MP3s aus zweiter Hand
Text: Anton Waldt aus De:Bug 159


Foto: uitdragerij (CC-Lizenz)

Musik-Downloads, die man nicht mehr braucht, weiterverkaufen? Skurril, aber möglich, wie ReDigi aktuell vormacht. Die Majors laufen Sturm und der anstehende Prozess könnte zum Präzedenzfall für eine Neuordnung des Urheberrechts werden, nicht nur in den USA.

Im Herbst eröffnete der Second-Hand-MP3-Laden ReDigi seine Pforten zum öffentlichen Betatest. Seitdem kann man in den USA Musik-Downloads, für die man in harten Dollar bezahlt hat, die man aber unterdessen nicht mehr mag, wieder veräußern. Dabei preist sich ReDigi selbst als “die legale Alternative” an, beim im Zweifelsfall schwunghaften MP3-Handel kann man demnach bedenkenlos mitmachen, ganz ohne schlechtes Gewissen ob des Leidens armer Musiker unter der digitalen Hungerknute. Gebrauchte MP3s? Downloads aus zweiter Hand? Das klingt erstmal nach Quatsch mit Soße zum Quadrat und hat sogar als Witz einen langen Bart: Laptops statt Plattenkisten auf den Tapetentischen fliegender Flohmarkthändler und die Kunden tragen ihre Einkäufe auf dem USB-Stick heim … das Szenario ist von Anfang an dermaßen absurd, dass ihm zum guten Witz schlicht die ernsthafte Substanz fehlt, bei deren Demontage Komik entstehen könnte.

Nerd Attack
ReDigi ist daher tatsächlich eine einzige Absurdität, trotzdem meinen es die Betreiber des Dienstes todernst und diese sind mitnichten irgendwelche dahergelaufenen Startup-Bubies, sondern gestandene Endvierziger mit reichlich IT-Branchenerfahrung wie CEO John Ossenmacher oder höchsten akademischen Hacker-Weihen wie CTO Larry Rudolph, der zuletzt Informatik am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) lehrte. Hinter der Plattform stehen also Menschen, von denen man annehmen sollte, dass sie genauso schlau wie respektlos sind: “Wir sind Computer-Nerds”, erklärte Rudolph in einem Statement zum Start des öffentlichen Betatests von ReDigi. Demnach ist die Motivation hinter ReDigi auch ein Proof of Concept, mit dem bewiesen werden soll, dass der legale Gebrauchthandel mit kommerziellen Musik-Downloads möglich ist – allen Unkenrufen zum trotz, die das Gegenteil behaupten.

Selbstkontrolle
Wie immer, wenn es um Geschäftsmodelle mit digitalen Inhalten geht, stellen sich auch bei ReDigi drei Fragen: Funktioniert die Technik? Ist das alles überhaupt legal? Und, nicht zuletzt: Was bringt es dem gemeinen Musikkonsumenten? Und schon die Technik ist bei ReDigi ein bemerkenswertes Sofware-Monster, mit dieser unterwirft sich nämlich der Nutzer selbst einem rigiden DRM-Diktat, während es bislang vor allem Sache der Musikindustrie war, für den Einsatz von “Digital Rights Management” zu sorgen – mit durchwachsenem Erfolg, auf Musik bezogen sind DRM-Konzepte jedenfalls schon öfters an mangelnder Nutzerakzeptanz gescheitert. Jetzt soll man sich also freiwillig so ein Überwachungsbiest installieren, das die Musik auf der eigenen Festplatte pingelig im Auge behält. Dazu überprüft die Software zunächst anhand einschlägiger Wasserzeichen, ob ein Song, den man auf ReDigi anbieten will, überhaupt legal erworben wurde. Ist dies der Fall, wird die Musikdatei in die ReDigi-Datenbank kopiert und anschließend auf der Festplatte des Nutzers gelöscht, womit die Analogie zum Verkauf von Vinyl oder CDs gewahrt bleibt, das MP3 bleibt ein einmaliges Exemplar. Und damit Neunmalkluge nicht nachträglich eine Kopie aus der Hinterhand zaubern, checkt die ReDigi-Software sogar alle Musik-Files, die frisch auf der Festplatte landen.


Foto: Mario Spann (CC-Lizenz)

Musik für Datenmüll
Für jedes solchermaßen transferierte aber eben nicht kopierte MP3, das die ReDigi-Grabbelkisten füllt, bekommt der Nutzer 20 Cent auf seinem ReDigi-Konto gutgeschrieben, wenn der Song für 79 Cent verkauft wurde, erhält der Verkäufer weitere 12 Cent. Neben der happigen Verkaufsmarge von 47 Cent hat die Sache für den Verkäufer noch einen weiteren, gravierenden Haken: Guthaben auf dem ReDigi-Konto lassen sich nicht versilbern, sondern nur dafür benutzen, die gebrauchten MP3s anderer Nutzer zu erwerben. Dass tatsächlich eine Menge Menschen zum bereits ansehnlichen, wenn auch längst noch nicht vollwertigen ReDigi-Sortiment durchs Anbieten von Songs beitragen, ist wohl der Tatsache geschuldet, dass der Großteil brav bezahlter Downloads ungenutzt auf Festplatten rumgammelt, wo er höchstens Staub ansetzt und Speicherplatz blockiert. Für Fans, die Wert darauf legen ihre Musik legal zu erwerben, lautet die Gleichung daher wohl: tendenziell lästigen Datenmüll hergeben und dafür frische Musik bekommen. Und in dieser Rechnung ist es dann erstmal nachrangig, dass der Marktbetreiber etwas ungebührlich mitschneidet. Geht es nach ReDigis in bester Startup-Manier vollmundigen Plänen, soll der MP3-Flohmarkt noch im Laufe dieses Jahres auch europäischen Nutzern offen stehen. Davor haben natürlich erstmal die Anwälte das Wort, wobei sich ReDigi von Anfang an kampfbereit gab: Zum Start des Testbetriebs tat das Unternehmen schon mal vorsorglich kund, die Unterstützung zahlreicher einschlägig spezialisierter Juristen zu haben.

Empörte Rechthaber
Dass ReDigi eine Menge Unterstützung verdammt schlauer Anwälte braucht, war von Anfang an klar und Mitte November eröffnete die Recording Industry Association of America (RIAA) denn auch pflichtschuldig das Geplänkel mit einer offiziellen Forderung nach sofortiger Unterlassung des Handels mit MP3s aus zweiter Hand und der obligatorischen Schadensersatzforderung, als Wiedergutmachung des fortgesetzten kriminellen Treibens abzugelten, weil dieses Urheberrechte der RIAA-Mitglieder Universal, Sony, Warner und EMI verletze. Der unweigerlich anrollende Prozess wird sich in den USA um die Frage drehen, ob die “First-sale doctrine” von 1908, die den Wiederverkauf legal erworbener Inhalte vom Buch bis zur CD garantiert, auch für Musik-Downloads gilt. Sollte es tatsächlich zum Prozess kommen, könnte ReDigi zum Präzedenzfall werden, mit dem so oder so die Weichen der Copyright-Zukunft gestellt werden.
Ähnliches gilt wahrscheinlich auch für Europa, allerdings ist hierzulande die juristische Lage anscheinend noch einmal deutlich verworrener als in den USA, auch wenn der deutsche Bundesverband Musikindustrie auf Nachfrage der taz prompt und präpotent erklärte, dass es “keine rechtliche Grundlage, ein ähnliches Geschäftsmodell derzeit legal in Deutschland zu betreiben” gebe. Wenn man ein wenig in einschlägigen Anwaltsforen stochert, scheint die Lage unterdessen alles andere als klar wie Kloßbrühe. Denn auch wenn deutsche Gerichte wiederholt entschieden haben, dass Konsumenten Musikdateien nicht weiterverkaufen dürfen, sieht die Sache bei Software-Lizenzen im Unternehmensbereich schon deutlich anders aus und juristisch sind ein Office-Paket für die ganze Firma und ein Lady-Gaga-MP3 eben durchaus vergleichbare Güter. Unabhängige Juristen stehen daher auf dem Standpunkt, dass der Weiterkauf von Nutzungsrechten für digitale Inhalte sich mangels einer eindeutigen Regelung im Niemandsland befindet, also weder erlaubt noch verboten ist, bis sich der Europäische Gerichtshof zu einer Grundsatzentscheidung bequemt, die irgendwann 2012 erwartet wird.


Foto: nicoleleec (CC-Lizenz)

Wertigkeiten
Egal wie der ReDigi-Fall vor Gericht einmal bewertet wird, ist der Second-Hand-Plattenladen ein Lehrstück in Sachen digitaler Kulturwirtschaft, angesichts dessen die nach wie vor fremdartigen Eigenschaften digitaler Inhalte deutlich werden, seien es Musik, Bücher, Filme oder eben Software. Aus Konsumentensicht macht der Streit um gebrauchte MP3s vor allem deutlich, dass es sich bei kommerziellen Downloads um eine gänzlich andere Tasse Tee handelt, als bei allen bisher bekannten Darreichungsformen: Musik zu kaufen war von der Schellackplatte bis zur CD eben etwas grundsätzlich anderes als beim Download, mit dem man tatsächlich nur ein begrenztes Nutzungsrecht erwirbt, um dessen Tragweite gerade gerungen wird. Womit ein Inhalt in analoger Form eben doch einen höheren Wert besitzt als sein digitales Pendant, was besonders deutlich bei Büchern mit einer Wirklichkeit kollidiert, in der die Buchpreisbindung explizit unterschiedliche Preise für Datei und Papier verbietet.

Lehrstück
Treibt man das ReDigi-Konzept konsequent auf die Spitze – und in digitalen Netzen steht zu erwarten, dass genau das passieren wird, wenn sich der Dienst juristisch behaupten kann – kommen allerdings auch reichlich bizarre Szenarien heraus. Wenn man Musiknutzungsrechte etwa nur noch für exakt den Zeitraum erwirbt, in dem man diese auch ausübt, sind Labels endgültig gekniffen. In diesem Szenario müssten natürlich die An- und Verkaufsgebühren von ReDigi auf eine Mikrogebühr zusammenschrumpfen, aber genau das dürfte passieren, wenn sich der MP3-Gebrauchtmarkt als legal entpuppt und Scharen von ReDigi-Nachahmern ins Netz stürmen. Aber auch sonst hält die Causa reichlich Fallstricke für die Musikindustrie bereit, allein weil sich ein möglicher Prozess schnell um die Legitimität von DRM an sich drehen könnte, also wie wirkungsvoll DRM-Systeme überhaupt sein können und wie weit sie unsere Festplatten-Privatsphäre dominieren dürfen. Das Ende vom Lied – von welchem Tonträger auch immer es tönen mag – ist unterdessen schon absehbar: Geistiges Eigentum und Internet sind kaum kompatibel und irgendwann müssen wir entscheiden, was wichtiger ist.

http://www.redigi.com

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Elektronische Lebensaspekte.

11 Responses

  1. HansiHinterseer

    Zur Klärung der Rechtslage ist ein derartige Geschäftsmodell ja echt spannend.

    Beim Musik-Kauf wäre ich jedoch skeptisch. Wenn sich digitale Musik im Range von ca. 1 Eur pro Track bewegt, sollte der Anreiz relativ gering sein, diesen mit weiterem Suchaufwand irgendwo noch günstiger zu bekommen. Leute, die möglichst wenig bis kein Geld für Musik ausgeben möchten saugen eh weiterhin illegal for free.

    Aber genau hier dürften die langfristigen Auswirkungen echt interessant sein, da den illegalen Anbietern hier ein Anreiz gesetzt wird, die Musik nicht mehr kostenlos anzubieten. Wenn man den Weiterverkauf über derartige Verkaufsportale tracken würde und ein Teil des Umsatzerlöses dem Urheber zukommen würde, fänd’ ich die Idee sogar gut 😉

    .

  2. lala

    “Aber genau hier dürften die langfristigen Auswirkungen echt interessant sein, da den illegalen Anbietern hier ein Anreiz gesetzt wird, die Musik nicht mehr kostenlos anzubieten. ”
    genau, die fileshareer werden drm für die paar cent lieben und sich “schnüffel- und du darfst nicht”-software installieren, lol

    “Wenn man den Weiterverkauf über derartige Verkaufsportale tracken würde und ein Teil des Umsatzerlöses dem Urheber zukommen würde…”

    den urheber doppelt bezahlen, lol

    rechtlich interessant, aber ich dachte wir hätten den drm mist hinter uns!!!