Schneider TM war im Knast. Die Musik, die er dort mit jungen Häftlingen produziert hat, fasst Gangsta Rap undHörspiel-Varianten in einen fesselnden Mix.
Text: Sami Khatib aus De:Bug 94

RELEASE // SchneiderTM hilft bei Knastmusik

Nicht erst seit Michel Foucaults “Überwachen und Strafen“ wissen wir, dass die Institution des Gefängnisses nicht bloß ein negativer Wegschließbereich für Straftäter ist. (Die Geburtsurkunde unseres Autors bestätigt uns, dass er bei Erscheinen von “Surveiller et Punir ” noch im produktiven Überwachungs- und Disziplinierungsapparat der Gebärmutter war, somit also wirklich gleichzeitig mit Foucault die vorausgehende Idee quasi am eigenen Leib erfahren konnte. Die Red.) Die Mechanismen, die die Delinquenz überwachen und formieren, sind vielmehr Ausdruck eines produktiven Überwachungs- und Disziplinierungsapparats, der die gesamte Gesellschaft durchzieht. Gefängnisalltag heißt Einschließen, Aufschließen, genau berechneter Tagesablauf, geregelte Besuchszeiten, Arbeitdienst zum Ausbeutungstarif und Wareneinkauf zu erpresserischen Konditionen.
Vor diesem Hintergrund lässt sich das Projekt “Release“ als der Versuch charakterisieren, mit den Mitteln von Musik und Hörspiel auf die alltägliche Gefängnissituation aufmerksam zu machen, ohne einen “Sozialporno“ zwischen Reality-“Big Brother“ und sozialpädagogischer Wandergitarre zu stricken. Die Idee der Hörspielmacher Paul Plamper, Beat Halberschmidt und Marion Czogalla, mit Gefängnisinsassen Tracks einzuspielen, fällt auf angenehme Weise aus den disziplinierenden Belohnungsstrategien und subtilen Kontrollmechanismen gängiger Knastpädagogik heraus. Auf “Release“, was ja auch “Befreiung“ heißt, produzieren vier junge Gefangene aus der Jugendstrafanstalt in Berlin-Plötzensee und dem Frauengefängnis der JVA Berlin-Lichtenberg, allesamt wegen Kleinkriminalität, Körperverletzung oder Drogengeschichten eingesperrt, ergebnisoffen eigene Stücke. Unterstützt werden sie vom soundtüftelnden Indiehelden Schneider TM, der auf Paul Plampers Anfrage spontan für dieses Projekt gewonnen werden konnte. Entstanden ist eine wohl einmalige musikalische Konstellation zwischen Aggro Berlin meets Ragga, serbokroatischem Traditional-Fusion-HipHop und introvertierter Electronicalyrik.
Da Schneider wie Plamper nicht für eine “Deutschland sucht den Superknasti“-Geschichte temporär in den Knast gegangen ist, spielen bei der Auswahl der für “Release“ in Frage kommenden Gefangenen weniger deren musikalische Vorbildung oder Style als persönliche Sympathie und beiderseitiges Interesse an einer experimentellen musikalischen Kooperation eine Rolle. Schnell kristallisieren sich vier junge Insassen, Rados, Ingo, Sabrina und Mogli, heraus, die mit Hilfe von Schneiders mobilem Aufnahmestudio Stücke einspielen.
Auf der beiliegenden Doku-Hörspiel-CD gehts bei Rados und Ingo im Jungsknast zunächst ums Posen, Dissen von “Spasten“ und Bagatellisieren von Körperverletzung. Klar, auf Berlins Straßen herrschen harte Sitten. Und das weiß auch das auf den Straßen einer Bielefelder Trabantensiedlung aufgewachsene Lehrerkind Schneider TM, das sich vom Gefangenen Ingo, Marke Märkisches-Aggro-Viertel, nicht aus der Ruhe bringen lässt. “Das ist halt Street“, schmunzelt Schneider TM beim Interviewtermin. Doch es geht hier um mehr. Schneider gelingt es beinahe beiläufig den Zusammenprall unterschiedlichster musikalischer Backgrounds, Lebenserfahrungen und sozialer Herkünfte in Tracks zu gießen, ohne vordergründig auf eine vermeintlich originäre Knasterfahrung zu spekulieren.
“Ingo aka MV Egon hatte bereits einige Sachen auf Kassette eingerapt, an denen man merkte: Der brennt, da geht was. Ingos Raps fliegen manchmal über den Beat hinaus, fasst ein bisschen Diestelmeyer-mäßig.” Mit “Lüge vs. Wahrheit“ (feat. Julia Hummer) hat MV Egon sicherlich den potenziellen Hit von “Release“ auf dem Gewissen. Gleichwohl, dem Sido-Bekannten gehört nicht die alleinige Show. “Rados, der mir gleich sympathisch war, ist introvertierter als Ingo, aber nicht zu unterschätzen. Sein serbokroatischer Track(‘Mein Leben’) ist total abgefahren.“
Im Frauenknast gelingt es Schneider, Sabrinas introvertiert düstere Lyrics mit Ingos Battle-Rhymes zu fusionieren. Begleitet wird Sabrina von Mogli, ihrer Freundin und Punkerin, die im Knast Schlagzeug gelernt hat.
Mogli hatte bei ihrer Verhaftung besonderes Pech. In zwei aufeinander folgenden Jahren am 1. Mai Steine geworfen, zweimal vom gleichen Bullen verhaftet und ab ins Gefängnis. Dazu bargeldloser Alkoholeinkauf und Demolierung eines Autos, das ihren Hund überfahren hatte. “Also alles Sachen, die man unter Umständen auch machen würde“, meint Schneider unaufgeregt. Als gefängnispolitisches Fazit würde das der selige Foucault bestimmt durchgehen lassen.

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Elektronische Lebensaspekte.