Die Freiheit der Anonymität. Hinter seiner roten Maske kostet sie der ominöse "Redshape" voll aus und frönt ganz seiner Detroit-Liebe. So frisches funky Futter hat der Mythos lange nicht mehr bekommen.
Text: Sven von Thülen aus De:Bug 105

Techno

Der Mann mit der Maske
Redshape

Seit dem Techno vor gefühlten drei Dekaden mit diskursfreudigem Elan und 909-Wirbel das Konzept der klar zu identifizierenden Autorenschaft gegen die Anonymität der durch die Musik sprechenden Maschinen eingetauscht hat, ist eine ganze Menge passiert. Nur noch wenige Label oder Produzenten halten störrisch an dieser Politik der Unsichtbarkeit fest, die für andere mittlerweile vor allem Techno-Folklore ist. Trotz allem funktioniert die richtige Mischung aus Sound und Verweigerung natürlich nach wie vor perfekt, um die ganze Zeichen- und Geschichts-Tretmühle, auf die jedes Detail zum Beispiel einer Sleeparchive-Platte verweist, genüsslich in Gang zu bringen. Fragen werden aufgeregt gestellt, Mythen und Legenden auf- und hochgekocht.

In diesem Frühjahr erschien auf Amsterdams Vorzeigelabel für High-Tech-Soul Detroiter Prägung eine Maxi von Redshape. Ein Produzent, von dem vorher noch niemand etwas gehört hatte, mit einer Platte, die mit flirrenden Synthie-Sequenzen straight und wuchtig gleich ein ganzes Arsenal bester Detroit-Traditionen ins Jetzt übersetzte. In Delsins Hauptquartier schwieg man sich auf Nachfrage über die Identität oder Herkunft Redshapes aus und machte, ob des Interesses sichtlich amüsiert, nur vage Anspielungen. Aus Deutschland, wenn nicht sogar aus Berlin soll er – ja, Redshape ist ein er – kommen und eigentlich ein schon bekannter Techno-Produzent sein, der seine Identität nicht preisgeben möchte. Während so also den wildesten Spekulationen Tore und Türen geöffnet waren, hörte man dann eine ganze Weile erst einmal nichts mehr. Irgendwann tauchte im Zusammenhang mit Redshape ein Bild von einer roten Maske auf. Und kurz darauf zwei weitere Maxis. Eine auf Berlins jüngstem Detroit-Außenposten Styrax Leaves und eine auf Present, ein karg bedrucktes Whitelabel. Und auch die Tracks auf diesen beiden weiteren Lebenszeichen sind perfekt verdichtete Detroit-Techno-Erzählungen, die mit ihrem Oldschool-Charme, ihrem unterschwelligen Pathos und ihrer rohen Deepness nicht nur alle Register in Sachen Geschichtsbewusstsein und Heldenverehrung ziehen, sondern dabei auch noch so frisch und funky klingen, wie man es in diesem Zusammenhang lange nicht mehr gehört hat.

Aber wer ist Redshape nun? Eine Antwort müssen wir hier schuldig bleiben. Tatsächlich ist er schon einige Jahre als Produzent dabei. Techno, ja, aber die harte Schule. Oliver Ho, James Ruskin und so weiter. Einen Namen mag er nicht nennen. Bilder gibt es auch keine, die rote Maske muss genügen. Sie ist Teil des Konzeptes und wird auch bei Live-Auftritten getragen. Irgendwann wird sowieso jemand die richtigen Schlüsse ziehen und eins und eins zusammenzählen. Bis dahin will er an seiner eigenen kleinen Techno-Mythologie weiterbasteln. Macht ja auch Spaß. ”Jetzt wo ich weiß, dass es Feedback auf Redshape gibt, werde ich noch ein bisschen spielerischer damit umgehen. Ich kann jetzt auch meine ganzen alten Synthies wieder benutzen, weil das einfach passt. Im Techno-Bereich, in dem ich mich vorher bewegt habe (und auch immer noch bewege), gibt es so viel ungeschriebene Gesetze und Regeln, die man beachten muss. Es darf nicht cheesy sein, bloß keine Snare auf zwei und vier, solche Sachen halt. Hauptsache es ist kalt und hart. Domina-Techno hab ich das immer genannt. Bei Redshape hab ich jetzt viel mehr Freiheiten. Außerdem ist es wirklich super, dass sich auch die Leute hier in Deutschland so dafür interessieren. Das war bei meinem anderen Projekt nie so, obwohl die Verkaufszahlen gut waren. Aber harter Techno ist hier halt nicht mehr so angesagt.“

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Elektronische Lebensaspekte.