Wenn jemand mit schlafwandlerischer Sicherheit an der Schnittstelle zwischen Techno und West London arbeitet, dann der Detroiter Matt Chicoine aka Recloose. Mit Carl Craig als Chef und einer neuen Homebase in Neuseeland kann die Zukunft kommen.
Text: kay meseburg aus De:Bug 59

Erst acht Jahre Saxophon in einer Jazzband spielen, dann “The Guy Doing That Crazy Shit” sein, später Sandwiches verkaufen, jetzt in Neuseeland auf das neueste Abenteuer von Bush warten. Das ist das Leben von Matt Chicoine im Tickerformat. Wäre da nicht “Cardiology”.

Beim Namen Ann Arbour bekommen Statistik-Nerds glänzende Augen. Die sogenannte Ann-Arbour-Schule steht für Statistik, die ruled. Nicht so für Matt Chicoine. Hier, 45 Autominuten von Detroit entfernt, ist er aufs College gegangen. So bot sich ihm die beste Gelegenheit, weiterhin Musik zu machen. Im College-Radio wurde er als “The Guy Doing That Crazy Shit” bekannt. Radiosendungen mit Gastmusikern, MCs, Schriftstellern und Produzenten reichen bei einem College-Radio für diesen Titel aus.

Jetzt ist alles anders: “Ich bin nicht mehr dieser Crazy Guy von damals. Mit meiner Musik möchte ich mich einfach gut fühlen. Und ich fühle mich gut, wenn ich Dinge neu interpretiere.” Genau das hat er mit seinem Album “Cardiology” erreicht. Wobei zunächst der Titel ins Auge sticht. Wieso benennt er sein Album nach der Lehre vom Herzen? Auch hier hat Matt Chicoine aka Recloose eine frappierend einfache Antwort: “Die Zeit mit meiner Freundin hat mich bei der Arbeit zu meinem Album sehr inspiriert. Wir waren seit sechs Monaten zusammen, als ich mit Cardiology begann. Sie kommt aus Neuseeland und wir waren für eine Zeit getrennt, als sie wieder dorthin gegangen ist. Die Elemente des Albums spielen genau mit diesem Gefühl getrennt zu sein, aber es nicht zu wollen. Weil ich das nicht ertragen konnte, bin ich nach Neuseeland gezogen. Und weil mich Bush ankotzt. Aber jetzt nervt mich meine Freundin etwas, weil sie ohne Ende Cardiology hört.”

Mehrmaliges Hören bietet sich beim Recloose-Album auf jeden Fall an, denn Mr. Chicoine hat elektronische Musik im Allgemeinen und den Planet-E Sound im Besonderen auf den Kopf gestellt, die Sounds von hinten aufgezogen. Darum ist er auf dem berüchtigten Scheitelpunkt gelandet, wo man keine spezifischen House-, Techno-, HipHop-, Dub-, Jazz-, Soul- oder sonstwie Einordnungen mehr trifft. Dafür sieht es mit dem “Everybodys Darling”-Titel nicht schlecht aus.

Das musischste Sandwich der Stadt

“Recloose könnte als die wichtigste Kraft in der elektronischen Musik enden.” Dieser Satz ist von Carl Craig überliefert. Auf soviel Vorschusslorbeeren reagiert er eher verlegen: “Frag’ mich in einem halben Jahr noch mal. Ich kann jetzt gar nichts mehr zur Musik sagen, die habe ich zu oft gehört.” Wenn Matt diesen Satz von Craig 1997 gehört hätte, hätte er vermutlich seinen Zeigefinger schnurstracks an die Stirn geführt und getippt. Damals hat er in einem Detroiter Deli Sandwiches drapiert, wo Leute wie Juan Atkins, Derrick May, Ritchie Hawtin, Kenny Larkin, Stacey Pullen und Carl Craig ein- und ausgingen. Also kam die inzwischen vielzitierte Sandwich-Story ins laufen, deren Vortrag er mit einem Biss ins knackige Baguette direkt vor dem Diktiergerätmikro einleitet. “Ich hatte mein Demotape immer bei mir, als ich in dem Deli arbeitete. Aber ich war einfach zu nervös, es Carl in die Hand zu drücken. Ich kannte ihn ja nicht und wusste nicht, wie er reagieren würde. Also packte ich es in ein Sandwich und ließ es ihm per Lieferung zukommen. Er mochte meine Musik, rief mich an und ich bekam einen Deal bei Planet E.” Inzwischen sind sie gute Freunde, haben gemeinsam mit dem Innerzone Orchestra getourt. Bei den ersten Gigs wollte Matt von Carl wissen, was er denn von ihm als DJ erwartet. Carl sagte nur, dass er spielen solle, was er fühlt. Diesen Satz hat Recloose beherzigt.

Dennoch. Seine Tage in Detroit sind gezählt. Nicht nur die Freundin rief ihn nach Neuseeland. Er musste aus Motor-City weg. “Die Situation ist in Detroit definitiv fucked up. Die Medien berichten nur schlecht, als ob jeder auf den Parties Drogen wirft oder verkauft. Dass die Kids von der Szene fern gehalten werden müssen, weil sie sonst Crack nehmen. Die Leute reagieren total über, wenn man das Wort Rave in den Mund nimmt, es ist als würde man das Wort Terror sagen. Alle ticken aus. Die Polizei checkt Leute, die mit Platten unterwegs sind, auf Drogen. Als Carl beim Detroit Eletronic Music Festival gefeuert wurde – angeblich wegen der Auswahl der Künstler – war das politisch so gewollt, es war nur ein Vorwand. Ich war dadurch total desillusioniert, obwohl das Festival einfach nur großartig war. Ich habe mit Detroit abgeschlossen. Obwohl es so ein guter Ort ist, Musik zu machen.”

Die USA zu verlassen, fiel nicht minder schwer. Erwähnt man nur den Namen Bush, reizt man Matt Chicoine: “Zu Bush sage ich nur eines: Ich warte, ich warte auf den nächsten Mist, der passieren wird. Auf den nächsten Krieg oder was auch immer. Es können sich so viele wirklich böse Dinge ereignen. Ich will es gar nicht wissen.”

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Elektronische Lebensaspekte.