse über elektronische Klangerzeugung sind schon nötig, alles weitere läßt sich in der Online-Hilfe nachlesen. Wer sich davon nicht abschrecken läßt wird seine helle Freude mit Reality 1.5 haben. Die vielen, vielen Regler und Kombinationsmöglichkeiten garantieren jedenfalls für lange Zeit Spaß und originelle Sounds. **** Preis: ca. 800,-DM Systemanforderungen: 16 Bit Soundkarte, min. 40 MB RAM, Pentium ab 133 MHz, MMX, DirectX6 Vertrieb: M3C Systemtechnik GmbH, Berlin Info: http://www.seersystems.com http://www.seermusic.com

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Elektronische Lebensaspekte.