Für Matt Edwards alias Radio Slave ging es in den letzten Monaten rund. In seinem neuen Heim in Kreuzberg findet er nun Zeit, Zukunftspläne für sich und sein mitbetriebenes Label Rekids zu schmieden. Und das Eisen ist heiß.
Text: Sven von Thülen aus De:Bug 130


Matt Edwards sieht müde aus. Der Regen peitscht ihm ins Gesicht, während er die letzten Kisten, Kästen und Leisten aus dem VW-Transporter wuchtet und sich aufmacht, die ganze Fuhre zu einem Lastenaufzug im zweiten Hinterhof zu ziehen. Gemeinsam mit Robbie, einem Freund aus London, ist er vor nicht ganz zehn Stunden in Berlin angekommen. Mit besagtem Transporter, den sie – ohne groß Pausen zu machen – in einem Rutsch von Brighton nach Berlin gefahren haben, vollgeladen mit Tausenden von Platten und Matts restlichem Hausstand, der noch in Brighton in seiner alten Wohnung lagerte.

Als sie früh morgens in Berlin ankamen, waren die beiden vom Schlafentzug so aufgekratzt, dass sie direkt zu IKEA fuhren, um schnell noch Regale und was man sonst noch so braucht einzukaufen. Danach in diverse Baumärkte. (Robbie, Matts Freund aus London, der eigentlich Lehrer ist, outet sich später als begeisterter Heimwerker. Und wenn man ihm glaubt, dann bilden deutsche Baumarkt-Ketten wie OBI oder Hornbach die Belle Etage des internationalen Heimwerker-Himmels.) Das volle Programm.

Matts Wohnung quillt über vor Platten, Plattenkisten, unaufgehängten Pop-Art-Bildern und einer ganzen Heerschar an Spiel- und Action-Figuren. “Mein Vater und Großvater waren auch Sammler. ich glaube, ich hab’ es in den Genen, Dinge zu kaufen und zu sammeln”, erklärt Matt mit einem Grinsen und zeigt mir seine neuesten Fundstücke – zwei etwa dreißig Zentimeter große ”Fix und Foxi”-Figuren aus den Fünfzigern oder Sechzigern.

Hausmusik
Seit gut anderthalb Jahren wohnt Matt Edwards aka Radio Slave in Berlin. Zuerst gemeinsam mit Jesse Rose in Prenzlauer Berg und jetzt, seit einem knappen halben Jahr, in einer geräumigen Fabriketage in Kreuzberg. Länger als ein, zwei Wochen am Stück hat er bis jetzt weder in der einen noch der anderen Wohnung verbracht. Zu viel ist er als DJ unterwegs. Trotzdem stellt seine neue Wohnung, die er in den letzten fünf Monaten hat um- und ausbauen lassen, so etwas wie einen Neunanfang dar.

So langsam kommt er in Berlin an. “In meiner alten Wohnung, in der ich mit Jesse gewohnt habe, konnte ich keine Musik machen. Fürchterliche Nachbarn. Ein junges Paar, Indie-Kids, aber so was von nervig. Die haben wegen jedem Kram Stress gemacht. Jetzt fühle ich mich wohl, im Sommer baut der Vermieter noch eine Terrasse an. Und ich kann so laut sein, wie ich will. Mein Nachbar nebenan macht auch Musik, HipHop und Afro-Kubanische-Sachen. Es ist perfekt. In England hatte ich mein Studio auch zu Hause.

Ich mag es, zwischendrin zu kochen, die Musik sich setzen lassen und dann weiterzuarbeiten. Die Vorstellung, dass ich ins Studio fahren müsste, macht mich gar nicht an. Alleine schon weil ich die Beobachtung gemacht habe, dass man nicht zum Arbeiten kommt, wenn man irgendwo sein Studio hat, wo es noch mehrere andere Studios gibt. Man quatscht viel, dann kommt jemand mit ‘nem Drink oder einem Joint vorbei und am Ende hat man nichts geschafft.”

rekids-jm-dirty1

Mit Terror zum Erfolg
2008 war ein turbulentes Jahr für Matt und sein gemeinsam mit seinem Freund James Masters betriebenes Label Rekids. Erst meldete ihr Vertrieb Amato Insolvenz an und brachte sie an den Rand der Aufgabe und dann, kein halbes Jahr später, landeten sie mit PIAS als neuem Vertrieb dank Dubfires ”Planet Terror“-Remix von Matts Track ”Grindhouse Tool“ einen der Konsens-Hits des Jahres. Laut Matt die bestverkaufte Vinylveröffentlichung von PIAS im letzten Jahr. 2009, so viel ist klar, soll der Erfolg von Rekids trotz sinkender Vinyl-Verkäufe und generellem Umbruch in der Musikindustrie fortgesetzt werden.

“Wenn ich Rekids nicht mit James machen würde, wäre nach der Amato-Pleite Schluss mit dem Label gewesen, so viel Geld haben wir verloren. Aber nach allem, was wir erreicht hatten, wollten wir unbedingt weiter machen. James hat sich wirklich reingehängt, das Label wieder fit zu kriegen. Er hat einen toughen Business-Hintergrund und vor Rekids jahrelang für einen der weltgrößten Radlager-Hersteller gearbeitet. Muss ein stressiger Bürojob gewesen sein. Aber die Erfahrung, die er aus der Zeit mitgebracht hat, kommt uns jetzt zu Gute. Er hat auch Crosstown Rebels geholfen, nach der Amato-Pleite wieder auf die Beine zu kommen.”

Matt und James trafen sich Anfang der Neunziger in Wales, wo James zur Uni ging und, nachdem er, das SubPop-Indie-Kid, dank einer Freundin mit Chicago-House in Berührung kam, nebenbei Partys veranstaltete. Irgendwann buchte er Matt, der zu der Zeit Resident-DJ im Londoner Ministry Of Sound war, es machte klick und die beiden wurden Freunde. ”Wir hatten viel Spaß damals. Es gab noch viele illegale Open-Air-Raves in den Bergen, wir waren viel feiern und haben den Rest der Neunziger damit verbracht, wie besessen Relief- und DJ-Sneak-Platten zu hören”, erinnert sich Matt schmunzelnd.

Re-Edits, Rekids, Revolution
Rekids wurde vor drei Jahren als Nachfolger von Matts erstem Label Rekid, auf dem er seine Re-Edits und Mash-Ups von Pop-Größen wie Kylie Minogue, Jay Z oder 50 Cent veröffentlicht hatte, ins Leben gerufen. Das Edit-Ding hatte sich abgenutzt und ein neues Label musste her. Als Matt James fragte, ob er sein Labelmanager werden wollte, zögerte der keine Sekunde und hängte seinen Bürojob an den Nagel. Seitdem haben die beiden Rekids dank einer fast schon beängstigenden Konstanz langsam aber sicher zu einem der einflussreichsten britischen Dance-Label entwickelt.

Auf der gerade erschienenen Label-Compilation ”Rekids Revolution”, die auf drei CDs die wichtigsten Rekids-Momente des Labels zusammenfasst und mit einigen exklusiven Tracks einen Vorgeschmack auf das gibt, was noch kommen soll, kann man diese Entwicklung noch einmal sehr schön nachvollziehen. Obwohl Rekids-Tracks sich auch in einem kleinen, dunklen Club pudelwohl fühlen, verströmen sie immer dieses gewisse Großraum-Feeling. Hinter der spröde-loopigen Repetition lauert die große Rave-Geste. Tracks wie Matt O’Briens Mentasm-Heuler ”Serotonine” oder Radio Slaves “Grindhouse Tool” sind die besten Beispiele für einen Sound, der die Dynamik der Dancefloor-Euphorie perfekt durchdekliniert, sich dabei aber Zeit lässt und den Höhepunkt gezielt vor sich herschiebt. Dass er irgendwann kommt, darüber kann man sich bei Rekids sicher sein.

Aber man würde dem Label nicht gerecht werden, wenn man es auf diese funktionalen Dancefloor-Momente beschränkt. Die musikalische Klammer ist viel weiter gefasst. Toby Tobias’ organische Disco-Exkursionen finden hier genauso ihren Platz wie Jiak Hogans Electro-Hop oder Luke Solomons spleenig-techige House-Tracks. In Zukunft sollen noch mehr Soundfacetten dazukommen.

“Ich bin ein Musik-Enthusiast und -Fan. Ich hab’ mich schon immer in Musik verloren”, erklärt Matt und wie um die Aussage zu unterstreichen fängt er an, von den vielen jungen Produzenten, mit denen er im Laufe des letzten Jahres in Kontakt gekommen ist, zu schwärmen und von den unzähligen Plänen, die er und James haben, zu erzählen. Und derer sind da viele. Krise hin, Krise her. Nach der gerade erschienenen Label-Compilation “Rekids Revolution“ stehen für 2009 schon jetzt nicht weniger als 15 Maxis und diverse Alben (u.a. von Toby Tobias, Luke Solomon, Boola und Jiak Hogan) an.

Ein Digital-Label, das auf den Namen Rek’d hören wird, steht auch in den Startlöchern. Ganz zu schweigen von dem nächsten, drei CDs umfassenden Großprojekt “Radio Slave Works”, einer Compilation von Matts zahlreichen Remixen. ”Wir wollen in Zukunft noch Künstler-orientierter arbeiten, mehr Alben herausbringen. Es muss nicht immer elektronisch sein, ich würde auch gerne eine Band auf Rekids entwickeln. Warp ist da mein großes Vorbild. Sie haben bewiesen, dass man in jedem Genre aufregende Musik finden und sie unter einem Dach veröffentlichen kann. Aber das braucht alles Zeit.”

rekids-jm-steela1

Rave-Gadgets
Zwischen diversen Kisten fummelt Matt einen kleinen schwarzen Plastik-Burger mit USB-Stecker hervor. Wie sich herausstellt, ein gar nicht mal so schlecht klingender Mini-Monitor. Ein weiteres Feld, auf dem sich Rekids in diesem Jahr austoben wollen: Gadgets. “Wir arbeiten gerade mit den japanischen Designern von Tofy Toys zusammen, sie sollen für Jiak Hogan Characters entwickeln, aus denen wir dann wahrscheinlich auch Figuren machen lassen werden.” Matt, der eigentlich gelernter Grafik-Designer ist und schon mit 16 in Soho als Assistent in Galerien arbeitete, sagt, dass er sich mit diesen Spielereien einen Traum erfüllt, nämlich mit den Designern und Künstlern zusammenzuarbeiten, deren Arbeit er seit Jahren verfolgt und sammelt.

“Wir wollen mehr Projekte machen, wo sich Musik und Design/Kunst verschränken. Es wird in Japan spezielle Rekids-T-Shirts geben und wir werden für unser Cover-Artwork mit unterschiedlichen Designern zusammenarbeiten. Mir ist das wichtig. Auch wenn es teuer ist, werden wir so hart kämpfen, wie wir können, um Vierfarb-Cover für unsere Platten beizubehalten. Wenn es einen Weg gibt, die Musik, die du liebst, zu pushen, sie zu etwas Besonderem zu machen, dann musst du es tun. Und es gibt so viel zu tun. Man muss neue Wege gehen.” Matt hält kurz inne und fügt dann mit entschlossener Stimme an: “Ich glaube, dieses Jahr werde ich mich mehr auf das Label konzentrieren und weniger auf Radio Slave.”
http://www.rekids.com

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.