Text: Erk Richter aus De:Bug 37

Wer wissen will, warum alles so kam, wie es kam, der müsste schon mindestens bei einem Auto anfangen, auf der Autobahn zwischen Frankfurt und Köln. Dr. Walker, damals noch Ingmar Koch, pendelte eine Zeitlang zwischen FFM und Köln aufgrund frischgeknüpfter Kontakte und Labeloffensiven mit Burger und Voigt. Walker war noch weit davon entfernt, zum späteren Prediger der Slogans von “Rettet die Ernte” bis “Reissdorf Force” zu werden und mischte erst einmal Deutschlands Labellandschaft und ganz Köln auf mit Acid, Hardcore, DjUnglefever, Blue, XXC3, usw. usf. Im Rücken ein Kontakt zum naheliegendsten Presswerk. Irgendwann sah er ein, dass es nicht alles sein kann, einfach eine Platte nach der nächsten rauszupushen. Er bekam einen festen Platz bei Harvest, begann Gestaltung immer mehr selbst zu machen, pushte sein eigenes Image mit seinen Markenringen bis an die Grenze zum Starruhm und begann mit den Fingern an jedem Knopf die Modulation einer ganzen Stadt, von Ämtern, Kneipen, Festivals bis hin zum Styling. Die Stationen sind endlos und nicht in der richtigen Reihenfolge: Deutscher Arm von Liquid Sky, Kneipengründer (Liquidsky), Clubimperator (6Pack, Blueshell, 42), Miterfinder der Houseattack und des Liquid Sky Echos, 60s Revitalizer und notorischer alles mit Z-Schreiber, Battery Park, Elektro Bunker, manischer Männchenmaler, Berge von Releases, Projekten und Ideen, verwirklichte und unverwirklichte, grosse und kleine. Mit Walker kam jemand in die Stadt, der soviel in Bewegung gesetzt hat und soviele Kontakte in die ganze Welt pflegte, von Rising High über Kraftwerk bis Czukay und zu den HipHopern der Illen Zeiten, dass einem schwindelig wurde. Während die meisten Kölner, oder das, was man von ihnen so im weiteren Umland sah, immer eher patriarchalisch strukturiert schienen, mit einer Welt im Umkreis des Brüssler Platzes ganz gut zurecht kamen und am liebsten nur von anderen Kölnern Musik hören wollten, die klingt, wie Musik aus Köln, war Walker mittendrin eine Art Zentrifuge der Expansion. Wenn Kölner per se, falls es soetwas gibt, immer schon gesellig sind, dann war Walker soetwas wie eine konstante Party, bei der alle Türen ständig offen standen. Das klappte mal mehr, mal weniger gut, wurde musikalisch in den letzten Jahren vom analogen Synthesizersammler immer beatorientierter, immer aber blieb der Wille zum Pop, der Expansion nahezu zwangsläufig bedeutet. Und so erfand Dr. Walkerª ein Projekt nach dem anderen, das versucht, diesen Spass am Ausdehnen, der Zeit, der Jugend, der Welt, der Stadt, der Räume und der Personenkreise aufzufangen, ihm eine musikalische Form zu geben, die gross genug ist, weit genug, um nicht nur seine Vorlieben, sondern auch die unzähliger anderer zu fassen. Am besten gelingt das vielleicht mit der mit Freddy Fresh schon 96 gegründeten Reissdorf Force. Einem Reisswolf, der sich die Stadt vornimmt, angefangen bei dem, was ihr am heiligsten ist. Ich bin die Macht, sagt Reissdorf Force ziemlich deutlich, und die Macht sind viele. Kein Wunder, dass sich im Laufe der Jahre immer mehr Acts um Dr. Walker gesammelt haben, die alle, schwupps, in Reissdorf Force integriert werden sollten. Nick Frost, M.Flux, Wolfmanson, Joker, Burger, Thomas Thorn, R.Schmitz, Frank Heiss, wer auch immer im Liquid Sky, dem Tummelplatz der Posse seit Jahren, leider vorübergehend wegen Lautstärke und Anwohnerbeschwerden geschlossen, oder was sonst noch an täglichem Faschismus diesen minimalen Flecken Spass in Köln wegputzen wollte, einen Namen hat, dabei war, in dieser ständigen Expansion rings um Dr. Walker. Reissdorf Force ist ein Projekt, das sich selber überlebt, das immer wieder, wenn die richtige Mischung im Studio ist, anvisiert werden kann. Ein Kommentar und eine Zusammenfassung der Kölner Jahre von Dr. Walker, nicht immer ganz ernst gemeint, aber mit viel Spass entstanden, nicht forciert, sondern selber Macht, und nun ist er wohl endgültig in sein Exil, das neue Syncom Centrum in Griechenland ausgewandert. Gastspiele sind unvermeidbar, aber das Zentrum ist definiv jetzt woanders. ————-zusatzkasten————–> Liquid Sky for Real Es mag geschlossen sein, Kölns bekanntestes Wohnzimmer, aber es hat Pläne. Es will das grösste elektronische Wohnzimmer der Welt werden. Wie das? Mit dem Netz natürlich. Das Liquid Sky in Köln soll nach Streit mit dem Ordnungsamt und einem ganzen Wust von spontanen und organisierten Liebesbekenntnissen zu diesem Laden nun wiedereröffnen. Zusammen mit dem Ex 42DP Geschäftsführer will Thomas Thorn den Laden wieder aufbekommen, und gleich, wie sich das gehört, ein veritables Internetradio daraus machen. Der Popkommserver steht dazu bereit, denn hier soll sich nach der neusten Stadtnetzpolitikmusik die neue Kölner Internetradio- und Internetmusik-Posse selbstverständlich vereinen, also lassen sie einen Haufen Real Audio Lizenzen springen, und das Liquid Sky ist dabei. Aus dem Keller, dem ehemaligen Studio der Dr. Walker Posse Namens Ocean Blue, werden ab Juli, auch wenn es mit dem Real Life Opening noch nicht klappen sollte, unter Hilfe von drumandbass.de Felix und ein paar Sponsoren jeden Tag 2-4 Stunden Programm mit Interviews und anderen Dingen der jeweiligen Gäste des Abends kommen, und mindestens 3 Stunden das Programm aus dem Liquid Sky selber übertragen werden. Das Programm? Neue Acts wie immer, alte Liquid Sky Allstars und vielleicht ein paar Gäste aus dem Netz oder anderen Orten der Clubradiowelt. http://www.liquid-sky.net liquidskycologne@hotmail.com

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Elektronische Lebensaspekte.