Ein veränderter Arbeitsmarkt erfordert veränderte Organisationsformen für die Beschäftigten. In den USA bilden die Gewerkschaften längst kein Dach mehr für alle Arbeiter/innen. Alternativen sind in einem immer unkontrollierteren Markt bitter überfällig. Die Worker Center springen in diese Lücke.
Text: Jan Joswig aus De:Bug 91

Rechte auch für Illegale
Kimi Lee

Kimi Lee ist Executive Director des Garment Worker Centers in Los Angeles. Das Garment Worker Center vertritt die Arbeiter/innen eines der größten produzierenden Industriezweige in Kalifornien, der Textilindustrie. Welche Vorteile diese Zentren gegenüber den Gewerkschaften haben, wie man an der Basis arbeitet, aber doch die internationalen Zusammenhänge im Blick behält und warum die inländische Textilherstellung von 9/11 profitiert, deckt Kimi Lee im Interview auf. Und statt des Sonntagsgebets schließen wir mit einem Rechenexempel von überzeugender Simplizität.

Kimi Lee:

Worker Center statt Gewerkschaft

Das Garment Worker Center ist eine Non-Profit-Organisation. Wir finanzieren uns über Stiftungen, bei denen wir uns um Gelder bewerben. Außerdem haben wir Mitglieder, die Beiträge zahlen. Das Center hat den Charakter eines Bürgerzentrums, verfolgt aber das Hauptziel, Arbeiter/innen zu helfen. Seit der Eröffnung 2001 kontaktierten uns 300 bis 400 Arbeiter/innen wegen Gehaltsfragen, etwa 600 kommen zu Workshops und Fortbildungen. Das Center hilft den Arbeiter/innen in praktischen Belangen wie Kontoführung, vertritt aber auch ihre Rechte gegenüber der Regierung.
Wir arbeiten anders als Gewerkschaften. Die Worker Center sind eine neue Organisationsform, in den USA und weltweit. Bis jetzt hieß die einzige Möglichkeit, Arbeiter/innen zu unterstützen, eine Gewerkschaft zu gründen. Aber in den USA erreichen die Gewerkschaften nicht alle. Sie vertreten nicht ganze Industriezweige wie in Deutschland, sondern einzelne große Arbeitgeber. Sie sind an Konzerne mit großen Zentren gebunden, in der amerikanischen Textilindustrie gibt es diese allerdings nicht. Die Textilfirmen geben die Arbeit an Subunternehmen ab, die wiederum Verträge mit Subsubunternehmen abschließen. Große Fabriken entstehen deshalb gar nicht – und damit auch fast keine Gewerkschaften.
Der zweite Punkt ist der rechtliche Status der meisten Beschäftigten. Die Textilindustrie in Los Angeles ist die größte in den USA, auf mehr als 5000 Fabriken verteilen sich über 100.000 Arbeiter/innen. Die meisten von ihnen sind nicht erfasst, ihnen fehlen Immigrationspapiere. Aber in den USA hat auch Rechte, wer nicht erfasst ist. Das ist ein weiterer Unterschied zu Deutschland. In Deutschland kannst du aus dem Land geworfen werden, wenn du keine Papiere hast. In den USA wirst du vom Arbeitsrecht geschützt, sobald dich ein Arbeitgeber einstellt. Du zahlst lokale Steuern, wählen darfst du allerdings nicht. Mittlerweile gibt es über 150 Center in den USA, die sich auch um andere Zweige als die Textilindustrie kümmern. Vor allem die Low-Wage-Workers wie Putzkolonnen, Restaurantpersonal, mobile Haushaltshilfen etc. werden von den Gewerkschaften nicht abgedeckt.

Sweatshop LA

In Los Angeles konzentriert sich die Textilindustrie auf Mode für junge Frauen. Man könnte die Sachen problemlos in China oder Mexiko schneidern lassen, das braucht aber zwei bis drei Monate. Die Mode für junge Frauen und Teenies wechselt viel zu schnell für solch einen Turnus. Aufträge müssen innerhalb einer Woche erledigt werden. Diesen zeitlichen Engpass nutzt Los Angeles aus. Seit 9/11 ist der Zeitverzug noch extrem gestiegen wegen der erhöhten Sicherheitskontrollen. Enorme Warenmengen stauen sich mittlerweile im Hafenbereich. Die Auslieferung verschleppt sich Monat für Monat. Die Terror-Paranoia sichert die inländischen Arbeitsplätze …
Andererseits hat die WTO dieses Jahr die Quoten im weltweiten Textilhandel aufgehoben. Prognosen gehen davon aus, dass 50% der Produktion aus den USA ausgelagert werden. Seit 1994, als das nordamerikanische Freihandelsabkommen NAFTA verabschiedet wurde, sind bereits etwa 80.000 Arbeitsplätze in der US-amerikanischen Textilindustrie weggebrochen.
Das Sweatshop-Problem gibt es auch innerhalb der USA. Der gesetzlich vorgeschriebene Mindestlohn in Kalifornien für Arbeiter/innen liegt bei 6,75 US Dollar. Wir kennen Fälle, in denen nur 3,20 US Dollar ausgezahlt werden.
Viele Arbeiter leben trotz Vollzeitanstellung also weit unter der Armutsgrenze. Überstunden sind unbezahlt, Lohnausgleich im Krankheitsfall ist unbekannt, Sicherheitsvorkehrungen werden nicht beachtet. Die Regierung gibt als offizielle Zahlen an, dass 67% der Fabriken die Lohnbestimmungen verletzen, 75% die Gesundheits- und Sicherheitsbestimmungen.
Vor Verfolgung müssen sie sich kaum fürchten. Für die 5000 Fabriken im Raum Los Angeles sind 4 Beamte des ”Department of Labour“ zuständig. Selbst wenn die Unternehmer erwischt und mit einem Bußgeld belegt werden, brauchen sie nicht zu zahlen, weil niemand konsequent die Einlösung verfolgt. Sollten sie doch mal zur Kasse gebeten werden, übersteigen die Bußgelder nicht die Summe, die die Fabriken bei regulärer Bezahlung ihrer Arbeiter/innen sowieso hätten investieren müssen. Es ist für die Fabriken also ein Spiel ohne Risiko.

Action? Na logo

”No Logo“ von Naomi Klein war ein wichtiger Anstoß für die ganze Sweatshop-Debatte. Aber ohne Anti-Sweatshop-Organisationen wie Sweatshopwatch in den USA, die Clean Clothes Campaign in Europa und auch die Worker Center hätte es nur dazu geführt, dass die großen Textilfirmen ein, zwei Vorzeigefabriken herausgeputzt hätten und in deren Schatten weiterverfahren wären wie bisher. Nur die permanente praktische Arbeit kann grundlegende Änderungen bringen.
Wir kooperieren offiziell mit Sweatshopwatch und halten auch Kontakt zur Clean Clothes Campaign, um die internationale Perspektive nicht aus dem Blick zu verlieren, die stark von US-amerikanischen Firmen diktiert wird. Aber unser Fokus liegt auf den Arbeiter/innen in LA.
Seit den vier Jahren, die unser Worker Center aktiv ist, haben wir Gehaltsnachzahlungen in Höhe von 1.5 Millionen Dollar für Arbeiter/innen erstritten. Damit haben wir gerade mal das Problem an der Oberfläche angekratzt.
Dabei wären praktische Verbesserungen simpel.
Der Preis für ein Kleidungsstück verteilt sich so: Wenn der Verkaufspreis bei 100 Dollar liegt, teilen sich Einzelhändler und Hersteller 99 Dollar. Den Arbeitern bleibt ein Prozent des Verkaufspreises. Würden die Hersteller nur 1% weniger einstreichen, würde sich damit das Gehalt der Arbeiter/innen verdoppeln. Andererseits kann man den Preis auch auf 101 Dollar hochsetzen und den Zusatzdollar den Arbeiter/innen auszahlen. Die Konsumenten sind heute problembewusst genug, um den höheren Preis für fair gehandelte Ware zu akzeptieren. So wäre die finanzielle Lage der Arbeiter/innen um 100% verbessert, die des Einzelhandels und der Hersteller um höchstens 1% verschlechtert.
Aber selbst so etwas lässt sich kaum durchsetzen.

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Elektronische Lebensaspekte.