Berliner Seitenscheitel-Punks behalten vom Friedrichshainer Dach den Überblick. Der direkte Zugriff auf Musik und Maschinen zählt, rückwärts alle Katalognummern von Warp aufsagen ist out. Techno als Politik und Lebensstil.
Text: Anton Waldt aus De:Bug 37

/techno Punks justieren ihre Waffen Rechenzentrum 1991 sitzen zwei Punks auf’m Dach eines besetzten Hauses in Berlin-Friedrichshain und blicken in die Zukunft. Eigentlich guckt nur der eine Punk wirklich in die Zukunft, der andere dafür wirklich gross. Aber der Punk mit dem Sinn für das Jahr 2000 weiss genau, wie es abgehen wird: “Verkaufe deine Geschichte wohl portioniert an diejenigen, die den besten Preis bezahlen. Bleibe so lange es geht autonom und arbeite nicht mit Leuten zusammen, die einen Wagen fahren, der dreimal so teuer ist wie deiner. Arbeite auch mit deinen Feinden zusammen. Gib ihnen das Gefühl, du arbeitetest für sie, nutze die Gelegenheit und richte dann die Waffen im Scheinwerferlicht gegen sie. Beziehe dich niemals auf Dinge, die du gesagt hast. Greife in der Öffentlichkeit deine Freunde an und unterstütze deine Feinde.” Punk teilt Pille Auf der Strasse folgen Ostler ihren undurchschaubaren Tätigkeiten und legen an den Müllbergen nach, über die Dächer weht ein milder Schwefelgeruch und im NATO-Draht der Barrikade hängt ein Vogel. Der Punk mit den blonden Dreads fährt fort: “Mich verschreckt das Phänomen Techno. Doch ist es eher die zukunftsgläubige Schaffung eines Paralleluniversums, die mir Probleme macht, als das Musikalische. Interessant sind für mich eigentlich nur Communities wie Spiral Tribe, die wirklich ein autark funktionierendes Gebilde – sowohl finanziell als auch musikalisch – darstellen.” Der Punk mit den grossen Augen versteht das nicht. Der andere ringt nach Worten für seine Ahnung: “2000 werde ich Rechenzentrum heissen. Der Sampler wird mein Klangerzeuger. Die Tracks werden streng arbeitsteilig eingejammt. Einer sucht die Samples aus, der andere bearbeitet sie und wieder einer spielt sie ein. Die Tracks werden in höchstens 2 Tagen produziert und nach der Aufnahme werden alle Spuren vernichtet, damit niemand auf die Idee kommt, sie noch mal zu verändern. Lieber einen neuen Track anfangen, als an einem alten rumzuwurschteln.” Ein wahnsinnig dicker Punk mit roten Dreads kommt über die Dächer, hangelt sich an der Barrikade vorbei und bringt einen Kasten Schnaps und ein ausgehöltes Kuhhorn zum Trinken. “Das verbindende Moment als Informations – und Erfahrungsaustausch wird der integrale Bestandteil von Rechenzentrum, nicht das Vereinzelnde, das Suchen nach Unterschieden. Querbezüge zwischen scheinbar divergierenden Ansätzen, Theorien, Szenen zu schaffen, ist der Anfang eines Prozesses, an dessen Ende der Paradigmenwechsel steht. Und nur das wird für uns interessant, keine Bildung von Fussballbildchensammelnden-Jungs-Zirkeln, die alle Katalognummern von Warp rückwärts im Schlaf aufsagen können und dann laut rufen: Ich war schon 88 dabei.” Elektrischer Zaun Das Horn macht die Runde und stimmt friedlich, unten entkernen sie, der Staub einer zermalmten Wand fällt in den Hof und breitet sich wie ein Atompilz seitlich aus, ein schizophrener Jazzsaxophonist blutet im Treppenhaus, über dem Frankfurter Tor steht die Sonne, und das ist alles sehr gut so. “Der technische Aspekt wird Rechenzentrum scheiss egal sein. Wir werden viel mit Computern und so arbeiten, nee, ehrlich! Wir werden aber kein Interesse an neuer Software oder einer neuen Supermaschine haben, dessen Betaversion noch nicht richtig funktioniert. Technik ist Hilfsmittel und Werkzeug und als solches zu betrachten. Das Prinzip, das allen Tracks zugrunde liegen wird, ist die spartanische Sampleauswahl. Die Suche nach wenigen, starken Klängen, die im Gesamtkontext ihre wahre Grösse und Schönheit entfalten. Live wird das Prinzip der Reduktion dann diametral umgedreht, und es entsteht durch Übereinanderschichten von zahllosen Layern eine Soundscape-Amöbe, die sich nach allen Seiten gleichzeitig ausbreitet und zusammenzieht. Eine Art lebendiger elektrischer Zaun, dem man besser nicht zu nahe kommt, da er ein unkontrolliertes Eigenleben besitzt, das sich unter Umständen gegen einen richten kann.” Alles bereit für das Land, in dem Milch und Honig fliesst.

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Elektronische Lebensaspekte.