Matt Chicoine sorgte vor sechs Jahren mit seinen Elektronika-Funk-Basteleien über klassischer Carl-Craig-Technoromantik für aufgesperrte Mäuler.
Text: Finn Johannsen aus De:Bug 125


Matt Chicoine sorgte vor sechs Jahren mit seinen Elektronika-Funk-Basteleien über klassischer Carl-Craig-Technoromantik für aufgesperrte Mäuler. Jetzt zerbröselt er in Neuseeland den Electric Funk der 80er, fernab von dessen ehemaligen Zentren – damit dem Genre endlich Gerechtigkeit widerfährt.

Matt Chicoine war schon in den Anfangstagen seiner Karriere in Detroit kein leichter Kunde. Er verstörte die Planet-E-Gefolgschaft mit Funk-Querschlägern und Beat-Experimenten, die sich nur schwerlich in die gängigen Motor-City-Konventionen eingliedern ließen, als akzeptables Gesicht der Broken-Beat-Szene konnte man ihn später jedoch auch nicht so recht vereinnahmen und als anerkannt versierter DJ setzte er mit souveränem Eklektizismus noch etliche Schippen Verunsicherungspotenzial drauf.

Dann tauschte er das urbane Niemandsland gegen die Idylle von Neuseeland ein, der Liebe wegen, und machte es sich erst mal bequem. Auf der Rechnung sollte man ihn dennoch immer haben, wie seine jüngsten Aktivitäten zeigen. Er weiß immer noch, wie Techno funktioniert, Carl Craig ist immer noch einer seiner größten Fans und nun fügt er mit seinem neuesten Album der neuerlichen Allgemeinbeschäftigung mit Disco eine ganz unerwartete Facette bei.

De:Bug: Du bist zurück mit einem neuen Album, und es ist randvoll mit Referenzen an 80er Electric Funk, Prince-Rhythmuspattern, Motown-Melodien. Wie ist es dazu gekommen?

Matt Chicoine: Ich lebte in Neuseeland und vermisste diesen Sound, der in Detroit sehr präsent war. Dort gibt es viele Radioshows, Clubs und Fernsehshows wo diese Art Musik gespielt wird. Es spielt auch Nostalgie mit, wenn man sich hinsetzt und beschließt, den Prince-Sound nachzubilden.

De:Bug: Den Funk zurückbringen?

Matt Chicoine: Ja, genau. Der Sound hat mir gefehlt, es war ein bisschen zu meinem eigenen Vergnügen.

De:Bug: Kam es also aus einer sentimentalen Stimmung heraus?

Matt Chicoine: Es hat auch mit dem Älterwerden zu tun und damit, ein wenig mehr Selbstvertrauen zu haben. Ich weiß, wer ich bin, ich habe jetzt einen Sohn, ich kann mich jetzt entspannen und Spaß haben. Ich liebe es zu tanzen, ich gehe gerne aus. Jüngere Leute sind vielleicht etwas zögerlich, zu so etwas zu tanzen, aber für mich ist diese Musik ein Aufruf, Spaß zu haben und alle Ansprüche fahren zu lassen. Es gibt ein paar tiefe Momente auf dem Album, aber die herausstechenden Tracks sind wohl die, bei denen es darum geht, einen draufzumachen.

De:Bug: Hättest du diesen Drang, so ein Album zu produzieren, auch verspürt, wenn du nicht nach Neuseeland gezogen wärst?

Matt Chicoine: Sehr wahrscheinlich. Ich mag es, mich in verschiedenen Sachen zu versuchen, um mich als Musiker weiterzuentwickeln, und dieser Electric Funk hat mich schon immer berührt. Offensichtlich leben die 80er in großem Stil wieder auf, seit Jahren schon, aber das meiste geht an dem vorbei, was ich an den 80ern geliebt habe. Es sind andere Blickwinkel und ich wollte diese Zeit auf meine eigene Art wieder aufnehmen.

De:Bug: Du fandest also, dass die Leute, die jetzt alle möglichen Discostile interpretieren, Edits machen usw., diesen Sound zu Unrecht ausgelassen haben?

Matt Chicoine: Ja, im Grunde genommen wollte ich den Part übernehmen, der meiner Meinung nach zu kurz gekommen ist. Man hört so viele Leute, die solche Sounds aufwärmen, aber ich denke oft, dass sie das Ziel verfehlen. Das ist alles zulässig, sie machen es auf ihre Art. Aber ich dachte, vielleicht sollte ich es auf meine versuchen. Für mich als DJ ist das cool, manchmal bekomme ich nicht die Platten, die ich will, also mache ich sie selber.

De:Bug: Ging dieser Sound auf dem Album auf spezifische musikalische Vorbilder zurück oder war das eher eine übergreifende Blase von vielen Inspirationen, die bei dir geplatzt ist?

Matt Chicoine: Ich hatte keinen klaren Ziele, abgesehen davon, dass ich mich selber und die Leute, mit denen ich arbeite, herausfordern und aus der warmen gemütlichen Nest bringen wollte. Das ist für mich die beste Art, Musik zu machen. Risiken eingehen. Manchmal klappt das und manchmal geht es am Ziel vorbei, aber man hat es wenigstens versucht. Keiner der Gäste auf dem Album hat wirklich einen Electric-Funk-Hintergrund. Tyna ist ein HipHop-Typ, ein MC, aber auch ein großartiger Musiker. Ich musste ihn wirklich ermutigen, sich darauf einzulassen.

De:Bug: Also gab es zuerst ein Electric-Funk-Seminar?

Matt Chicoine: Ja (lacht). So in der Art. Es ist nicht so, dass ich da eine Autorität bin, aber im Moment brennt mir das Thema einfach unter den Nägeln.

De:Bug: Du machst Electric Funk in Neuseeland, Detroiter interpretieren deutschen Minimalravesound, Schweizer produzieren Deep House, der nach dem New York der frühen 90er klingt. Spielt Herkunft oder Szenezugehörigkeit überhaupt noch eine Rolle beim Produzieren?

Matt Chicoine: Ja. Es gibt immer auch eine Lebenserfahrung, die sich in Musik ausdrückt, wo gute Musik aus Frustration und Not geboren wird. Da ist das wichtig. Ich will nicht puristisch sein und behaupten, man muss aus Detroit stammen, um Detroit-Techno zu machen, oder aus Chicago, um House zu machen. Aber ich will es auch nicht ganz abschreiben. Es ist schon signifikant, wenn du von dort kommst und dann solche Musik machst.

Aber ich finde es auch langweilig, wenn Leute aus Detroit nur Techno machen, oder Neuseeländer nur neuseeländische Musik, die ja ironischerweise jamaikanisch ist (lacht). Ich glaube, eine Menge neuseeländischer Musiker wissen nicht mal, dass Reggae aus Jamaika kommt (lacht). Man kann überall sein und an etwas teilhaben, wenn man es sich wirklich genau anhört, fühlt und begreift. Hoffentlich entwickelt man dann auch ein Verständnis dafür, woher diese Musik kommt und wie es dazu kam. Auf jeden Fall sollte es jeder probieren dürfen. Ich glaube, dass sich Musik so entwickelt und interessant bleibt. Verrückte Leute machen verrückte Sachen, die sie nicht machen sollten. Aber scheiß drauf, ausprobieren!

De:Bug: Wenn man auf deine Karriere in den letzten Jahren zurückblickt, bist du ja oft in einen Broken-Beat-Kontext gestellt worden, bis hin zu NuJazz, und das ist alles in der jüngeren Vergangenheit ziemlich zusammengebrochen. Viele Produzenten aus dieser Szene sind dann doch bei 4/4 gelandet, irgendwo zwischen Techno und Deep House. Glaubst du, dass die zurückgelassenen Sounds, Ideen und Konzepte wieder zurückkommen, mehr Musikalität?

Matt Chicoine: Schon, aber ich glaube auch, dass gerade nicht der Zeitpunkt dafür ist. Die Leute interessieren sich mehr für Punk-Ästhetik und die ist nicht musikalisch. Es geht mehr um Haltung und weniger um Musik. Ich weiß nicht, ich mag das manchmal, aber ich bin ein Musiker, ich habe schon immer Jazz geliebt. Ich bin in Neuseeland, weit weg, ich weiß nicht, was die weltweiten Trends sind. Es scheint mir aber, dass man es geheim halten muss, wenn man Musik macht, die sich um Jazz dreht, komplexe Akkordfolgen, interessante Melodien und Harmonien. Es ist im Moment nicht gerade cool. Leider. Aber die Leute werden es natürlich irgendwann satt haben, immer den gleichen Scheiß zu hören.

De:Bug: Ist es ein Vorteil ist, fernab der Trendmaschine zu sein? Kannst du dann Hype oder irgendwelche Szenefragmente ignorieren, die vielleicht nur wenige Monate ein Thema sind?

Matt Chicoine: In Neuseeland ist das eine Zwickmühle. Manchmal ist es vorteilhaft. Detroit war aber genauso. Detroit war nicht wie New York oder L.A. oder London. Es war ein vergessener Ort. Mittendrin in Amerika, aber der Durchschnittsamerikaner weiß nicht wirklich, wo Detroit überhaupt liegt. Du schon, du bist ein Journalist und Musikfan, aber der normale Typ auf der Straße? Motown vielleicht.

Mit Neuseeland ist es auch merkwürdig, es ist so weit weg vom Mainstream-Bewusstsein. Man kann also gleichzeitig Ideen ausbrüten und entwickeln, aber wenn es darum geht, deine Musik der Welt zu präsentieren und zu vermarkten und sie passt nicht zu den internationalen Kategorien und Trends, stellst du dir schnell selbst ein Bein. Da geht alles um eine Balance. Du musst wissen, wie sich deine Platte in eine Szene einordnen kann, aber du solltest sie nicht machen, nur um dich einzuordnen.

De:Bug: Warst du denn besorgt, dass die Leute das Album nicht akzeptieren würden?

Matt Chicoine: Ja. Um ganz offen zu sein. Viele Bekannte sagten mir, sie würden meine alten Sachen mögen und fragten, warum ich so etwas nicht mehr machen würde. Ich habe darauf keine richtige Antwort, aber warum soll ich die gleichen Sachen wieder und wieder machen? Es ist für die Leute einfacher, wenn sie wissen, was sie erwartet, aber für einen Musiker macht es mehr Spaß, neue Sachen auszuprobieren.

De:Bug: Willst du das durch Remixe entkräften oder soll es so stehen bleiben, wie es ist?

Matt Chicoine: Es ist ja schon übergreifender angelegt. Thematisch geht es natürlich um 80er Electronic Funk, aber die erste Single ist ein Reggae-Song mit vielen Neuseeland-Einflüssen und die zweite Single ist eher Dancefloor. Dafür haben wir Leute wie Mark de Clive-Lowe und andere. Es ist mir aber wichtig, dass ein roter Faden da ist und dass es inspiriert ist. Auch wenn es für Leute eine Herausforderung ist, sich das Album anzuhören, weil es sehr mellow anfängt und dann eine sehr funky-ironische Dance-Party wird, und dann wird es wieder soulful und sanft. Es gibt solch einen Vibe, aber es wird auch Arsch getreten.

De:Bug: Du hast vorhin Live-Performances erwähnt. Du hast mit einer Live-Band gespielt?

Matt Chicoine: Ja!

De:Bug: Kannst du dir vorstellen, jetzt als Electric-Funk-Band auf Tour zu gehen?

Matt Chicoine: Wir machen das schon!

De:Bug: Aber nicht mit Schulterpolster-Kostümierungen, oder?

Matt Chicoine: Neeeein! Aber das liegt nahe, wir sollten uns verkleiden. Ich trage eine Windel (lacht)! Ich werde Bootsy sein. Für das Publikum ist das sicherlich spaßig, aber an diesem Punkt wirst du zur Zirkusattraktion. Novelty, Bar Band. Es ist sicherlich gut, sich angemessen zu kleiden, aber ich kann nicht wirklich was über unser Outfit sagen, jeder trägt, was er für richtig hält. Musikalisch ist es großartig, in dieser Band zu spielen. Es ergibt sich ein solch kompletter Querschnitt von Einflüssen, Alter, kulturellem Hintergrund.

Ein Beispiel: Das Alter unserer Bandmitglieder liegt zwischen 19 und 51, von allen Kontinenten. Chinesisch-amerikanisch, britisch-indisch, afrikanischer Kiwi, afrikanisch-jüdisch, Maori, ich bin ein waschechter Yankee. Was für eine krude Mischung von Leuten! Es ist großartig, dass wir symbolisch das reflektieren, was wir musikalisch machen. Wir haben einen Sound, aber er ist ein Amalgam aus Dingen, die schwer festzumachen sind. Wir haben sehr unterschiedliche Hintergründe, und das war ziemlich chaotisch, bis unsere Chemie gestimmt hat.

De:Bug: Lässt sich das dann vielleicht noch live mit den anderen, elektronischeren Musikrichtungen verbinden, die du machst?

Matt Chicoine: Wir haben darüber nachgedacht, Coverversionen von meinen älteren Sachen auf Planet E zu machen. Aber das lässt sich nicht wirklich umsetzen. Es ist eine Band, keine Drum Machines usw. Es gibt immer technische Probleme und mir macht es mehr Spaß, mit den anderen zu spielen, als Sklave irgendwelcher Geräte zu sein. Ich habe jede Menge Leute gesehen, die mit einem Laptop-Setup alles in Schutt und Asche legen.

De:Bug: Gerade Jamie Lidell hat ja ziemlichen Erfolg mit Alben, die voller Referenzen stecken. Vielleicht entwickelt dein Entwurf ja eine ähnliche Dynamik?

Matt Chicoine: Ja, das wäre ulkig. Ich würde es mögen, weil es meine Rechnungen bezahlt (lacht). Aber es wäre schon großartig, wenn die Leute die Idee dahinter begreifen. Tanzen, Spaß haben, da ist nichts Falsches dran. Es ist vielleicht nicht tief, aber ab einem bestimmten Punkt muss man damit aufhören, tief sein zu wollen. Sich nicht so ernst nehmen und sich locker machen.

Wenn es dann wirklich darauf ankommt, ernst zu sein und bedeutungsvolle Dinge anzugehen, ist man eher dafür bereit, weil man das Leben so genossen hat, dass man über so etwas sprechen kann. Wenn man immer ernsthaft durch das Leben geht, fehlt einem später die Perspektive. Und es ist auch langweilig. Man muss auch Spaß haben. Also machen wir gegenstandslosen funky ass shit und tanzen. Fuck that!
http://www.sonarkollektiv.com

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Elektronische Lebensaspekte.