René Breitbarth hievt sich aus der Sackgasse, in die er mit Gitarrenmusik und Frickelkram geraten war. Sein Album "Solar" bricht durch zu sonnig verspielten Flächen, die Verkrampfung gegen Harmonie einlösen. Techno bekämpft das HB-Männchen.
Text: Katja Hanke aus De:Bug 69

Grübeln war gestern
René Breitbarth

Zugegeben, es ist peinlich. Ich besitze keinen Plattenspieler. Lohnt sich nicht, dachte ich immer. Ist sowieso nur eine Phase. Das geht vorbei. Seit acht Jahren denke ich das. Die Phase hält an. Aber jedes Jahr meine ich dem Ende näher zu kommen und jedes Jahr lohnt es sich somit noch weniger … Wahrscheinlich bin ich zu vielen Früher-hörte-ich-nur-Techno-Menschen begegnet. Die, die nach einer kurzen, intensiven Zeit gesetzt und ausgeglichener wurden, mit Erik Satie auf CD und so. René Breitbarth kann solche Geschichten auch erzählen. Seine endet anders. Er ist an den Anfang zurückgekommen. Und dabei ausgeglichener als je zuvor.

Jugendliche Ignoranz
Sein erstes Album ist gerade auf Treibstoff erschienen. Eigentlich sollte das viel früher passieren. Wenn da nicht dieser Überdruss gewesen wäre. “Seit 1992 hatte ich nur Techno gehört, später auch selbst gemacht. Gehört und gemacht und alles andere war Scheiße. Vor zwei, drei Jahren hatte ich dann keine Lust mehr auf die kahle Bassdrum, keine Lust Musik zu machen.“ Ausschließlich Gitarrenmusik hat er da gehört und nebenbei “so elektronischen Frickelkram“ gemacht. Kein Material für Treibstoff, wie er meint. Aufs Album ist es trotzdem gekommen, als kleines Extra. In “Klang-Hörspiele“ integriert als Sound-Dateien für den Rechner.

Besser spät als nie
Dass es zum Album überhaupt gekommen ist, sei vor allem Freunden zu danken. “Die waren hartnäckig, haben nicht locker gelassen und mich dazu bewegt, doch weiter zu machen. Damals hatten M.I.A. und Falko Brocksieper zum Beispiel Substatic gegründet und mir immer wieder Platten mitgebracht: ‘Hör dir das an, das ist wirklich gut.’ Ihr Enthusiasmus hat mich wieder angesteckt.“ Gitarrenmusik hört er aber immer noch und dieses Bewusstsein, für andere Musik offen zu sein, das sei ihm jetzt besonders wichtig. Hört sich irgendwie selbstverständlich an. Er nennt es seine ”harte Entwicklung“. An deren Ende steht die wieder entdeckte Freude an der Musik und ein Album, das sich, wenn man diese Geschichte kennt, besonders enthusiastisch anhört. Grübeln ist nicht mehr. Die Musik klingt unbekümmert und locker aus der Hüfte. “Solar“ heißt das Album. Denn auf der sonnigen Seite, da lebe er ja schließlich auch. “Musik soll Humor haben“, sagt er und lacht. “Die Harmonien gehen oft sogar bis an die Kitsch-Grenze.“ Um Melodie geht es schon, aber so simpel wie diese Sätze klingen, ist das Album glücklicherweise nicht.

Ausgelassener Spaziergang durch die Genres
Auffallend ist, dass alle Stücke clubkompatibel sind. Das gängige Konzept, auf Albumlänge zwischen die tanzbaren Stücke auch ruhige zu setzen, hat es René Breitbarth nicht angetan. Ruhepausen gibt es bei ihm nicht. Jedes Stück groovt. Auch das ist Teil der Geschichte. ”Ich dachte mir, wenn ich wieder Musik mache, dann auch richtig.“ Und ”richtig” bedeutet tanzen. Die Bassdrum zeigt den Weg. Aber nicht verbissen oder alles andere unter sich platt machend. Lässig tut sie es, schwingt sich durch die Stücke. Die sind irgendwie House: mal deep, mal dubbig, dunkel oder auch trancig. Oder alles zusammen. In einem Track. Da kommt es vor, dass ein düster-clickriges Stück, das gemächlich anfängt zu schuben und zu grooven, einen packenden Funk entwickelt und dann durch zarte Flächen und nette Geräuschchen so melodisch wird, dass es letzten Endes vollkommen verständlich ist, wenn es in bester Ambient-Tradition pathetisch davon schwebt. René Breitbarth scheint sich gerne quer durch die Genres zu bewegen. Kein Stück ist das, was es anfangs scheint. Vorhersehbarkeit gibt es nicht. Dafür mutige Harmoniewechsel, fast Stilbrüche, die letztendlich aber ein kohärentes Ganzes ergeben. So, als wäre alles aus einem Guss. Manche Stücke sind das auch. ”Als ich wieder Musik machen konnte, habe ich manchmal zwei oder drei Stücke an einem Abend durchgezogen“, erzählt er. ”Es floss einfach. Und obwohl ich danach noch hätte verbessern können, habe ich es meist nicht mehr getan.“

Wohldosierte Glückseligkeit
Ganz spontan, das alles, und ganz ohne Plan. Fließen soll es. Nicht kompliziert sein wie die ”Frickelsachen“ damals. ”Was bringt denn das“, sagt er jetzt, ”Musik nur für mich allein? Die Leute müssen sie doch auch gut finden.“ Werden sie auch. Doch wirkt soviel Energie und Freude auf manchen leicht ermüdend. Da braucht man Pausen. Zum Ausruhen, vielleicht auch zum Grübeln. Mit den ”alten Sachen“, den ”Klang-Hörspielen“ aus dem Computer. Ohne Endlosglück und Sonnenbrand. Ruhige Stücke, manchmal auch komplex. Dann kann es wieder weitergehen. Mit groovender Bassdrum. Die Phase ist noch lange nicht vorbei.

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Elektronische Lebensaspekte.