Kommt bei den allwöchentlichen Programmiererstammtischen das Gespräch aus "Reason", wird rund um den Edball für einen kurzen Moment erhfürchtig innegehalten. Die All-In-One-Lösung für den Computermusiker der gilt als ein Musterbeispiel für effizientes Programmieren. Jetzt legt die schwedische Firma "Propellerheads" das lang erwartete 2.0 Update vor. Mit neuem Synthesizer und Sampler.
Text: Benjamin Weiss aus De:Bug 63

Kurz ehrfürchtig innehalten
Reason 2.0

Vorgestellt auf der Musikmesse hat es dann doch ein wenig länger gedauert mit der zweiten Version von Propellerheads Reason.
Neu sind vor allem der deutlich erweiterte Sampler der jetzt NN-XT heißt, sowie ein neuer Synthesizer namens Malström, der auf Graintablesynthese basiert.

Malström
Malström basiert auf der Graintablesynthese, die eine neuentwickelte Kombination aus Granularsynthese und Wavetablesynthese und gleichzeitig das erste Reason Instrument ist, dass nicht auf Hardwarevorbildern beruht. Der Malström ist bis zu 99 stimmig polyphon (entsprechender Rechner vorausgesetzt), besitzt zwei Oszillatoren, zwei Modulatoren, einen Waveshaper, zwei Filter und die obligatorische ADSR Hüllkurve. Beide Oszillatoren sind im Aufbau identisch: zunächst läßt sich per PopUp ein Graintable laden, mit dem Shiftparameter das Formantenspektrum ändern und dem Index-Schieberegler die Anfangsposition im Graintable verändern. Für die Einstellung der Geschwindigkeit, mit der durch die Graintables gefahren wird, dient der Parameter Motion. Zum Stimmen gibts Octave (für die Oktavlage), Semi (zur Stimmung in Halbtonschritten) und Cent. Zusätzlich hat jeder Oszillator noch eine eigene ADSR Hüllkurve und einen Lautstärkeregler. Die beiden Modulatoren sind im Prinzip modifizierte synchronisierbare LFOs und bieten neben 32 verschiedenen Wellenformen die Möglichkeit, pro Stimme (!) die Parameter Index, Pitch, Shift (Modulator A) sowie Motion, Level, Cutoff und die Intensität des Modulators A zu modulieren (Modulator B). Der Waveshaper dient der Verzerrung und/oder Sättigung des Gesamtsignals. Die beiden Filter bieten je einen 12 dB Lowpass und Bandpass sowie einen additiven und einen subtraktiven Kammfilter und eine AM Funktion, bei der das Filter die Carrier Wellenform bereitstellt, die den Filterinput moduliert. Neben vielen altgedienten und bekannten Sounds (der Malström deckt eine wirklich große Bandbreite mit sehr gutem Sound ab), eröffnet der neue Reasonsynthesizer sehr viele neue Möglichkeiten der Klangprogrammierung. Praktisch ist auch die Möglichkeit über den Input externe Signale manipulieren zu können.

XT Sampler
Das alte Sample Modul wird durch den neuen Sampler nicht ersetzt, vielmehr ist der NN XT ein Entgegenkommen für die Leute, die den Umgang mit Hardwaresamplern und deren Libraries gewohnt sind und beim alten, recht spartanischen Sampler viele Editorfunktionen vermißt haben. Beim Einladen von Audiofiles kann der XT automatisch den Grundton ermitteln und die Samples mappen, was auch erstaunlich gut funktioniert. Zum Mappen gibt es ein übersichtliches Zonendisplay. Hier können die einzelnen Zonen definiert, verlängert, verkürzt, gruppiert und verschoben sowie kopiert werden, was (trotz der vielfältigen Möglichkeiten) sehr praktisch und übersichtlich realisiert wurde. Beim Anklicken einer Zone werden alle Parameter sofort auf den jeweiligen Stand gebracht, wodurch auch unterschiedliche Filtersettings, Modulationen und Wheel-Einstellungen pro Zone möglich sind. Für eine realistischere Emulation natürlicher Instrumente steht die Alternating Zones Funktion bereit, mit der automatisch per Zufallsfunktion verschiedene Samples getriggert werden können, auch wenn die gleiche Note gespielt wird. Neben einem temposynchronisierbaren LFO verfügt der XT auch über einen freilaufenden zweiten, dazu eine Modulationshüllkurve für Pitch und Filter sowie eine AHDSR Hüllkurve, wobei H für Hold Time steht. Dazu kommt dann noch ein wirklich gut klingendes Filter, das an die Filter der Akai Serie angelehnt ist. All diese Parameter sind individuell für jede Zone einstellbar, zur Makroeditierung des gesamten Patches gibt es unter Global Controls die Drehregler für die LFO Rate, den Filter und die Amp Hüllkurve. Der Import von Fremdformaten ist noch nicht vollständig implementiert; momentan kann Reason neben dem SoundFont2 Format und natürlich .Aiff und .Wav noch keine anderen Libraries verarbeiten, angekündigt ist aber bereits ein Tool, dass Akai Libraries in das Reason Format konvertieren kann. Das ist der einzige Schwachpunkt am neuen Reason Sampler, allerdings ist die mitgelieferte Soundbibliothek so umfangreich, dass die Wartezeit auf das Konvertiertool nicht allzu langweilig werden dürfte. Zusätzlich ist Reason mit einer ganzen CD von Orchestersamples bestückt, die sehr gut klingen. Da der NN XT Editor ganz schön viel Platz benötigt, kann man ihn praktischerweise per Mausklick verschwinden lassen wonach nur noch die wichtigsten Parameter sichtbar sind. Bis zu sechzehn Einzelausgänge kann jeder XT haben.

Sequenzer
Beim Sequenzer hat sich verhältnismäßig wenig geändert, die wichtigste Neuerung dürfte sein, dass man jetzt den Sequenzer vom restlichen Rack “abreißen” kann, wodurch er ein eigenes Fenster bekommt, was das Problem des ewigen Hoch- und Runterscrollens ein wenig entschärft. Trotzdem habe ich immer noch nicht verstanden, warum Reason nicht das freie Verteilen der einzelnen Instrumente auf dem Bildschirm erlaubt, denn das wäre eine große Verbesserung der Ergonomie.
Ein paar neue Werkzeuge gibts auch beim Sequenzer: ein Zoom Tool, ein Line Tool, mit dem sich lineare Verläufe von Controllern schnell und bequem malen lassen und schließlich ein Radiergummi zum Löschen.

Alles in allem ist Reason 2.0 ein interessantes Update und kann mit allen Neuerungen (NN XT, Malström, abreissbares Sequenzerfenster) voll überzeugen. Leider konnte ich die MacOS X Version nur kurz testen, sie lief aber völlig problemlos und dank der neuen Audio Engine von OS X mit sehr geringer Latenz.
Im Vergleich mit der alten Reason Version fiel auf, daß die Performance trotz neuer Module sogar noch ein wenig verbessert werden konnte. Dauert zwar immer ein wenig länger mit den Updates von den Propellerheads, dafür bekommt man aber auch immer ein durchdachtes Produkt, das nicht nur den User Input verarbeitet, sondern auch durch Stabilität überzeugt.

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Elektronische Lebensaspekte.