Der japanische Produzent Rei Harakami ist in seinem Heimatland gefragt als rechte Produzenten-Hand von Superstars. Mit seiner eigenen Musik will er es sich aber hauptsächlich gemütlich machen.
Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 97

Eindrücklich leicht

“Es hat mich umgebracht”, schreibt Rei Harakami. Vier Jahre hat er gebraucht, um sein neues Album “[lust|]” aufzunehmen. Nein, keine Blockade, keine Ideenlosigkeit; schlicht und einfach zu viel Arbeit. “Ich habe andere Projekte produziert, einen Remix nach dem anderen gemacht. Wenn ich an eigenen Stücken arbeite, dann ist es wie die Suche nach mir selber. Ich kann keine Kompromisse machen. Aber es hat mich umgebracht.”
Japan ist einfach zu weit weg. Man macht sich völlig falsche Vorstellungen von den Strukturen, mit denen sich das Musik-Business gegen den Bankrott wehrt und vor allem von den Netzwerken und vom Respekt, der dort herrscht. So tritt man gerne ins Fettnäpfchen. Rei Harakami ist so ein Beispiel. Klar, er ist auf Sublime, hat mit und für Ken Ishii gearbeitet, aber sonst? Beschäftigt? Drei Elektronika-Alben haben in den seltensten Fällen derartige Nachwehen. Harakami selbst ist zu bescheiden, um ins Detail zu gehen, die Plattenfirma springt ein und lüftet das Geheimnis. Harakami hat die letzten beiden Alben von Akiko Yanno produziert, der Ex-Frau von Sakamoto. Megastar mit Megastar-Ehefrau, die in den letzten Jahren mit Hilfe Harakamis die Verwandlung von der Jazz-Pianistin zur Songwriterin geschafft hat. Seitdem kann sich Harakami vor Angeboten nicht retten und musste sich radikal zurückziehen für seine neue Platte. Und die hat es in sich.

Die Eckdaten sind schnell erzählt: Geboren 1970, saß Rei schon mit drei Jahren am Klavier, türmte aus dem Klassenzimmer und klimperte lieber zu Hause. In der Highschool dann Bands und an der Uni schließlich, in Kyoto, ein Filmstudium und die langsame Formung einer eigenen musikalischen Idee. Seit 25 Jahren experimentiert er mit Elektronik, das E-Piano steht dennoch immer im Mittelpunkt. “[lust|]” zeigt das deutlicher als seine bisherigen Alben. Gemütlich zwischen den Stühlen klingt Harakami wie ein Ein-Mann-Jazzorchester mit Squarepusher an den Drums, ein Orchester, das den ganzen Sommer über in einem Seebad auf der Promenade spielt, umgeben von Luftballons. Nur … Harakami ist allein, bläst sein E-Piano mit endlosen Delays zu Orchestergröße auf, schichtet und schichtet, bis man denkt, man sitzt mitten drin. Es ist easy, aber nicht vergänglich. Fluffig, aber einprägsam. Einfach, und doch so vielschichtig, dass man genau hinhören muss. “Immer wenn ich Musik mache, überlege ich mir: Was brauche ich, um mich gut zu fühlen, um es mir gemütlich zu machen. Ich mache Musik als Soundtrack für die wenige freie Zeit, die ich habe, Musik, die mir meine Zeit noch angenehmer machen kann.” Und so schwebt “[lust|]” von Track zu Track. Das ist Rei wichtig. Er kennt das Business und fühlt sich nicht wohl: “Ich bin täglich mit Vorgaben und Eingrenzungen konfrontiert. Diese Realität hämmere ich mir jeden Tag wieder in den Kopf. Es ist wichtig, das immer präsent zu haben, nur so kann ich mich bei meinen eigenen Tracks wirklich frei machen, nur so ist es der tatsächliche Ausdruck meiner Gefühle.”

Um diese Träume umzusetzen, braucht es nicht viele Gerätschaften. Kauft man heute einen Rechner … Harakamis Software würde nicht mehr auf ihnen funktionieren (“… das wird noch ein echtes Problem in den kommenden Jahren, ich mag gar nicht dran denken …”). “All das ist nicht wichtig. Leute sprechen mich an und reden über elektronische Musik und wie mein Album heraussticht. Ich will nur Musik machen, die Elektronik ist mehr Zufall. Für die Leute, die immer wieder diese Schublade aufmachen, habe ich keine Hoffnung mehr.”
Egal. “[lust|]” macht genug Hoffnung. Und dass es irgendwann keine Delays mehr geben wird, ist unwahrscheinlich. Erst dann hätte Rei theoretisch ein Problem. “Delay? Like,loosing memory, fade memory away, getting forgot, time goes by.”
Genau.

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Elektronische Lebensaspekte.