Wenn Alan Wilder dringend einen Job bräuchte, müsste er in seine Bewerbung nur schreiben: Langjähriger Keyboarder und Sounddesigner von Depeche Mode. Will er aber gar nicht. Denn Bands findet er uncool und sein Projekt Recoil funktioniert auch ohne Proberaumabhänger bestens.
Text: thaddeus herrmann aus De:Bug 33

The Black Box Recoil Irgendwo in Schottland. Niemandsland, Sommer. Alan Wilder, Ex-Mitglied von Depeche Mode, fährt über eine holprige Landstrasse. Plötzlich nähert sich von rechts hinten ein lautes Etwas, schiesst über den Wagen und crasht auf die Wiese neben der Strasse. Der Mann, der jahrelang bei einer der erfolgreichsten Popbands der Welt Keyboards gespielt hat, hat soeben einen Flugzeugabsturz live miterlebt, Pilot und sein Cockpit-Companion sind beide sofort tot. “Eine ziemlich gruselige Erfahrung”, berichtet Alan am Telefon. “Woran hat der Pilot wohl zuletzt gedacht? Wochenlang ging mir diese Frage nicht aus dem Kopf. Dieses Motiv steht übergeordnet über meinem neuen Album. Die Geschichten, die in den einzelnen Tracks erzählt werden, könnten seine Gedanken gewesen sein. Der Titel der Platte, Liquid, steht als Sinnbild für die Bedeutung von Flüssigkeiten. Das Blut des Piloten, sein Adrenalin. Vielleicht war er betrunken, ich weiss es nicht.” ‘Liquid’ ist eine Sammlung von düsteren, morbiden Geschichten aus dem personalisierten Horrokabinett, das jeder mit sich rumschleppt. Diamanda Gal‡s, langjährige Künstlerin auf Mute oder die New Yorker Spoken Word Aktivistin nutzen Wilders ungewöhnliche musikalische Mixtur aus Elektronik, Rock, Blues, Gospel und Studioperipherie als geradezu perfektes Vehikel, um ihre dunklen Geschichten tonal an den Mann oder die Frau zu bringen. Eine deepe Reise, die einen direkt in den Kopf von David Lynch katapultiert, dort mit einer klapprigen Achterbahn auf die Reise schickt, Extrarunde eingerechnet, und einen irgendwann wieder auspuckt und höhnisch anlacht. Keine Platte, die man zwischen Dusche und Frühstück auflegt, um so locker in den Tag zu starten. “Da ich ja mit vielen Vokalisten zusammenarbeite, für meine Plattenfirma bin ich der Marketingalptraum schlechthin, beginne ich mit dem Sounddesign, schaue, in welche Richtung es geht und schicke die Demos dann diejenigen, die die Vocals beisteuern sollen. Dann trifft man sich, nimmt auf und hinterher wird die Musik nochmals an das Ergebnis angeglichen. Ich bin auf das Input der Sänger angewiesen, meine eigenen Texte taugen einfach nichts. Ausserdem ist diese Arbeitsweise für mich mittlerweile nahezu perfekt. Recoil ist mein Projekt, ich sage wo es lang gehen soll. Dennoch sitzt man nicht im Glashaus, sondern arbeitet mit anderen zusammen.” Der Blick zurück Alan Wilder kam 1982 zu Depeche Mode und wurde zunächst nur als Live-Keyboarder angeheuert. Bald wurde den anderen Bandmitgliedern aber bewusst, dass Alan mehr konnte. Als integraler Bestandteil der Gruppe hat er den Soundübergang vom schnöden Synthiepop zu experimentelleren Klängen entscheidend mitgeprägt. “Wir haben in der Band sehr bald entdeckt, wo die Stärken der Einzelnen liegen. Martin Gore schrieb die stärksten Songs, Dave Gahan war ein guter Performer und alle waren glücklich damit, mir und dem jeweiligen Produzenten das Sounddesign zu überlassen. Klassiche Arbeitsteilung. Der Punkt ist nur…in einer Band zu spielen ist das absolut Grösste, wenn man 25 ist. Die Gruppe ist deine Gang, du geniesst es durch die Gegend gekarrt zu werden. Wenn aber 35 ist, lässt die Faszination einfach nach. Irgendwann hatte ich es satt, Kompromisse innerhalb der Band zu machen. Ausserdem wollte ich unbedingt das Popformat verlassen. In der Zeit zwischen zwei Depeche Mode Alben hatte ich dann Zeit, an Solomaterial zu arbeiten.” Die ersten Recoil-Platten aus den späten 80ern können Alans Herkunft als Mitglied von Depeche Mode nicht verleugnen. “Ich habe bewusst vor allem mit Sounds und Samples meines Hauptarbeitgebers experimentiert. Damals war der Sampler noch eine relativ neue Erfindung und ich wollte einfach wissen, ob es möglich ist, damit eine ganze Platte zu machen. Die Platten mögen aus heutiger Sicht naiv klingen, meine Arbeitsweise ist aber immer noch dieselbe geblieben. Sammeln, zusammenfügen, auch auf die Gefahr hin, dass es auf den ersten Blick komisch erscheint. HipHop funktioniert doch ganz genauso. Und wenn mir Menschen heute sagen, dass sie mit meiner Mischung aus Breakbeats und Gospel nicht klarkommen, ist das für mich eher ein Kompliment. Ich glaube ich finde das klasse.”

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Elektronische Lebensaspekte.