Zum neunten Mal lud Red Bull im November und Dezember 2005 zu seiner Music Academy ein. Diesmal war das Ausflugsziel Seattle und der Masterplan stabiler denn je. Ein Bericht von vor Ort.
Text: Clara Völker aus De:Bug 99

Musik

Das fliegende Klassenzimmer
Die Red Bull Music Academy in Seattle

Die Red Bull Music Academy ist zwar kein konspirativer Geheimclub, dennoch umweht dieses jährlich stattfindende Musikseminar ein dezenter Hauch des Exklusiven. 2000 zu 60 – das sind drei Prozent der Bewerber, die jährlich eingeladen werden, zwei Wochen lang umgeben von Menschen und Maschinen ihr Musikgeschick aufzupeppen. Da kann man sich als Auserwählter schon geehrt fühlen und voller Tatendrang den Mikrokosmos der Academy betreten. In diesem Jahr hatte man sich im novemberlich freundlichen Seattle angesiedelt, um dort zum neunten Mal die Red Bull Music Academy (RBMA) mit ein wenig poppigem Prunk und Protz über die Bühne gehen zu lassen.

AUFNAHMEPRÜFUNG
Wer zur Red Bull Music Academy eingeladen werden möchten, muss nicht nur einen umfangreichen Bewerbungsbogen und eine Audioprobe abgeben, sondern auch tendenziell offenherzig sein und sich artfremden Musikstilen und dem internationalen Klima der RBMA anpassen können. Denn die Red Bull Music Academy ist eigentlich in erster Linie ein kulturelles Austauschprogramm – Musikbesessene aus aller Welt bekommen die Gelegenheit, unter professioneller Aufsicht an ihrer Musik zu feilen und vor allem sich mit Gleichgesinnten aus anderen Ecken der Erde zu vernetzen. Um einen produktiven Austausch zu gewährleisten, achtet man darauf, dass die Teilnehmer aus einem möglichst breiten Spektrum kommen, so dass in diesem Jahr neben DJs und Produzenten auch ein MC und eine Sängerin geladen waren.

AKADEMIE
Seit ihrem ersten Zusammenkommen, 1998 in Berlin, ist die RBMA sowohl professioneller als auch internationaler geworden: Inzwischen gibt es Bewerbungen aus 69 Ländern und diesmal wurden aus 33 Ländern Teilnehmer eingeladen. Die RBMA funktioniert so: Zweimal knapp 30 Leute werden für je zwei Wochen in eine Stadt eingeflogen, in eine komfortable Unterkunft gesteckt, jeden Tag mit drei Mahlzeiten versorgt, mit einem neuen DJ-Trolley und Zugang zu sechs Studios ausgestattet, tagsüber mit Vorlesungen und Tutorenstunden unterhalten, abends zu Clubevents geshuttlet und zwischendrin immer mal wieder an die Hand genommen. Organisiert wird das Ganze von vier Deutschen mit Sitz in München und Köln sowie während der Academy von einer großen internationalen Crew, die zum Teil von vor Ort kommt – der RBMA ist es wichtig, einen lokalen Bezug herzustellen. Daneben gibt es für jeden Term vier Tutoren, die den Studenten mit praktischem Rat und Tat zu Seite stehen sollen, in diesem Jahr waren das L’Usine, Jeff Samuel, Jake One und andere. Diese Tutoren bringen den Studierenden nicht nur einzelne Programme bei, sondern zielgerichtete und personalisierten Anwendungen mitsamt kleinerer Kniffe, damit diese die Academy mit fertigen Tracks verlassen können. Essentiell für die Academy sind natürlich auch die “Lecturers”, also die erfahrenen Musikhasen, die den Studenten ein wenig weises Wissen vermitteln und sich ihren Fragen stellen sollen. In diesem Jahr waren unter anderem Biz Markie, Morgan Geist, Wajeed, Hank Shocklee, Mu, ?uestlove, Theo Parrish, Sir Mix-A-Lot, DJ Zinc, Oh No, Steve Spacek, die Underground-Resistance-Crew und viele mehr eingeladen. Die Lecture von Underground Resistance war eine der besten, nicht nur, weil hier endlich mal die Kameras ausgeschaltet waren, sondern auch, weil Mad Mike und Co sehr pragmatisch und unprätentiös an die Sache herangegangen sind. Auf Sofas sitzend Tracks zu hören und anschließend zu applaudieren, finde ich jedoch noch immer eine etwas seltsame Art und Weise, seinen Respekt oder Gefallen auszudrücken.

SLEEPING IN SEATTLE
Einen großen Teil der Academys nahm bisher auch immer das Nachtleben ein. Vielleicht aber lieber erst mal zum Tagleben von Seattle, der Stadt mit dem 60er-Jahre-Space-Needle-Turm, der Heimat von Bill Gates, Starbucks-Kaffee und einst des WTO-Gipfels, umgeben von riesigen Bergen, den Drehorten von Twin Peaks, Nadelwäldern und dem Lake Washington. Es scheint eine gute Stadt zum Arbeiten zu sein: An jeder Ecke gibt es Coffeeshops, die einen am Einschlafen hindern wollen, ein wochenendliches Freizeitangebot, das vor allem Wintersportler erfreut, und vor allem nicht allzu viel Ablenkung durch nächtliche Aktivitäten. Zwar hat Seattle mit Ray Charles und Co eine Jazz-Tradition, Jimi Hendrix liegt hier begraben, Kurt Cobain und Konsorten haben hier ihre Bands zum Grunge gemacht, aber ein vernünftiges Nachtleben scheitert damals wie heute an den formalen Bedingungen. Um zwei Uhr machen alle Clubs und Bars zu, um halb zwei gibt es die letzte Runde Alkohol, und da der ausgeschenkt wird, muss man ab zehn entweder mit einer US-I.D. oder einem Reisepass ausgestattet sein, geraucht werden darf seit kurzem auch nicht mehr. Kontrolliert wird das Ganze meistens von ein paar Amibouncern sowie im Club von ein bis zwei Aufpassern mit langen Stahltaschenlampen, die sie den Anwesenden zu verschiedensten Gelegenheiten gerne ins Gesicht leuchten. Mein persönliches Highlight des Seattler Nachtlebens war jedoch definitiv der traditionell christliche Bezug der Clubkultur. Nicht nur Lichterketten, gar ganze geschmückte Weihnachtsbäume ragten da neben den Bassboxen hervor. Andererseits gab es aber auch Clubs mit Obey-Deko und gutem Musikprogramm, das von der Academy inspiriert war, z.B. ein gemeinsamer Auftritt von Steve Spacek und Benji B. sowie im Vorprogramm eine neu zusammengesetzte Band aus RBMA-Studenten. Ansonsten waren die meisten Clubs, bis auf ein etwas College-mäßiges Laptop-Battle, relativ leer und scheinbar hauptsächlich von RBMA-Assoziierten besucht, so dass man sich manchmal vorkam wie auf einer Klassenfahrt. Wie mir Einheimische verraten haben, gibt es in Seattle normalerweise ein bis zwei gute Veranstaltungen in der Woche, für eine Stadt in der Größenordnung gar nicht mal so schlecht. Und es ist ein Glück, dass diese Academy nicht in der anderen anvisierten Zielstadt stattfand, das wäre nämlich New Orleans gewesen. Im nächsten Jahr geht es übrigens nach Australien.

OUTPUT
Dennoch schläft die Red Bull Music Academy nicht und bemüht sich Jahr für Jahr, ein solides und inspiriertes Programm auf die Beine zu stellen. Zum Beispiel gab es im McCaw Konzerthaus in Seattle ein Event namens “ArRange”, bei dem junge Produzenten wie Oh No, UR und Kirk DeGiorgio auf die ältere Garde in Form von Clare Fisher, Dave Matthews und Deodato trafen und gegenseitig ihre Stücke interpretierten, was zum Teil sehr gut gelang. Neben einem jährlich zur Sónar stattfindenenden Alumni-Treffen ist es mittlerweile insbesondere die Website der Red Bull Music Academy, die ihre Fangarme ausstreckt. Dort können alle Daheimgebliebenen Fotos, Portraits, Tagebucheinträge der Academy und die Lectures als Stream bzw. Podcast sehen und hören, zudem gibt es mittlerweile auch ein Webradio, bei dem die vielen Beteiligten und Ehemaligen Shows senden. Auch wenn manch einer Marketingevents gegenüber (zu Recht) sehr skeptisch ist und am liebsten ewig in Kapuzenpullis in klammen Kellern tanzen würde: die RBMA ist eine der cleversten und durchdachtesten Konzepte, gleichzeitig die Interessen des Geld gebenden Unternehmens zufrieden zu stellen und dafür zu sorgen, dass das Geld vergleichsweise sinnvoll investiert wird. Zwar ist niemand perfekt, die Red Bull Music Academy arbeitet aber voller Überzeugung daran, es unter den gegebenen Umständen und Interessen zu werden. Und im Endeffekt sind es eh die Beteiligten, die die RBMA zu dem machen, was sie ist.

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Elektronische Lebensaspekte.

Während die meisten Softdrinkhersteller ihr Werbebudget für unnütze Anzeigen und fragliches Sponsoring verplempern, veranstaltet der "Functional Drink"-Hersteller Red Bull eine DJ Akademie, die dem Nachwuchs aus der Zielgruppe das Hirn erweitern und den Schlaf stehlen soll. Merke: Ein DJ lässt sich besser vom Bullen reiten als vom Harfer stechen.
Text: clara völker aus De:Bug 59

Fahrschule für die Wheels of Steel

Schon seit vier Jahren bemüht sich die Red Bull Music Academy (RBMA), nicht etwa eine langweilige DJ-Hochschule zu sein, sondern engagierten und ambitionierten Nachwuchs-DJs ein schulförmiges Forum für musikrelevante Wissenserweiterung anzubieten. Dazu lädt man einmal im Jahr sowohl prominente und beliebte als auch weniger bekannte, dafür aber unterhaltsame DJs und Produzenten aus fast allen Sparten der modernen Tanzmusik als Dozenten zur Academy ein. Die teilnehmenden Schüler werden vom RBMA-Komittee aus den zuhauf eingehenden Bewerbungen nach den Kriterien Musikbegeisterung, Individualität und Aufgeschlossenheit herausgefiltert. Da die Academy hauptsächlich aus konstantem Kommunizieren mit internationalem Touch besteht, sollte man der englischen Sprache mächtig sein. Die Vorträge und Probierstunden werden lückenlos gefilmt, als Dokumentation und mit dem fernen Ziel, nicht nur den Teilnehmern der Academy, sondern irgendwann auch dem Rest der Nachwelt via Internet einen Einblick in komprimierte und impulsive Situationen der vorgeführten Tanzmusikproduktion zu ermöglichen.

ERSTE ETAPPE

Die erste Teil der letzten RBMA fand im September 2001 in New York statt, was sich als kein glücklicher Zeitpunkt entpuppte, da in der zweiten Woche des ersten Kurses bekanntlich zwei große Türme der Stadt zu Fall gebracht wurden. Party und Musikproduktion wurden kurzzeitig eher unrelevant und die RBMA vorzeitig abgebrochen, auch weil sie unweit des Geschehens in einem ehemaligen Schulgebäude und jetzt Kulturhaus in der Lower East Side stattfand. Dort hatte man eine lichtdurchflutete, großräumige Halle mit Sofas und anderen Komfortsitzplätzen sowie frontal dazu einer Couch für die Dozenten mitsamt Vorführtechnik, also Plattenspieler und wahlweise andere Hardware, ausgestattet. Hinter den Dozenten hängt in jeder RBMA eine Art Kunstwerk, auf dem zwei Stiere vor einem Notenschlüssel zusammenprallen, und in allen vier Ecken stehen kleine Red Bull Kühlschränke mit selbigen Dosen, daneben Wasserspender, der Dehydration wegen. Desweiteren gibt es sogenannte “Studios”, das sind circa sieben im Haus verteilte Räume, in denen man nach der offiziellen Schulzeit Plattenspieler und Mixer plazieren und mit den anderen Teilnehmern oder alleine die mitgebrachten Platten abspielen kann. Dazu steht einem ein Technikraum mit einer guten Auswahl an verschiedenen Turntable- und Mixermodellen zur Verfügung. Ein Produktionsraum ist ebenfalls vorhanden, auch dafür kann man zwischen allerlei Hard- und Software auswählen. Der intensiven Nutzung aller vorhandenen Möglichkeiten steht eigentlich nur der nach allabendlichen Clubbesuchen mit sechs bis acht Stunden, das sind drei bis vier “Lectures”, eh schon lange Tag an der Academy und die manchmal spannenderen Angebote der Stadt wie Plattenläden und sonniges Septemberwetter im Weg. Ein schwarzes Brett gibt es auch, darauf zu finden sind Ausgehtipps für jeden Tag und ein Plan, wann welcher Student in welcher Bar oder Club der Stadt auflegt, was das RBMA-Team im Vorhinein dank guter Connections, auf denen die gesamte Academy aufgebaut ist, organisiert hat. Man kümmert sich sorgsam darum, den Studenten, Dozenten und Journalisten eine motivierende Zeit an der Academy zu bereiten.

DER PLAN

Entstanden ist die RBMA 1998, man wollte Red Bull gleichzeitig ein geschicktes und zeitgemäß intelligentes Werbemodell anbieten und etwas Positives unterstützen: die Weiterentwicklung der Discjockey-Kultur mittels Netzwerken. Daher besteht die RBMA konzeptuell aus “Diskussion, Interaktion und Lernen”, was sich in den unterschiedlichen Themengebieten der Vorträge äußert. Behandelt werden “Musikgeschichte, technische Theorie, Business, Skills und DJing”, bisher in Berlin, Dublin, New York und London. Das Gehör soll trainiert und der Horizont erweitert werden, schließlich sind Stile wie Techno, Disco, Ambient etc. im Grunde bloß unterschiedliche Spielarten der selben Sache. Teilweise gelingt es den Dozenten, sogar eigentlich abgeneigte Students für ihre Musik zu begeistern, manchmal verlieren sie sich in ödem theoretischen Gelaber, das jedes Knopfdrehen als enorm wichtigen und obendrein erklärungsbedürftigen Prozess darstellt. Die Vorträge und Probierstunden werden oft von Mitarbeitern der Academy angekurbelt, es wirkt, als wollten sie so etwas wie das Geheimnis des DJs aus ihnen herauskitzeln, insbesondere durch die Rückführung der Musik auf ihre Entstehungsbedingungen.

Für hohe Konzentration sorgten in diesem Jahr u.a. MJ Cole, der den Spaß des Remixens demonstrierte; John Aquaviva, der, wie auch Turntablist DJ Craze, Final Scratch zeigte; Bunny Bread, der das Innenleben eines MKs und seine Tuningmöglichkeiten darlegte und eine scratchpraktische Übungsstunde gab; DJ Storm, die auf dem Boden der Tatsachen bleibend bemerkte, dass DJing eigentlich eine Dienstleistung ist und daher neben Einfühlungsvermögen Mühe erfordert; DJ Hype von den Phaderheads, gerne als Musterbeispiel für die Academy herangezogen, da er einst Schüler und jetzt Dozent war; Jurassic5, die mit Gummiband an der Plattenspielernadel Bass spielten; David Rodigan, sozusagen ein Klassiker im Programm und als über 50-jähriger Musikfanatiker bei allen beliebt; Beatboxwunder Killa Kela, Michael Mayer von Kompakt, King Britt, Herbert und viele mehr.

NETZWERKEN

Die Students, pro Kurs circa 30 Mittzwanziger aus über 20 verschiedenen Ländern, fanden die RBMA weitgehend gut, vor allem weil sie einen Einblick in bisher unbekannte Aspekte der Musikproduktion erhielten, aber auch weil sie sich als auserkorene Teilnehmer der Academy privilegiert fühlten. Dadurch dass fast alle aus einem anderen Land kamen, konnte man sich permanent austauschen, insbesondere über die Retortentanzmusikkultur im Heimatland, und durch den bevorzugten Musikstil positionieren. Einige waren ein bisschen unglücklich, weil sie sich als einziger Reggae- oder HipHop-DJ in der Gruppe etwas unterrepräsentiert fühlten, andere hatten sich einen allgemeineren geschichtlichen Überblick über unbekannte Musikstile erhofft oder weniger Theorie oder auch weniger Deutsche. Im Großen und Ganzen fanden die meisten es jedoch famos. Auch die Teilnehmer des zweiten Kurses, der sich statt in New York im Februar dieses Jahres in London abspielte, wo man sich auch wieder alle Mühe gegeben hatte, in einem Gemeindehaus im östlichen London unter anderem durch eine omnipräsente Kunstmission eine nette Atmosphäre fürs Lernen und Abhängen zu schaffen, was trotz dunkler und enger Beschaffenheit der Räumlichkeiten und schlechter Akustik ganz gut gelang, mochten die RBMA.

DEMNÄCHST

In diesem Jahr findet die RBMA mit gemeinnütziger Mission in Sao Paolo in Brasilien statt. Man hofft, der miserablen Musikproduktionslage im Land mit ein wenig “freundlich gesinnter Entwicklungshilfe” auf die Sprünge helfen zu können, denn noch fehlt es dem Land anscheinend an Wissen und Mitteln, nicht aber an talentierten Musikbegeisterten, um im internationalen Markt der Tanzmusik mitmischen zu können. Die Chance, dieses tolle Land ohne immense Unkosten zu besuchen, vielleicht gleichgesinnte musikfaszinierte junge Menschen zu treffen und obendrein prominenten und kompetenten Musikschaffenden zu lauschen, habt ihr via Red Bull Music Academy, für die man sich unter http://www.redbullmusicacademy.com bewerben kann.

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