In Japan forscht NTT an der Datenübertragung per Handschlag. Information soll zukünftig auch ohne Bluetooth oder WiFi von A nach B wandern können, vom PDA in die Hosentasche über die Hand auf den Rechner des Gegenüber. Praktisch, dass Kleidung so gut leitet.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 91

RED TACTON

Netzwerke per Handshake oder Datenübertragung über die Haut.

Wer wie ich ein Wolfgang-Hagen-Fan ist, weiß, dass schon in grauen Vorzeiten hüpfende Mönche sich selbst als Stromleitung benutzt haben, aber dennoch ist es eigentlich ein Sakrileg, dass die Tokyoter Institution NTT ihr “erstes” Netzwerk aus Menschenhaut HAN nennt. Selbst wenn einem bei der Idee, dass Daten via Strom über die Haut an andere Haut geleitet wird nicht schlecht wird, denkt man dabei doch sofort an Erzfeind China. Und dann auch noch der Name! Wieso Red?
HAN steht aber für Human Area Networking und beschreibt (das alles geschieht mittels obskurer elektro-optischer Technik) ein neues System von Netzwerken, das, wenn ich nicht ganz falsch liege, Datenübertragung in nicht allzu ferner Zeit so weit in den Körper verlegen wird und zwar so, dass es uns gar nicht mehr auffällt. GPS und RFID sind dagegen ein Witz, wenn die Testphase, die gerade läuft, gut ausfällt. Für NTT ist HAN in der Welt der Netzwerke so etwas wie “die letzte Meile”, nur dass aus der Meile eher Millimeter geworden sind. Mitten im “ubiquitären Computing” der vernetzten Gesellschaft und Ideologien wie “information is always accessible at our fingertips”, werden die Metaphern einfach wahr gemacht. Mittels Handschlag sollen die Daten von einem zum anderen wandern. Die Hand an der Tür soll die Daten übertragen, um das Schloss zu öffnen. Der Laptop auf dem Tisch (denn Red Tacton funktioniert nicht nur auf schwitzigen Wetware-Oberflächen) soll das Netz herstellen. Red Tacton soll (ihr dachtet schon, ihr müsstet euch dafür Elektroden anlegen, gell?) durch die Hosentasche funktionieren, durch Kleidung, ja sogar durch Schuhsohlen. 10Mbit pro Sekunde ist die anvisierte Datenrate und die soll auch nicht geringer werden, wenn sich im Lehrsaal 100 Studenten aufhalten, die alle automatisch durch ihre körperliche Anwesenheit ihre Materialien auf den eigenen Speicher geladen bekommen. NTT hat alles schon eingeplant in ihr neues HAN. Vom offensichtlichen One-to-One-Service (Handshakes dürften zum P2P der Zukunft werden, geteilte Betten zu geteilten Datenpools) über Personalisierungstrategien (Computer anfassen und er loggt dich automatisch ein) bis hin zu schwindelerregenden Sicherheitswelten (Fass nur an, was du darfst, sei nur da, wo du erlaubt bist, etc.) und den Mülleimer für USB Sticks, SmartCards und was man sonst noch bislang wo reinstecken musste, liefern sie auch gleich dazu. Wer nicht mehr glaubt, dass Technologie das alltägliche Zusammenleben verändern kann, der dürfte im Angesicht von Red Tacton schnell nach einem neuen Glauben suchen, oder sofort zur Truppe der Ganzkörpergummi-Fetischisten abwandern, denn wer weiß, was, einmal auf dem Massenmarkt, alles Daten von einem will. Jetzt fehlt nur noch, dass einem jemand mit dem nächsten Pack Socken eine Firewall verkaufen möchte.

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Elektronische Lebensaspekte.