Alle lieben Regine Debattys Blog "We Make Money Not Art". Und Regine liebt, dass sie jetzt hauptberuflich bloggen darf.
Text: Chris Köver aus De:Bug 99


Eine Frau und ihr Blog

Regine Debatty ist eine viel beschäftigte Frau. Seit die 34-jährige Belgierin Anfang des Jahres ihren Vollzeit-Job als Medienberaterin gekündigt und ihr “Hobby” zum Beruf gemacht hat, ist sie zwar um einiges glücklicher, schläft dafür aber auch unruhiger. Schließlich hat sie einen guten Ruf zu verteidigen. Ihr Blog We Make Money Not Art, der sich im weitesten Sinne an der Schnittstelle von Kunst und Technologie abarbeitet, zählt zu den beliebtesten des Netzes (Der Weblog-Index Technorati rankte ihn zwischenzeitlich auf Platz 95 der Top 100). Und damit das so bleibt, durchforstet Regine täglich bis zu zehn Stunden lang den virtuellen wie auch den realen Raum, fährt zu Kongressen, Ausstellungen und Festivals, immer auf der Suche nach neuen interessanten Meldungen. Ihr Blog, der im März 2004 als Dokumentation für künstlerische Aneignungen und Umnutzungen von Technologie begonnen hat, ist inzwischen zu einer wohldosierten Mischung aus neuen Gizmos, Medienkunst, Biotechnologie, Locative Media, Design und Robotik geworden, die Kunst-Aficionados wie Nerds gleichermaßen zu begeistern scheint. Nebenher postet Regine zudem auf weiteren bekannten Tech- und Design-Blogs wie Popgadget, Smartmobs oder Core 77 und arbeitet freiberuflich als Beraterin für Telekommunikationsfirmen. Wir sprachen mit ihr über ihren Werdegang, die Härten, die das Leben als Vollzeit-Bloggerin so mit sich bringt, und darüber, wie sich mit Kunst Geld verdienen lässt.

Du hast ursprünglich Latein und Griechisch studiert. Wie um alles in der Welt bis du von dort zu einem Blog über Kunst und Technologie gelangt?

Normalerweise langweilen mich die Berufe, die ich ausübe, nach spätestens sechs Monaten dermaßen, dass ich mich nach etwas Neuem umsehe. Mein Blog ist tatsächlich der erste Job, der mir wirklich Spaß macht und bei dem ich über längere Zeit dabeibleiben kann. Ich habe früher mal Latein und Griechisch unterrichtet, aber es gab kaum Jobs und ich mochte die Arbeit ohnehin nicht besonders. Also begann ich, für das belgische Fernsehen Reisesendungen zu moderieren und Dokumentationen zu drehen. Irgendwann traf ich dann jemanden, der bei einer Werbe- und PR-Agentur arbeitete. Er mochte seinen Job auch nicht, war aber fasziniert von Mobiltelefonen. Also entwickelte er diese künstlerische Applikation für ein Mobiltelefon und tourte damit durch europäische Galerien. Irgendwann erfuhr sein Chef davon und half ihm, diese Arbeit an einen Mobilfunkhersteller zu verkaufen. Die benutzten sie dann für eine Werbekampagne. Das brachte uns zum Nachdenken: Auf der einen Seite schien es diese ganzen Künstler/innen und Hacker/innen zu geben, Menschen, die Technologie auf Weisen benutzten, für die sie nicht vorgesehen war – denn ein Telefon, ein Computer oder ein RFID-Tag sind nicht dafür gedacht, Kunst herzustellen. Auf der anderen Seite gab es die Leute, die diese Technologien herstellten und verkauften. Wie konnten diese beiden Seiten sich treffen? War es normal, dass ein Künstler eine Arbeit an einen Mobiltelefonhersteller verkaufen konnte? Wir wollten weiter in diese Richtung arbeiten, wussten aber nicht genau, wie. Also begannen wir damit, ähnliche Projekte zu recherchieren und in einem Blog zu dokumentieren. Daher auch der Name “We Make Money Not Art”.

Ging es euch darum, Wege zu finden, wie man mit Kunst gleichzeitig seinen Lebensunterhalt verdienen kann?

Nicht nur. Mein Blog ist ziemlich erfolgreich und seit Anfang des Jahres bin ich Vollzeit-Bloggerin, verdiene also meinen Lebensunterhalt damit. Aber mein primäres Anliegen mit dem Blog – wie im Übrigen auch mit meiner Arbeit als Beraterin und den Vorträgen, die ich auf Konferenzen halte – ist es, die Computer- und Mobilfunkhersteller, also die Leute, die die Technologien herstellen, davon zu überzeugen, dass sie Künstler/innen, Hacker/innen und Interface-Designer/innen in diesen Prozess mit einbeziehen. Ich bin nämlich überzeugt davon, dass man durch das Betrachten von Medienkunst manchmal mehr über die Wünsche und Motivationen der Technologie-Nutzer/innen lernen kann als durch soziologische Erhebungen oder Ähnliches. Die Idee hinter meinem Blog und meinen anderen Aktivitäten ist es also, diesen Firmen zu zeigen, dass es da draußen Menschen gibt, die ihre Technologien auf interessante Weisen einsetzen, und sie hoffentlich mit diesen Menschen zusammenzubringen. Manchmal wird das von den Firmen gut aufgenommen, manchmal werde ich angeschaut, als sei ich vollkommen durchgeknallt.

Hast du vor “We Make Money Not Art” schon andere Blogs betrieben?

Nein, ich hatte weder eine Ahnung von Blogs noch von Technologie. Und vor allem hatte ich keine Ahnung, dass es Leute gab, die mit Technologie Kunst produzierten. Ich war nur gelangweilt von meinem Job und wollte etwas Neues anfangen. Alles, was ich jetzt über das Thema weiß, habe ich mir im Laufe der vergangenen 1 1/2 Jahre angeeignet und ich finde es immer noch seltsam, dass Leute mich jetzt für eine Expertin auf dem Gebiet halten.

Möchtest du mit deinem Blog auch eine größere Öffentlichkeit für die Projekte schaffen, die du postest?

Anfangs war es wirklich nur ein ganz privates Rechercheprojekt. Aber inzwischen funktioniert “We Make Money Not Art” als eine Art Katalog oder Plattform, auf der ich präsentieren kann, was junge Künstler derzeit so machen. Ich weiß, dass einige Firmen auf mein Blog schauen, aber auch Medienkunststudenten, -professoren und Journalisten, z.B. von The New Scientist oder Wired. Einerseits will ich also neue Arbeiten zeigen, andererseits sollen sich Medienkunststudenten bei mir über existierende Projekte informieren können. Viele arbeiten an einem Projekt, ohne sich dessen bewusst zu sein, dass jemand anderes ein Jahr zuvor bereits das Gleiche oder etwas Ähnliches gemacht hat. Durch den Blog erhalten sie die Möglichkeit, diese Leute zu finden und mit ihnen Kontakt aufzunehmen.

Es geht also auch um Networking?

Ja, auf jeden Fall. Ich glaube, was das betrifft, ist der Blog ein Anfang, aber noch bei weitem nicht genug. Aber es ist schön, von Künstler/innen oder Designer/innen zu hören, dass sie aufgrund eines Posts auf meinem Blog von CNN oder einer überregionalen Zeitung interviewt wurden, dass ihre Arbeit mehr Öffentlichkeit erhielt.

Seit professionelle Journalisten und Journalistinnen angefangen haben, bei ihrer Themenrecherche auf Blogs zurückzugreifen, können diese als eine Art Katalysator für bestimmte Themen funktionieren. Freut es dich oder besorgt es dich eher, wenn Mainstream-Medien deine Themen aufgreifen?

Ich freue mich sehr darüber, wenn Mainstream-Medien sich entschließen, ein von mir gebloggtes Projekt aufzugreifen, vor allem für die Künstler/innen natürlich. Was mich weniger freut, ist die Art und Weise, wie das häufig geschieht. Meine Geschichten stehen alle unter einer Creative-Commons-Lizenz. Ich habe also kein Problem damit, wenn ein anderer Blog oder eine Zeitung eine von mir gepostete Geschichte aufgreift, so lange sie erwähnen, dass die Geschichte von mir stammt oder mir gegenüber zumindest ehrlich sind. Ich kenne z.B. einen Journalisten vom New Scientist, der häufig meine Geschichten verwendet, mir aber aufgrund der internen Politik seiner Zeitung keine Credits dafür geben darf. Aber er bedankt sich wenigstens persönlich bei mir. Andere hingegen klauen einfach meine Geschichten. Es gab z.B. einen Fall, wo ein Journalist, der für eine sehr bekannte Publikation schreibt, an einem Thema interessiert war, dass ich gebloggt habe. Ich erklärte ihm dann den gesamten Kontext des betreffenden Phänomens und gab ihm Hinweise, welche Projekte er sich in dem Zusammenhang noch ansehen sollte. Im Wesentlichen hat er dann ein Copy & Paste der Informationen veröffentlicht, die ich ihm gegeben hatte, ohne auch nur ein einziges Mal meinen Namen zu erwähnen oder mir jemals dafür zu danken. Das finde ich einfach unverschämt.

Worin siehst du den Hauptunterschied zwischen deinem Blog und der traditionellen journalistischen Berichterstattung über Medienkunst?

Ich habe lange Zeit als Journalistin gearbeitet und deswegen gute Vergleichsmöglichkeiten. Ich denke, der größte Unterschied besteht darin, dass ich wirklich nur auf dieses eine Thema “Technologie und Kunst” fokussiert bin. Verglichen mit einer traditionellen Journalistin bin ich also besser über das Thema informiert. Nicht dass ich besser wäre, ich habe einfach nur wesentlich mehr Zeit damit verbracht, dieses Thema zu recherchieren. Wenn Forbes oder die New York Times über ein Medienkunst-Thema berichten, so ungefähr ein Mal alle drei Monate, dann beauftragen sie häufig jemanden, der nicht so stark in das Thema involviert ist. Ich bin einfach häufiger vor Ort und weiß besser Bescheid.

Wie wählst du die Themen aus, die du auf deinem Blog präsentierst?

Das ist schwer zu erklären. Ich bin eine ziemlich emotionale Person und folge keinem wirklichen Leitfaden bei der Auswahl. Manchmal sehe ich z.B. eine großartige Arbeit, habe aber keine Lust sie zu bloggen. Das ist etwas unfair (lächelt entschuldigend). Die Themen und Projekte, die ich zeige, müssen neu sein und irgendwie anders. Ich lese unglaublich viel und es gibt viele Dinge, die ich nicht blogge, weil sie schon auf Gizmodo oder Boing Boing auftauchen. Entscheidend ist auch die Mischung: Ich versuche, jeden Tag mindestens ein nerdiges, ein künstlerisches und ein albernes Thema zu posten, damit jeder etwas findet, das ihn anspricht. Außerdem wechselt die thematische Ausrichtung meines Blogs, je nachdem, was mich in dem Moment persönlich interessiert. Vor einigen Monaten interessierten mich Locative Media, inzwischen bevorzuge ich eher Biotechnologie und in drei Monaten kann es wieder etwas ganz anderes sein.

Blogs sind ja häufig gerade für ihre subjektive Perspektive beliebt. “We Make Money Not Art” ist hingegen auffallend objektiv, präsentiert eher Informationen, als sie zu kommentieren. Ist das eine bewusste Entscheidung?

Ja, ich versuche meine eigene Person beim Bloggen möglichst außen vor zu lassen und neutral zu bleiben. Gelegentlich, wenn ich die Arbeit selber auf einem Festival wie z.B. der Transmediale erlebt habe, schreibe ich auch etwas Persönliches darüber – ob und wieso es mir gefallen oder nicht gefallen hat. Wenn ich eine Arbeit hingegen nur Online gesehen habe, versuche ich, sie so neutral wie nur möglich zu beschreiben.

Bereitet es dir manchmal Kopfschmerzen, ständig neue Inhalte finden zu müssen, um dein Blog zu füttern?

Oh ja, es ist ein Albtraum. Manchmal geht es ganz einfach und ich bin morgens schon fertig. An anderen Tagen habe ich das Gefühl, es passiert absolut nichts. Dann sitze ich von sechs Uhr morgens bis zehn Uhr nachts vor dem Rechner und werde ganz depressiv. Ich bin total besessen davon, ständig neue Inhalte finden zu müssen. Heute Morgen habe ich z.B. erst drei Geschichten gepostet und fühle mich ganz schlecht deswegen.

Drei sind nicht genug?

Nein, ich strebe an, mindesten sechs Geschichten täglich zu posten. Schließlich bin ich hauptberuflich Bloggerin und wenn ich keinen Traffic auf meiner Seite habe, dann klicken die Leute auch nicht auf Werbung. Seit ich Anfang des Jahres meinen Job gekündigt habe, lebe ich von meinem Blog. Dadurch und durch gelegentliche Artikel oder Konferenz-Einladungen komme ich ganz gut zurecht. Ich werde sicher nie reich werden, aber das ist vollkommen in Ordnung.

Du schreibst u.a. auch für Popgadget, einem Technologie- und Lifestyle-Blog speziell für Frauen. Ist es dir ein besonderes Anliegen, Frauen und Technologie einander näher zu bringen?

Ich schreibe im Moment seltener für Popgadget, weil ich durch mein eigenes Blog weniger Zeit habe. Ich will aber weiterhin dort mitarbeiten, denn ich denke, ihre Arbeit ist wichtig. Wenn z.B. Samsung oder ein anderer Mobilfunkhersteller ein neues Telefon für Frauen auf den Markt bringt, dann ist es rosa oder beinhaltet nutzlose Funktionen wie z.B. eine Applikation, mit der man seinen Zyklus überwachen kann. Frauen wollen aber keine pinken Telefone. Für mich sind Blogs wie Popgadget eine Möglichkeit, den Herstellern mitzuteilen, dass Frauen auch Technologie konsumieren, dass sie eigene Bedürfnisse haben und was diese Bedürfnisse sind. Bei den Konferenzen und Workshops, zu denen ich eingeladen werde, fällt mir außerdem immer auf, dass mehr Männer als Frauen anwesend sind. Wenn ich die Veranstalter dann darauf anspreche, versichern sie mir, dass sie bereits bewusst überdurchschnittlich viele Frauen eingeladen haben, damit das Geschlechterverhältnis einigermaßen ausgewogen ist. Die meisten Männer in der Szene haben ebenfalls ein Interesse daran, mehr Frauen an den Konferenzen teilnehmen zu lassen. Ich finde es traurig, dass man immer noch zu diesen positiven Diskriminierungsmaßnahmen gezwungen ist, fast als ob Frauen behindert wären, aber das Ergebnis ist es wert.

Kannst du dir vorstellen, “We Make Money Not Art” die nächsten Jahre weiter zu betreiben?

Ich bin mir noch nicht sicher. Es hat mein Leben wirklich zum Positiven verändert, ich liebe, was ich tue, und treffe viele interessante Menschen. Andererseits habe ich keine Zeit mehr für meinen Freund, gehe kaum noch ins Kino und bin nur noch von meinem Blog besessen. Ich kann z.B. morgens nicht im Bett liegen bleiben, weil das Erste, woran ich nach dem Aufwachen denke, der Blog ist.
http://www.we-make-money-not-art.com

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Elektronische Lebensaspekte.